Ein Hauch von DARPA

Das BMBF hat einen Strategieprozess zur Biotechnik gestartet, der erstaunlich langfristig und ergebnisoffen angelegt ist. Es darf gesponnen werden.

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Von
  • Niels Boeing

Die Forschungförderung der Bundesregierungen hat sich in den vergangenen Jahren sehr stark am Tagesgeschehen von Industriezweigen orientiert. Man glaubte, vom großen Vorbild USA zu lernen, wenn man mögliche Anwendungen in den Mittelpunkt stellte. Die globale Wettbewerbsfähigkeit schien das Maß aller Dinge.

Dabei wurde ausgeblendet, dass in den USA seit jeher auch eine Forschung ins Blaue hinein gefördert wird. Vieles davon ist irgendwann einmal durch die Forschungsbehörde des Pentagon, die DARPA, gelaufen, die natürlich den Anspruch der Amerikaner, die Militärmacht Nr. 1 zu sein, im Blick hatte.
Dennoch wurden immer auch scheinbare Spinnereien unterstĂĽtzt, die sich zum Beispiel zu verschiedenen Basistechnologien fĂĽr das Internet entwickelten. Die Obama-Regierung hat den ergebnisoffenen DARPA-Ansatz mit der GrĂĽndung der ARPA-E (E steht fĂĽr Energie) aufgegriffen.

Umso erfreulicher ist es zu sehen, dass diese Denkweise offenbar auch im Bundesforschungsministerium (BMBF) Befürworter hat: Dort wurde letzte Woche der Strategieprozess "Nächste Generation biotechnologischer Verfahren" eingeleitet. Bei dem sollen Biotechnik und Ingenieurwissenschaften enger zusammenarbeiten, um neue Verfahren für die Produktion von Stoffen oder für die Energieerzeugung zu finden.

Helge Braun, parlamentarischer Staatssekretär im BMBF, hat betont, dass es nicht darum gehe, naheliegende Ansätze zu realisieren, sondern Ideen zu entwickeln, die vielleicht erst in 10 oder gar 30 Jahren zu Produkten führen. 30 Jahre: Das sind siebeneinhalb Legislaturperioden – alle Achtung. Das ist endlich mal etwas anderes als die verbreitete atomisierte Planwirtschaft des parlamentarischen Kapitalismus.

Zum Auftakt hat das BMBF auch eine "Streitschrift" veröffentlicht, in der Pro und Contra des neuen Ansatzes diskutiert und vier beispielhafte Ideen genannt werden: eine künstliche Bauchspeicheldrüse, die künstliche Photosynthese, neue Reaktionsmodule für die Feinchemie und neue Recyclingverfahren etwa für Phosphate.
Diese Ideen sind für sich genommen nicht spektakulär. Aber sie werden unter anderem von der Prämisse her entwickelt, dass ein rohstoffarmes Land wie die Bundesrepublik vielleicht gut beraten ist, die Möglichkeiten biologischer Prozesse noch viel weiter auszuloten, als es Bionik und Biotechnik bislang getan haben.

Wer arm an Metallen und fossilen Brennstoffen ist, sollte sich tatsächlich auf nachwachsende Rohstoffe und solare Energiequellen konzentrieren. Hierzulande wächst einiges: Die Bundesrepublik ist schließlich keine Wüste. Ein solcher Ansatz, wie ihn die biologische Evolution "verfolgt", muss auch nicht zwangsläufig zu Fehlern wie Biokraftstoffen führen, die Energiepflanzen in Konkurrenz zu Nahrungspflanzen bringen. Er kann zu einer Rückbesinnung auf das, was Jahrtausende lang Standard war, führen – nur auf einem sehr viel höheren wissenschaftlichen und technischen Niveau.

Ein doppeltes Caveat gibt es dennoch: Zum einen wird darĂĽber zu debattieren sein, welche neuen Technologien ethisch und gesellschaftlich zu vertreten sind und ob es Grenzen gibt. Der Streit um die Synthetische Biologie ist ein Teil dieser Debatte.

Zum anderen wäre es wünschenswert, wenn das Knowhow, das in diesem Strategieprozess entsteht, auch auf neue Art und Weise verbreitet wird. Statt Patente für den Weltmarkt zu entwickeln, könnten die neuen Verfahren so angelegt werden, dass sie sich auch lokal nutzen lassen – dass das Knowhow wieder direkt in die Bevölkerung zurückfließt, damit sie es kreativ nutzen kann, ohne ein klassisches mittelständisches Unternehmen gründen zu müssen.

Dies gilt umso mehr, als am Strategieprozess auch die großen Forschungseinrichtungen wie Fraunhofer- und Max-Planck-Gesellschaft sowie die Helmholtz- und Leibniz-Gemeinschaft beteiligt sind. Sie werden zum Teil zu 100 Prozent durch die öffentliche Hand – also unser aller Steuergelder – finanziert.
Das offene Denken des neuen Strategieprozesses sollte also nicht nur fĂĽr Forschung und Entwicklung, sondern auch fĂĽr die Umsetzung und den Zugang zur Technologie gelten. (nbo)