Digital-Index: Große Kluft zwischen KI-Nutzern und Abstinenzlern in der Republik
Beim Einsatz von KI ist Deutschland gespalten: 60 Prozent der Bundesbürger mit hohem, aber nur 17 Prozent mit niedrigem Bildungsniveau verwenden die Technik.
(Bild: BlurryMe/Shutterstock.com)
Künstliche Intelligenz (Kl) prägt zunehmend Alltag und Arbeitswelt. Doch bei ihrer Nutzung öffnet sich eine neue digitale Kluft entlang weitgehend bekannter Muster: 60 Prozent der Menschen in Deutschland mit hohem Bildungsniveau verwenden die Technik– aber nur 17 Prozent mit niedrigem. Das sind Zahlen aus dem Lagebild der digitalen Gesellschaft für 2024/25, das die Initiative D21 am Montag veröffentlichte.
Die aktuelle repräsentative Studie, für die das Marktforschungsinstitut Kantar im Auftrag von D21 zwischen August 2023 und Juli 2024 34.257 Interviews durchführte, zeigt den Autoren zufolge "eine dynamische Entwicklung" bei KI in Deutschland. Ein Viertel der Bevölkerung nutzt ChatGPT (plus 7 Prozentpunkte). Weitere KI-Anwendungen wie Microsoft Copilot (7 Prozent) und Google Gemini (6 Prozent) holen auf, sind aber noch weniger verbreitet. Besonders die "Generation Z+", also die nach 1995 Geborenen, verdeutlichen laut den Forschern mit einer KI-Nutzungsrate von 68 Prozent das Potenzial dieser Technologien.
Die zugleich ausgemachte deutliche Spaltung auf diesem Gebiet macht es den Verfassern zufolge nötig, KI-Kompetenzen "gezielt und inklusiv" zu fördern. Die Motivation zur KI-Nutzung sei der damit verknüpfte praktische Mehrwert: Die Menschen schätzten dabei vor allem die Erleichterung des Alltags (33 Prozent), die Zeitersparnis und kostenlose Angebote (je 28 Prozent). Eine klare Orientierung am konkreten Nutzen bilde eine solide Basis für die weitere Verbreitung von Kl-Anwendungen. In den USA ist die Situation laut einer anderen Studie geradezu umgekehrt: Dort sollen eher weniger Gebildete gezielt KI nutzen.
43 Prozent setzen KI-Bots als Suchmaschine ein
Die verschiedenen Generationen setzten dabei unterschiedliche Schwerpunkte, geht aus der Analyse hervor. Für die unter 30-Jährigen stehe die Zeitersparnis im Vordergrund, während hohe Kosten für sie die größte Hürde darstellten. Die bis zu 60-Jährigen sowie die Babyboomer sähen die Erleichterung alltäglicher Abläufe als wichtigsten Vorteil, wobei ältere Generationen zusätzlich besonders auf Datensicherheit achteten. Unterschiedliche Zielgruppen erreiche man also mit unterschiedlichen Argumenten.
"Für die weitere Entwicklung spielt Vertrauenswürdigkeit eine Schlüsselrolle", ist der Untersuchung zu entnehmen. Die Menschen müssten sich darauf verlassen können, dass Kl-Anwendungen "verantwortungsvoll entwickelt und eingesetzt werden - insbesondere in Bezug auf Datenschutz und Datensicherheit sowie die Qualität Kl-generierter Informationen". Dafür spreche auch, dass schon 43 Prozent der Nutzer Kl-Systeme als Suchmaschinen verwendeten.
Die "transformative Kraft" von KI werde aber unterschätzt, geben die Experten zu bedenken: 50 Prozent der Berufstätigen betrachteten sie als nützliches Werkzeug für unliebsame und monotone Aufgaben. Viele gingen bislang indes noch nicht von einer grundlegenden Veränderung ihres Arbeitsplatzes durch die Technik aus. Nur 15 Prozent fürchteten, durch KI nicht mehr gebraucht zu werden. 77 Prozent der Befragten erwarteten aber, dass bestimmte Tätigkeiten oder Berufe bis 2035 durch die Digitalisierung verschwinden. Generell erweise sich die kontinuierliche Weiterentwicklung digitaler Kompetenzen als Schlüssel, um im Sattel zu bleiben. Doch nur 16 Prozent der Arbeitnehmer hätten im vorigen Jahr von ihren Arbeitgebern finanzierte Weiterbildungsangebote zu digitalen Themen wahrgenommen.
Digital-Fitness war in Vorjahren schon höher
Generell steigt der Digital-Index gegenüber dem Vorjahr nur um einen auf 59 Punkte. Zum Vergleich: 2021 lag er bei 63 von 100 Punkten, 2020 bei 60. Dieser Anzeiger misst, wie fit die Bevölkerung im Privat- und Arbeitsleben im Umgang mit digitalen Techniken ist. Als alarmierend werten die Wissenschaftler die Stagnation bei der Kompetenz, die eine zentrale Voraussetzung für aktive Teilhabe und Anpassungsfähigkeit in der digitalen Welt sei.
Der Index zeigt auch, wie unterschiedlich die Menschen in Deutschland die technische Entwicklung erleben: 36 Prozent der Bürger zählen zu den digitalen Profis, die kompetent mit dem Wandel umgehen. 48 Prozent sehen in der Digitalisierung eine Chance für persönliche und berufliche Entwicklung. 63 Prozent der Menschen hierzulande fühlen sich gut auf die Transformation vorbereitet. 15 Prozent hingegen sind digitale Vermeider und haben damit kaum oder gar nicht Teil an der digitalen Gesellschaft. Rund 52 Prozent stehen dem Wandel distanziert, skeptisch oder ablehnend gegenüber. Gut der Hälfte der Bürger fehlen digitale Basiskompetenzen. Laut EU-Ziel sollen es 2030 nur noch 20 Prozent sein.
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Noch immer 4,2 Millionen Offliner
4,2 Millionen Bundesbürger sind laut der Studie nach wie vor offline. Das Statistische Bundesamt zählte 2022 rund 3,4 Millionen Nonliner. Unter dieser Gruppe wachse die empfundene Komplexität der Technik als Grund für die Internetablehnung, heißt es nun. In den vergangenen Jahren habe sich eine Art "Digitalisierungsmüdigkeit" eingestellt, halten die Forscher fest. Dies gelte gerade für die Annahme, dass sich die digitale Wende auch günstig auf den grünen Wandel auswirke. 28 Prozent der hiesigen Bevölkerung nutzten aber digitale Instrumente wie Smart-Home-Systeme für effizientes Energiemanagement, um ihren ökologischen Fußabdruck zu verringern.
Weitere Erkenntnis: Die politische Meinungsbildung verlagert sich zunehmend in soziale Medien. 11 Prozent der Befragten informieren sich ausschließlich dort über politische Themen. In der Generation Z+ sind es sogar 29 Prozent. 51 Prozent trauen sich zu, die Richtigkeit von Informationen und ihren Quellen im Netz zu prüfen. Der Anteil der Bürger, die nach eigener Darstellung seriöse von unseriösen Nachrichten unterscheiden können, ist aber von 60 Prozent 2022 auf 57 Prozent gesunken. D21-Präsident Marc Reinhardt betont: "Digitalisierung darf nicht spalten – sie kann und muss verbinden: Generationen, Bildungsschichten und Regionen."
(nen)