Freiheit für die Füße

Jahrelang haben Sportartikel-Hersteller ihre Laufschuhe technisch immer weiter hochgerüstet. Jetzt denken sie um - und entwickeln schlichtere Modelle, die dem Fuß möglichst viel natürlichen Spielraum lassen.

vorlesen Druckansicht 4 Kommentare lesen
Lesezeit: 8 Min.
Von
  • Gordon Bolduan
Inhaltsverzeichnis

Dieser Text ist der Print-Ausgabe 05/2010 von Technology Review entnommen. Das Heft kann, genauso wie die aktuelle Ausgabe, hier online portokostenfrei bestellt werden.

Jahrelang haben Sportartikel-Hersteller ihre Laufschuhe technisch immer weiter hochgerüstet. Jetzt denken sie um – und entwickeln schlichtere Modelle, die dem Fuß möglichst viel natürlichen Spielraum lassen.

Thomas Gabemann kennt kein Pardon. Egal ob ihm das heranziehende Sturmtief Xynthia eiskalte Regentropfen ins Gesicht peitscht oder die Fans von Hannover 96 nur wenige Meter weiter gegen den drohenden Abstieg anbrüllen, jeden Sonntag um 17 Uhr startet er seine Joggingrunde um den Maschsee in Hannover. Das Wohl seiner Füße vertraut der 38-jährige Versicherungskaufmann dabei einem Paar dunkelblauer Marken-Laufschuhe an, für die er 90 Euro hinblättern musste – obwohl sie nicht zu den aktuellen Modellen gehörten.

Der hohe Preis liegt nicht nur an der Marke, die Adi Dassler am 18. August 1949 in das Handelsregister von Fürth in Bayern eintragen ließ. Seit den Anfängen von Adidas und anderen Sportschuh-Herstellern hat sich deren Metier zu einer Art Wissenschaft entwickelt. Hatte sich Nike-Gründer Bill Bowerman in den 70er- Jahren das neuartige Profil seiner Laufsohlen noch vom Waffeleisen seiner Frau abgeschaut, treiben Sportschuh-Produzenten heute immensen Aufwand, um die Füße ihrer Kunden optimal zu stützen und abzufedern. Adidas hat dafür im bayrischen Scheinfeld eigens ein Forschungszentrum errichtet, der Konkurrent Asics betreibt ein Forschungslabor im japanischen Kobe, Sportkonzern Nike tüftelt und testet in Beaverton im US-Bundesstaat Oregon.

Zu den jüngeren Innovationen von Nike zählt etwa das Einweben von Nylonfasern ins Obermaterial des Schuhs, Flywire-Technologie genannt: Die Fasern verlaufen durch das gesamte Obermaterial des Schuhs und überkreuzen sich in einzelnen Bereichen in der Nähe der Sohle. Wie die Kabel einer Hängebrücke sorgen sie genau dort für Halt, wo der Fuß ihn benötigt. Für die Stabilität ist es daher nicht mehr erforderlich, mehrere Materialschichten übereinander zu nähen. So reduziert sich das Gewicht, und der Schuh wird flexibler.

Mit solchen Ansätzen behauptet Nike seine Spitzenposition unter den Sportschuh-Herstellern. Das Unternehmen erwirtschaftete in dem Quartal, das am 30. November des vergangenen Jahres endete, in Nordamerika und Westeuropa rund 1,5 Milliarden Dollar und renommiert mit angeblich prall gefüllten Auftragsbüchern für die Monate März bis Juli 2010 im Wert von 7,1 Milliarden US-Dollar. "Der Wiedererkennungswert von Sportschuhen ist unbezahlbar", erklärt Marshal Cohen, Chef-Analyst beim amerikanischen Marktforschungsunternehmen NPD. Der Erfolg im Sportschuh-Segment sei entscheidend für den weltweiten Verkauf anderer Sportartikel aus dem eigenen Hause.

Deshalb arbeiten Konzerne wie Adidas, Asics oder Nike besonders intensiv an der steten Verbesserung ihrer Sportschuhe, die sich in immer neuen "Features" äußert. So haben sie mittlerweile eine Vielzahl unterschiedlicher Dämpfungstechnologien im Angebot. Unter Vorderfuß, Ferse oder dem gesamten Fuß platziert, bestehen die Systeme entweder aus mit Edelgas (Nike Air) oder mit Gel (Asics) gefüllten Kunststoffkissen oder aus Kunststoff-Belägen wie Ethylenvinylacetat oder Polyurethan.

Reebok setzt auf manuell aufpumpbare Luftkissen, um so den gesamten Fuß oder auch nur den Schaft zu stabilisieren. Bei Nikes "Shox-Technologie" sollen Säulen aus hoch verdichtetem Kunststoffschaum die Energie, die sich beim Aufsetzen des Fußes in ihnen sammelt, beim Abheben an den Läufer zurückgeben – als ob er Sprungfedern unter seinen Füßen tragen würde.

Den Höhepunkt dieser Rüstungsspirale bildete der "adidas_1" – ein Schuh, den Adidas 2005 als den "modernsten Laufschuh" aller Zeiten feierte. In ihm befand sich ein Mini-Computer, der mithilfe eines Sensors die Aufprallkraft der Ferse bis zu 4000 Mal pro Sekunde maß. Der Rechner analysierte die Kraft und gab das Ergebnis an ein motorbetriebenes Regelsystem weiter, das während des Laufes die Dämpfung entsprechend anpasste.

"Das war kein Sportschuh, sondern ein Modeschuh, ein Geekschuh", wendet Björn Braunstein von der Deutschen Sporthochschule (DSHS) in Köln ein. "So etwas mag in der Disco gut aussehen, im Sport funktioniert das nicht." Der 34 Jahre alte Sportwissenschaftler gehört zum Team von Gert-Peter Brüggemann, der das Institut für Biomechanik an der DSHS leitet. In Brüggemanns Büro stapeln sich wissenschaftliche Journale, dazwischen liegen aufgeschnittene Turnschuhe und verschiedene Modelle von Einlegesohlen. "Die Konzepte und technischen Innovationen zur Dämpfung und Bewegunskontrolle der Vergangenheit haben sich als wenig erfolgreich erwiesen", erklärt Brüggemann.