Transparenz und Geheimnis
Das Private changiert: Immer mehr vormals Privates wird öffentlich - und Öffentlichkeit mit technischer Hilfe privat.
- Peter Glaser
Es sind längst nicht mehr nur Medientechnologien, die eingreifen in das, was nun öffentlich sein soll und was nicht. Wer die automatische S-Bahn zwischen dem Hafen der japanischen Stadt Kobe und der künstlich angelegten Insel Rokko benutzt, kann während der Fahrt ein bemerkenswertes Phänomen beobachten: An einigen Streckenteilen fährt der Zug sehr nahe an Wohnhäusern vorbei – und jeweils kurz davor werden die Fensterscheiben des Zugs plötzlich milchig und intransparent. Der Grund: So soll die Privatsphäre der Anwohner geschützt werden (hier ein kurzes Video). Die Scheiben sind aus sogenanntem "Privacy Glass" gefertigt, das sich auf Knopfdruck zwischen durchsichtig und undurchsichtig umschalten lässt. Kleine Signalgeber an der Strecke teilen den Zugfenstern automatisch mit, wann sie den elektronischen Vorhang zuziehen sollen und wann der Blick wieder freigegeben werden kann in die Bereiche, die uns gemeinsam verfügbar sind. In die Öffentlichkeit.
Durch Sensorik und neue digitale Kommunikationsmittel werden die Wände, die uns umgeben, porös und durchlässig. Der Begriff des Privaten changiert immer mehr; vormals Privates wird öffentlich. Schnappschüsse, die früher in Schuhkartons im Wohnzimmerschrank vergilbten, werden nun auf Portalen wie Flickr millionenfach vor den Augen der Welt ausgebreitet. Dachböden und Keller aus aller Herren Länder lassen sich auf Ebay durchwühlen. Und wer gerade sein Herz verloren hat oder sich vielleicht auch nur vor dem Einchecken in einem Flughafenwarteraum langweilt, kann das über Facebook oder Twitter umgehend einem transnationalen Publikum zur Kenntnis bringen.
Schon die Mobiltelefonie hat unsere Vorstellung von dem, was niemanden da draußen etwas angeht und was doch, spürbar verändert. Sie lässt uns – ob wir wollen oder nicht – an Gesprächen teilhaben, die früher nur hinter verschlossenen Türen geführt worden wären. Abgeschirmte Bereiche weichen einer lichtdurchfluteten Transparenz, in der sich eine Gesellschaft sonnt, der die Lust am Geheimnis abhandengekommen zu sein scheint.
Nirgendwo zeigt sich das deutlicher als am langsamen Schwinden der Telefonzelle. Ursprünglich ein geschlossenes Häuschen, wurde sie im Lauf der Jahre immer durchlässiger und weniger. Die Türklinke verschwand, stattdessen gab es Schwingtüren, in Bodenhöhe offen und zugig, wie man es von den Kabinen öffentlicher Toiletten kennt. Mancherorts schrumpfte die Zelle zu durchsichtigen Schallschutzwangen, zwischen denen man nur noch den Kopf in Schutz bringen kann vor sich unerwünscht ausbreitender Akustik. Heute hat, was einmal eine Telefonzelle war, alles abgelegt bis auf einen blanken, freistehenden Telefonpfahl, der gelegentlich noch irgendwo am Bürgersteig steht.
Scheinbar noch weiter gehen Toilettenkabinen, in die man durch Glasscheiben von der Straße aus sehen kann – aber auch hier handelt es sich um Privacy Glass. Sobald jemand die Kabine betritt, werden die Wände undurchsichtig. Hoffentlich jedenfalls. Eine der ersten Anwendungen für das Privatglas waren die Umkleidekabinen des 2001 eröffneten Flagship Stores von Prada in New York, deren gläserne Türen aus dem veränderlichen Glas bestehen. Die Türen lassen sich mit einem fußbedienbaren Schalter zwischen Undurchsichtigkeit und Transparenz umschalten.
Die Technologie wird zum einen etwas getrübt (sic!) durch das dicke Glas. Der Designhistoriker D. J. Huppats beschreibt ein LCD-Triptychon in dem Laden, das eine Art religiöser Verbindung mit der Marke heraufzubeschwören versucht, aber von den Touristen meist links liegengelassen wird: die wollen die Umkeidekabinen mit dem schaltbaren Glas und den magischen Spiegeln sehen. Bei diesen "Spiegeln" handelt es sich um große Bildschirme, auf denen sich die Kundin via Kamera sehen kann; da das Bild in Zeitlupe folgt, kann man sich von allen Seiten selbst betrachten. Zu den schaltbaren Glastüren vermerkt Huppats: "the latter mostly not working". (bsc)