Elektronische Patientenakte: Warken hält an Zeitplan fest & will sie verbessern
Bundesgesundheitsministerin Warken verspricht Ärzten endlich weniger Bürokratie. An den Plänen für die elektronische Patientenakte will sie festhalten.
(Bild: Livestream Ärztetag (Screenshot))
Gesundheitsministerin Nina Warken erklärte in ihrer ersten Rede auf dem Ärztetag unter anderem, dass sie das Thema Bürokratieabbau ernst nehmen wolle. Die geplanten Maßnahmen gingen dabei "von der Einführung einer Bagatellgrenze bei der Regressprüfung niedergelassener Ärztinnen und Ärzte bis zur Überprüfung und Vereinfachung der Verwaltungsverfahren im Krankenhaus".
Zuvor hatte der Präsident der Bundesärztekammer, Dr. Klaus Reinhardt, dringend einen bereits mehrfach versprochenen Bürokratieabbau angemahnt, statt mehr Bürokratie zu schaffen. Im vertragsärztlichen Bereich werden im Jahr "mehr als 50 Millionen Nettoarbeitsstunden für Bürokratie aufgewandt", sagte er. Im Durchschnitt bedeute das für jede Praxis 61 Tage Arbeit, im stationären Bereich liege der Zeitaufwand bei drei Stunden pro Tag.
GroĂźe Reformvorhaben
Außerdem solle die Patientensteuerung verbessert und ein viel diskutiertes Primärarztsystem eingeführt werden, bei dem sich Patientinnen und Patienten bei gesundheitlichen Problemen grundsätzlich zuerst an eine Hausarztpraxis wenden und diese als Anlaufstelle für eine schnellere "Terminvermittlung zur fachärztlichen Weiterbehandlung" dienen, sagte Warken. Ziel sei eine zukunftsfähige ambulante und stationäre Gesundheitsversorgung. Dabei handle es sich um ein komplexes Reformvorhaben.
Bezüglich der Krankenhausreform solle bei den Menschen nicht nur "fälschlicherweise hängen bleiben", dass es darum gehe, "ihr örtliches Krankenhaus zu schließen", sondern darum, die Qualität der Versorgung zu verbessern. Dennoch könne es dann sein, "dass für die spezialisierte, planbare Operation eine längere Anfahrt nötig sein wird", sagte Warken. Schließlich gehe es um das bestmögliche Ergebnis für die Gesundheit.
DatenverfĂĽgbarkeit fĂĽr KI verbessern
Außerdem betonte sie, wie wichtig es sei, in den kommenden Jahren die "Chancen der Künstlichen Intelligenz für eine bessere Versorgung" zu nutzen und "gleichzeitig mögliche Sorgen, die mit der Nutzung dieses Werkzeugs verbunden sind" zu berücksichtigen, denn auch KI biete "große Chancen", die Ärzte zu entlasten. Dafür müsse die Datenverfügbarkeit im Gesundheitswesen verbessert, das Thema Datensicherheit im Blick behalten, die Interoperabilität im Gesundheitswesen gestärkt werden und "alle gemeinsam bereit sein, gute Lösungen gegenüber offen zu sein".
Stabilität und Sicherheit sollen verbessert werden
Gleiches gelte für die elektronische Patientenakte. "Ich weiß, das Thema wird immer noch kontrovers diskutiert, die ePA schafft aber nicht nur für Patientinnen und Patienten Mehrwerte, sondern insbesondere auch für Sie [die Ärzte, Anm. d. Red.] in den Praxen". Noch stehe die ePA am Anfang, könne aber zunehmend mehr. "Wir halten daher an unserem Zeitplan fest. Ich weiß, gerade läuft noch nicht alles rund in dem ein oder anderen Praxisverwaltungssystem, aber lassen Sie sich bitte nicht verschrecken, sondern helfen Sie uns, das Projekt noch besser zu machen und probieren Sie die ePA aus. Sie ist die Zukunft", ist sich Warken sicher. Je mehr die ePA genutzt werde, desto schneller werde sie zum Standard, mit allen Vorteilen. Gleichzeitig versprach Warken, "ein besonderes Augenmerk auf die Sicherheit und Stabilität des Betriebs" zu legen.
Welche Rolle soll KI spielen?
Auch Ärztekammerpräsident Reinhardt zeigte sich von einer mit KI kommenden Entlastung überzeugt. KI werde die Gesellschaft, aber auch die Medizin "tiefgreifend verändern". Sie biete "große Chancen für die Forschung, für präzisere Diagnostik und für individuellere Therapie". KI werde die Wissengenerierung und Entscheidungsfindung "disruptiv verändern". Sie könne Abläufe beschleunigen, was in Zeiten des Fachkräftemangels und demografischen Wandels hilfreich sei.
Ärzte müssen sich dabei die Frage stellen, welche Rolle KI bei der medizinischen Versorgung spielen dürfe und ob sie ärztliche Leistung ersetzen könne. Der Frage wolle man auf dem Ärztetag nachgehen. Dazu verwies Reinhardt auf die Ausarbeitungen der Bundesärztekammer: Von ärztlicher Kunst mit Künstlicher Intelligenz (PDF) und die Stellungnahme "Künstliche Intelligenz in der Medizin".
Wichtig sei es, die Chancen zu nutzen und die Risiken ernst zu nehmen. Dafür seien "klare Regelungen und verbindliche Leitlinien" notwendig. Die Verantwortung von Entscheidungen dürften nicht allein algorithmischen Systemen übertragen werden. Die Verantwortung sei dabei nicht teilbar, "auch nicht zwischen Mensch und Maschine". Diese sozialethische Verpflichtung gehöre zum freien ärztlichen Beruf.
KI hält zunehmend Einzug in Praxen
In den Praxen, in denen KI-Systeme zum Einsatz kommen, helfen sie bei der Diagnosestellung und bei der Vereinfachung von Praxisabläufen, etwa bei der Dokumentation und bei der Terminplanung. "Künstliche Intelligenz bietet enorme Chancen, die Versorgungsqualität zu verbessern und den Arbeitsalltag in Praxis und Klinik zu entlasten. Wenn 78 Prozent der Kolleginnen und Kollegen KI als große Chance für die Medizin sehen und sie bereits in jeder siebten Praxis sowie bei fast jedem fünften Klinikteam zum Einsatz kommt, dann zeigt das: Die Ärzteschaft ist bereit für diese Transformation – sofern sie ethisch reflektiert, ärztlich verantwortet und technisch zuverlässig gestaltet ist", sagt Reinhardt, der auch Bundesvorsitzender des Hartmannbundes ist, zu einer vom Bitkom initiierten Umfrage. Für die nicht repräsentative Umfrage hat der Bitkom mehr als 600 Ärztinnen und Ärzte des Hartmannbundes befragt.
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Laut Wintergerst ist die ePA ein Paradebeispiel für die "verschleppte Digitalisierung". 86 Prozent der Ärzte sind laut Umfrage nicht der Ansicht, dass die Arbeit mit der ePA technisch reibungslos verlaufe. 66 Prozent befürchten demnach einen Datenmissbrauch und 62 Prozent hohe technische Aufwände. Zu den Vorteilen der ePA befragt, zählten die meisten Ärzte den möglichen Einblick in die Krankheitsgeschichte, die Vermeidung von Doppeluntersuchungen und die Arzneimitteltherapiesicherheit. Eine Minderheit sieht keine Vorteile, weniger als die Hälfte (41 Prozent) freut sich auf die Arbeit mit der ePA.
Elektronische Patientenakte: Ärzte nicht vorbereitet, aber offen
Zwei Drittel der Ärztinnen und Ärzte sind offen für die Einführung der elektronischen Patientenakte (ePA), obwohl sich 77 Prozent nicht gut vorbereitet fühlen. "Nur wenn wir die ePA alltagstauglich, kompatibel und leicht bedienbar gestalten und das medizinische Personal konsequent mitnehmen, wird sie im Praxisbetrieb wirklich zum Fortschritt", sagte dazu Reinhardt. Während die ePA Chancen wie die Vermeidung von Doppeluntersuchungen bietet, gibt es Bedenken bezüglich technischer Herausforderungen wie deren Sicherheit und Datenschutz.
Digitale Technologien wie Robotik und Virtual Reality (VR) sind ebenfalls verbreitet. VR ist bei einem Zehntel im Einsatz, etwa für Trainingszwecke oder während Operationen. Mehr als die Hälfte nutzt noch keine VR, hält dies aber für sinnvoll (54 Prozent). Bei 28 Prozent der Ärzte kommt Telemedizin zum Einsatz, etwa eine Überwachung der Vitalwerte aus der Ferne oder in Form von Videosprechstunden.
Gebremst wird die Digitalisierung laut Umfrage jedoch durch strukturelle und technische Hürden sowie eine "zu strenge" Auslegung des Datenschutzes. "Der Wille zur Digitalisierung ist da – doch die strukturellen Hürden bleiben hoch. 81 Prozent der Kolleginnen und Kollegen empfinden die Komplexität des Systems als zentrales Hindernis, 72 Prozent sehen im Datenschutz sogar eine Innovationsbremse. Es braucht jetzt klare politische Entscheidungen: für transparente Verfahren, tragfähige Infrastrukturen und einen konsequenten Datenschutz – zum Wohl der Patientinnen und Patienten", betonte Reinhardt.
(mack)