Drei Fragen und Antworten: Wie man seinen Fluchtplan aus der US-Cloud schmiedet
Die erratische US-Regierung schafft groĂźe Unsicherheit, ob man den Hyperscalern noch trauen kann. Doch worauf kommt es an beim Weg raus aus den US-Clouds?
Die Abhängigkeit der eigenen IT von US-Diensten steht in zahlreichen Firmen gerade auf dem Prüfstand. Natürlich mit bangem Blick darauf, dass die Trump-Regierung die Vormacht der US-Techkonzerne als politisches Druckmittel missbrauchen könnte. Dass Microsoft nach US-Sanktionen das Mail-Konto des Chefanklägers des Internationalen Gerichtshofs blockiert, gibt einen Vorgeschmack, was im Worst Case passieren könnte. Martin Gerhard Loschwitz, Titelautor der neuen iX 6/2025, erklärt, wie sich die eigene Unabhängigkeitserklärung von US-Diensten angehen lässt.
Die US-Hyperscaler dominieren derzeit den Markt, weil sie Vorteile wie Komfort, Skalierbarkeit und eine enorme Auswahl an Funktionen und Diensten bieten. Können die europäischen Anbieter mit der US-Konkurrenz mithalten?
Ehrlicherweise: Nein. Es gibt in Europa kein Unternehmen, das einen mit AWS oder Azure vergleichbaren Funktionsumfang anbietet. Das ändert aber am Problem nichts: Die tollsten Features helfen mir nicht, wenn der Anbieter mir auf Druck von oben hin die Türe vor der Nase zuwirft. Hinzu kommt: AWS, Azure & GCP bieten zwar unfassbar viele Funktionen. Aber nur ein Bruchteil der Setups, die dort laufen, benötigt diese tatsächlich. Database-as-a-Service bieten etwa auch europäische Clouds, ebenso wie Standard-IaaS oder -PaaS. Und für das viel zitierte Microsoft 365 existieren mittlerweile mehrere europäische Alternativen, die Mail, Groupware und Kollaboration sinnvoll abhandeln, etwa OnlyOffice.
Für das Gros der Funktionen, die durchschnittliche europäische Unternehmen benötigen, haben Anbieter wie OVH, Cleura, Stackit, die Open Telekom Cloud und Co. sehr gut funktionierende Lösungen im Portfolio. Und anders als bei den US-Hyperscalern mache ich meine Firma bei diesen Anbietern nicht von einer Firma in einem Land mit tollwütiger Regierung abhängig.
Worauf sollten Unternehmen achten, die ihren Abgang aus der US-Cloud planen?
Die wichtigste Aufgabe besteht darin, den Bedarf zu erheben. Welche Funktionen nutze ich tatsächlich, welche europäischen Anbieter haben eine valide Alternative im Programm, wie viel Aufwand entsteht bei der Migration? Vorteile hat hier freilich, wer bereits sein Hyperscaler-Setup weitgehend durchautomatisiert und durchorchestriert hat. Denn dann ist der tatsächliche Aufwand deutlich geringer, als wenn man ein Setup komplett händisch auf einer anderen Plattform erneut hochziehen muss. Werkzeuge wie Terraform helfen hier enorm.
Darüber hinaus gilt, rechtzeitig mit der Planung zu beginnen. Eine Migration weg vom Hyperscaler ist kein Zuckerschlecken und ganz sicher kein Selbstläufer. Besonders unangenehm wird es, muss man auf in der US-Cloud angebotene Dienste tatsächlich verzichten. Das betrifft häufig spezielle Datenbanken, die es außerhalb der Cloud gar nicht gibt. Auch hier muss die Devise sein, sich frühzeitig nach validen Alternativen umzusehen und gegebenenfalls auch um die Ecke zu denken. Das ist mit finanziellem wie ideellem Aufwand verbunden, befreit letztlich aber die eigene Firma von einem Subunternehmer, dem man nicht einfach kündigen kann.
In welchen Fällen wird der Umzug besonders leicht und wo erwartet einen der Weg der Schmerzen?
Klassische IaaS-Anwendungen lassen sich zum Beispiel in nahezu jeder Public Cloud in Europa leicht umsetzen. Auch containerbasierte Workloads auf Kubernetes-Basis stellen keine Herausforderung dar, denn Kubernetes-as-a-Service findet sich auch bei diversen europäischen Anbietern. Etwas kniffliger wird die Angelegenheit dann schon bei anderen as-a-Service-Funktionen, wie das bereits beschriebene DBaaS. Nicht jeder Anbieter hat für jede Datenbank einen eigenen Cloud-Dienst.
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Wirklich unangenehm wird die Sache, wenn Dienste zum Einsatz kommen, die so nur spezifisch bei einem einzelnen Anbieter existieren und an die jeweiligen Anwendungen angepasst sind. Aurora von AWS oder BigQuery von Google sind dafür entsprechende Beispiele. Wer diese Dienste nutzt, hat de facto bereits im Vorfeld einen schweren Fehler gemacht, weil er sein Unternehmen an zentraler Stelle von einem externen Dienstleister abhängig gemacht und sich so einem totalen Vendor-Lock-In preisgegeben hat.
Martin, vielen Dank für die Antworten! Einen Überblick für den Umzug von IaaS- und PaaS-Diensten vom US-Hyperscaler nach Europa gibt es in der neuen iX. Außerdem zeigen wir, wie ein Bauplan für eine souveräne Enterprise-Architektur aussehen kann – und schauen darauf, was Europa an Public Cloud zu bieten hat. All das und viele weitere Themen finden Leser im Juni-Heft, das ab sofort im heise Shop oder am Kiosk erhältlich ist.
In der Serie "Drei Fragen und Antworten" will die iX die heutigen Herausforderungen der IT auf den Punkt bringen – egal ob es sich um den Blick des Anwenders vorm PC, die Sicht des Managers oder den Alltag eines Administrators handelt. Haben Sie Anregungen aus Ihrer tagtäglichen Praxis oder der Ihrer Nutzer? Wessen Tipps zu welchem Thema würden Sie gerne kurz und knackig lesen? Dann schreiben Sie uns gerne oder hinterlassen Sie einen Kommentar im Forum.
(axk)