Greenpeace: "Ă–PNV-Ausbau braucht einen Booster"

In vielen Städten komme der Ausbau des Nahverkehrs nicht schnell genug voran, um die gesteckten Ziele zu erreichen, heißt es in einer Studie von Greenpeace.

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S-Bahn Berlin

(Bild: Deutsche Bahn AG / Volker Emersleben)

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Ein leistungsstarker Nahverkehr steht als Ziel in vielen Wahlprogrammen, und das zum Teil schon seit geraumer Zeit. Doch die Umsetzung kostet Geld, was vielfach nicht in die Hand genommen wird. Wie schwierig eine dauerhaft solide Finanzierung ist, lässt sich aus der Debatte rund um das Deutschlandticket zumindest erahnen. Dabei geht es dort nur darum, dem System ÖPNV nicht noch Geld zu entziehen. Von einer massiven Aufstockung der Mittel zur Ertüchtigung des Nahverkehrs ist vielerorts keine Rede. Zu diesem Schluss kommt im Kern auch eine Studie von Greenpeace, die das ÖPNV-Angebot in 30 deutschen Großstädten von 2023 mit dem aktuellen verglichen hat.

Demnach kommt der Ausbau des Bus- und Bahnangebots kaum voran. In Berlin und vier weiteren Städten sei der öffentliche Personennahverkehr (ÖPNV) in den vergangenen zwei Jahren sogar gekürzt worden, heißt es in der Studie, die im Auftrag der Umweltorganisation Greenpeace erstellt wurde. Nur ein Drittel der Städte habe den Nahverkehr seit 2023 um mehr als ein Prozent ausgebaut.

"Um die Klimaziele im Verkehr zu erreichen, müsste das ÖPNV-Angebot pro Jahr um mindestens 4,5 Prozent wachsen", heißt es. Dies erreiche derzeit nur Leipzig. Um das Ziel, die Zahl der Fahrgäste bis 2030 zu erreichen, müsste das Angebot sogar um 8 Prozent jährlich wachsen. "Der ÖPNV ist das Rückgrat eines sauberen, klimaschonenden Verkehrs, doch in den meisten Städten steht der Ausbau auf der Kriechspur", meint Greenpeace-Verkehrsexpertin Lena Donat. Deutschlands Städte bräuchten einen "Booster für Bus und Bahn". Dabei müsse der Bund ihnen finanziell beistehen, argumentiert Greenpeace.

Am höchsten war der Rückgang mit einem Minus von 7,1 Prozent der Studie zufolge in Berlin. Aber auch in Kiel (minus 3,7 Prozent), Köln (-3,1), Frankfurt am Main (-2,8) und in Karlsruhe (-2,5) schrumpfte das Angebot deutlich. In zwölf Städten tat sich dagegen kaum etwas. Die Zu- oder Abnahme lag bei plus/minus einem Prozent. In Leipzig legte das Angebot dagegen innerhalb von zwei Jahren insgesamt um 14,6 Prozent zu. Auch Nürnberg (+5,4), Aachen (4,3), Münster (3,9) und Dresden (3,1) verzeichneten Zuwächse.

Die wichtigsten Gründe für Rückgang und Stagnation sind Greenpeace zufolge fehlendes Personal und unzureichende Finanzierung. Schon um das aktuelle Nahverkehrsangebot aufrechtzuerhalten, ohne die Arbeitsbedingungen zu verbessern, tue sich bis 2030 eine Personallücke von bis zu 65.500 Fahrern auf, schätzt das Beratungsunternehmen KCW. Das entspricht einer Zahl von knapp 50 Prozent der aktuellen Fahrer. Für eine Verdoppelung der Fahrgastzahlen bis 2030 würden zusätzlich noch einmal bis zu 90.000 Fahrer benötigt.

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An der Spitze der Tabelle steht Leipzig. Die Stadt in Sachsen habe 2023 beschlossen, das "Liniennetz der Zukunft" einzuführen und das ÖPNV-Angebot in drei Schritten zu verbessern. Seit 2024 biete die Stadt zusätzliche Buslinien und dichtere Takte auf mehreren Bus- und Straßenbahnlinien. Doch auch hier drohten finanzielle Probleme. In Berlin fehlten vor allem Busfahrer. Hinzu käme ein veralteter U-Bahn-Fuhrpark, der immer wieder zu Verspätungen und Zugausfällen führt. Seit langem bestellte, aber immer wieder verzögerte, neue U-Bahnzüge sollen ab September nach und nach in Betrieb gehen. Berlin habe trotz allem immer noch ein sehr gutes ÖPNV-Angebot, betonte Greenpeace.

Berlin und andere Städte selbst kommen nach Greenpeace-Angaben auf einen geringeren Angebotsrückgang als in dieser Erhebung festgehalten. Die Differenz sei wahrscheinlich auf unterschiedliche Berechnungsmethoden zurückzuführen, heißt es. So würden längere Züge in der Auswertung nicht berücksichtigt. Untersucht wurde der ÖPNV in den 30 größten Städten in Deutschland. Grundlage ist die Anzahl der Abfahrten aus öffentlich zugänglichen Fahrplandaten. Für Bielefeld, Bremen und Mannheim seien die Datensätze unvollständig gewesen.

(mfz)