Offshore-Atomstrom

In St. Petersburg ist das erste schwimmende AKW vom Stapel gelaufen. Bei diesem Konzept könnte einiges schief gehen – erst recht ökonomisch.

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Von
  • Niels Boeing

Wer die "Renaissance der Kernkraft" für ein Gespenst hält, kann sich zurzeit nur wundern: Das finnische Parlament hat den Bau zweier weiterer AKWs gebilligt, in Schweden gibt es Überlegungen, den Atomausstieg rückgängig zu machen, und in anderen Ländern sind ebenfalls neue Kernkraftwerke zumindest in der Planung.

Nun kann sich nicht jedes Land einen Reaktor vom Typ EPR leisten. Für den kleinen Energiehunger zwischendurch hat Russland aber demnächst Offshore-Atomstrom im Angebot: Vor einigen Tagen lief in St. Petersburg das erste schwimmende AKW, die "Akademik Lomonossow", vom Stapel. Das 140 Meter lange und 30 Meter breite Kraftwerk nimmt zwar erst in zwei Jahren den Betrieb auf, positioniert aber Russland wieder als internationalen Anbieter von Kernkrafttechnik. Kein Wunder, dass der Chef des Staatskonzerns Rosatom, Sergej Kirjenko, beim Stapellauf von einem "Festtag für die gesamte russische Atomindustrie" sprach.

Das Konzept klingt zunächst nicht ungeschickt: Ein beträchtlicher Teil der Menschheit lebt in Küstengebieten, und Rosatom könnte gewissermaßen als Systemdienstleister ein AKW mitsamt Personal verschiffen und am Ende der Laufzeit wieder mitsamt dem Atommüll abziehen. Die Minireaktoren für Entwicklungsländer, die in den USA entwickelt werden, werden hingegen fest an Land installiert.

An Bord befinden sich zwei Reaktorblöcke mit einer Leistung von jeweils 35 Megawatt. Bei 7600 Volllaststunden würde die Akademik Lomonossow im Jahr 532 Gigawattstunden liefern. Zwei solcher AKW-Schiffe könnten also zum Beispiel Kiel (237.000 Einwohner) komplett mit Strom versorgen. Die Druckwasserreaktoren sind vom Typ KLT-40S, der in russischen Eisbrechern eingesetzt wird. Die geplante Laufzeit beträgt 38 Jahre, genug für drei Brennstoffzyklen von jeweils 12 Jahren.

Es ist schon ein merkwürdiger Zufall, dass die Akademik Lomonossow zu einer Zeit zu Wasser gelassen wird, da die Offshore-Ölindustrie im Golf von Mexiko gerade ihr eigenes Tschernobyl erlebt. Auch wenn es sich um kleine Reaktoren handelt, möchte man sich nicht ausmalen, was bei einer Havarie infolge schwerer Stürme oder gar eines Tsunamis passiert.

Hübsch stelle ich mir auch die Schlagzeile vor, wenn solch ein AKW-Boot von Piraten gekapert wird. Da dürften die Lösegeldforderungen am Horn von Afrika ein Klacks gewesen sein. Friedens- und Umweltorganisationen raufen sich denn auch die Haare angesichts der Möglichkeiten zur kriminellen Proliferation von spaltbarem Material.

Durch Wirtschaftlichkeit besticht das Konzept ebenfalls nicht. Alexander Nikitin, der das St. Petersburger Büro der Umweltorganisation Bellona leitet, schätzt die Investitionen anhand von Rosatom-Zahlen auf 5500 Dollar pro Kilowatt installierter Leistung.

Das ist ungefähr doppelt so viel wie beim finnischen EPR in Olkiluoto, für den Prognos 2008 auf Kapitalkosten von 2000 bis 2800 Euro pro Kilowatt kam – auch alles andere als günstig. Wie EPR-Konstrukteur Areva spekuliert offenbar auch Rosatom darauf, dass die Kosten sinken, wenn die Nachfrage steigt. Bisher hat nur der Energiekonzern Gazprom fünf Stück bestellt.

Doch selbst der Gouverneur der russischen Provinz Kamtschatka, die als erste mit dem schwimmenden AKW beglückt werden soll, hält das Konzept für Unfug. Kamtschatka habe überhaupt keinen Strommangel, im Gegenteil, wetterte er in der Tageszeitung Neues Deutschland. Und man müsse doch erst die Bevölkerung befragen, ob sie das AKW überhaupt will.

Man kann nur hoffen, dass der neue Stolz der russischen Atomindustrie ein LadenhĂĽter wird. (nbo)