Die Woche: Reden, nicht schreien

Kompromisslos haben die VLC-Entwickler die Shoutcast-UnterstĂĽtzung aus der aktuellen Version ihres Players entfernt. Dem Ansinnen AOLs einen nicht Open-Source-kompatiblen Lizenzvertrag zu unterschreiben, wollten sie nicht entsprechen. Nun lenken die Shoutcast-Entwickler ein.

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Von
  • Andrea MĂĽller

Nicht die neuen Funktionen, sondern eine fehlende, sorgte für den meisten Gesprächsstoff beim Erscheinen des neuen VLC-Players 1.1.0. Eine kurze Notiz auf der Projekt-Homepage vermeldete, dass VLC keine Unterstützung für den Shoutcast-Verzeichnisdienst mehr bietet, der Unmengen an Internet-Radio-Streams auflistet. Grund sei, dass AOL die VLC-Entwickler aufgefordert habe, eine Lizenzvereinbarung zu unterschreiben, die nicht mit freier Software kompatibel sei.

AOL, das den Shoutcast-Anbieter Nullsoft 1999 gekauft hat, präsentierte dem VLC-Team einen Lizenzvertrag, der es in sich hat. Besonders die unter Punkt 4.4 aufgeführte Passage sorgte bei den Machern des Open-Source-Players für – gelinde gesagt – Verwunderung:

"When sold or distributed to End Users, the Integrated Product shall not [...] (c) incorporate any Publically Available Software, in whole or in part, in a manner that may subject SHOUTcast Radio or the SHOUTcast Radio Materials, in whole or in part, to all or part of the license obligations of any Publically Available Software. As used herein, the term "Publicly Available Software" means any software that contains, or is derived in any manner (in whole or in part) from, any software that is distributed as free software, open source software or similar licensing or distribution models; and that requires as a condition of use, modification or distribution that such software or other software incorporated into, derived from or distributed with such software: (1) be disclosed or distributed in source code form; (2) be licensed for the purpose of of making derivative works; or (3) be redistributable at no charge."

Heißt das doch nichts anderes, als dass der Vertrieb mit einem Produkt, dass auch in Quelltext-Form verbreitet wird, verboten ist – was bei einem Open-Source-Projekt wie VLC effektiv die Einstellung aller Entwicklungsarbeiten bedeuten würde. Insofern konnten die VLC-Entwickler das Ansinnen AOLs nur als Affront verstehen. Auch andere in der Lizenzvereinbarung verankerte Pflichten wie die zur Auslieferung der Shoutcast-Browser-Toolbar bestärkten die Entwickler in ihrem Entschluss, die Unterstützung für den Verzeichnisdienst aus ihrem Player zu entfernen – und die Nutzer standen hinter den VLC-Entwicklern und wetterten gegen AOL.

Nun dämmerte dem Shoutcast-Team, dass der in letzter Zeit immer seltener genutzte Verzeichnisdienst VLC vielleicht nötiger braucht als umgekehrt und der Mutterkonzern AOL mit seiner Aufforderung zur Unterzeichnung der Lizenzvereinbarung übers Ziel hinausgeschossen war. Im Winamp-Forum, auch ein Produkt von Nullsoft, meldete sich ein Mitglied des Shoutcast-Entwickler-Teams zu Wort, das beklagte, die VLC-Entwickler hätten ja nicht mal das Gespräch gesucht. Solche Probleme seien lösbar, denn es gäbe mit vielen Partnern Vereinbarungen, in denen beispielsweise die Verteilung der Shoutcast-Toolbar ausdrücklich ausgenommen sei.

Aber warum hätten die VLC-Entwickler das Gespräch suchen sollen? Wenn eine Lizenzvereinbarung mitsamt Aufforderung, diese zu unterzeichnen von AOL ins Postfach flattert, die eine im Fall des VLC-Projekts völlig unannehmbare Klausel enthält, dürfte das jede Kommunikationsbereitschaft merklich dämpfen. Zeigt doch das Auftreten nach Gutsherrenart von AOL, dass man seinen potentiellen Vertragspartner nahezu gar nicht kennt und noch dazu glaubt, man könne ihm problemlos eine Standard-Vereinbarung aufoktroyieren, die vermutlich um die Jahrtausendwende entstanden ist, als Open Source noch "bäh" war.

Viel klüger wäre es gewesen, selbst zunächst das Gespräch mit den VLC-Entwicklern zu suchen und dort eine gemeinsame Lösung zu finden. Dass das durchaus geht, sieht man jetzt: Die beiden Parteien sitzen nun an einem Tisch und versuchen eine für alle tragbare Vereinbarung zu erarbeiten. Warum nicht gleich so? (amu) (amu)