Kiel Munition Clearance Week: Munition gehört nicht ins Meer und wirkt giftig

Nord- und Ostsee sind stark mit Munition belastet. Experten suchen auf der Munition Clearance Week in Kiel nach Lösungen, die Altlasten möglichst zu entfernen.

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Blick auf Nordsee

Verklappte Munitionskisten in der LĂĽbecker Bucht

(Bild: Jens Greinert, GEOMAR)

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This article is also available in English. It was translated with technical assistance and editorially reviewed before publication.

Die Munitionsbelastung in der deutschen Ost- und Nordsee ist weiter verbreitet als bisher angenommen. Auf der zweiten "Kiel Munition Clearance Week" wollen Experten nach Lösungen für die Räumung der Munition suchen, die nach dem Zweiten Weltkrieg entweder versenkt oder mit Schiffen untergegangen ist. Dort beraten sich ab morgen Vertreter zahlreicher Bundes- und Landesbehörden, der Deutschen Marine und internationaler Marine, aus Industrie, Wissenschaft und dem Umweltbereich aus 16 Ländern.

Auf der Fachkonferenz, die durch das Ministerium fĂĽr Energiewende, Klimaschutz, Umwelt und Natur Schleswig-Holstein in Zusammenarbeit mit dem Kieler Technologieunternehmen north.io GmbH veranstaltet wird, stehen verschiedene Herangehensweisen zur Beseitigung von Munition auf dem Meeresgrund sowie zum Schutz kritischer Infrastrukturen im Fokus.

Infografik zu Munitionsaltlasten in Nord- und Ostsee

(Bild: Bundesumweltministerium)

Allein am Grund der Nord- und Ostsee liegen zwischen 1,3 und 1,6 Millionen Tonnen Munition und mehr als 5.000 Tonnen chemischer Kampfstoffe – letztere wurden laut Prof. Jens Greinert, dem Leiter der Arbeitsgruppe Tiefsee-Monitoring am Helmholtz-Zentrum für Ozeanforschung Kiel (GEOMAR), oft in tieferen Gewässern versenkt. Während die Meere immer stärker genutzt werden – etwa für Offshore-Windanlagen oder den Bau von Pipelines –, steigt auch die Gefahr durch die dabei freigesetzten belastenden Substanzen.

Rost allein stellt bereits eine Belastung für die Meere dar, die frei werdenden Substanzen sind es noch viel mehr. Laut den Experten gibt es nicht nur einzelne, klar abgegrenzte Versenkungsgebiete. Auch außerhalb der bekannten Ablagerungsstellen werden regelmäßig Funde gemacht. Durch Meeresströmungen werden Munition und deren Rückstände weiter verteilt, sodass auch weit entfernte Küstenbereiche betroffen sein können. Die Politik hat das nach viel Öffentlichkeitsarbeit und Sensibilisierung für das Thema durch Greinert und seine Kollegen ebenfalls erkannt. Erstmals wurde nun ein "Sofortprogramm Munitionsaltlasten in Nord- und Ostsee" mit 100 Millionen Euro aufgelegt. Ziel ist es, systematisch Munition aus Nord- und Ostsee zu bergen und umweltgerecht zu entsorgen – ein Pilotprojekt gab es bereits in der Lübecker Bucht. Das Bundesumweltministerium spricht sogar von einem "Bombenteppich".

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Nicht nur Spuren, sondern relevante Mengen von TNT und seinen Abbauprodukten sind in Muscheln und Fischen nachweisbar – insbesondere in der Nähe von Munitionsaltlasten. Altmunition aus Lagern wurde auf Fischerbooten und ähnlichem in Versenkungsgebiete gefahren, erklärt Greinert. Jedoch wurde oft auch außerhalb dieser Gebiete Munition abgeworfen. "Die [...] Navigation auf See war wahrscheinlich nicht so genau wie heute und dann war es wahrscheinlich auch so, dass die Fischer vielleicht auch ein bisschen früher zu Hause sein wollten", so Greinert.

Bei der hydroakustischen Kartierung des Meeresbodens mit Echoloten kam den Experten zufolge heraus, dass sehr viel Munition in den Versenkungsgebieten liegt, allerdings auch viel außerhalb. Laut Greinert muss daher "eigentlich die gesamte deutsche Ostsee als munitionsbelastet angesehen werden, [...] mit Hotspots in den Versenkungsgebieten". Auch in der Nordsee sei das der Fall. Die Gefahr bestehe, dass durchrostende Munitionskappen schädliche Stoffe freisetzen. Zusammen mit anderen, bereits existierenden Stressfaktoren, könnte das schnell zu einem Kipppunkt führen, selbst wenn etwa die TNT-Belastung allein nicht dafür sorgen würde.

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Auch große Bomben, die Fieseler Fi 103, auch "V1" genannt, wurden nach dem Zweiten Weltkrieg zuhauf in der Lübecker Bucht ins Meer geworfen. V1-Bomben enthalten etwa 800 Kilogramm Sprengstoff. Mit der Zeit rosten die Metallhüllen dieser Bomben durch. Der Sprengstoff darin sieht laut Greinert dann aus wie ein gelber, löchriger Käse und löst sich im Wasser auf. Problematisch dabei ist Greiner zufolge, wenn in den kommenden Jahren viele Bomben gleichzeitig durchrosten und die Menge an giftigen Stoffen im Meer schnell ansteigt. Für die Umwelt ist es ebenfalls gefährlich, denn Stoffe wie TNT, RDX und HDX können Krebs auslösen oder das Erbgut schädigen. Es ist schwer vorherzusagen, wann genau das passiert, so Greiner.

Um den Sprengstoff zu ermitteln, führen die Forscher sogenannte "Munition Survey", auch UXO-Survey (Unexploded Ordnance), durch, und suchen den Meeresboden systematisch nach Munitionsresten ab. Kommerzielle Firmen tun das beispielsweise vor dem Bau von Offshore-Windparks. Nach Sicht von Dr. Matthias Brenner, wissenschaftlicher Mitarbeiter in der Sektion Ökologische Chemie am Helmholtz-Zentrum für Polar- und Meeresforschung (AWI) in Bremerhaven, ist die Belastung vor allem durch hohe Konzentrationen TNT "sehr gesundheitsgefährdend".

Die größten Risiken liegen demnach in der chronischen Belastung von Ökosystemen und der Anreicherung in der Nahrungskette. Für Muscheln aus besonders betroffenen Gebieten ist bereits eine Gesundheitsgefährdung für den Menschen belegt. Es gibt auch Hinweise auf eine erhöhte Krebsrate bei Fischen, die in belasteten Gebieten leben.

Die Schwermetallbelastung im Meer ist einer der Gründe, weshalb Fisch generell nur zweimal in der Woche gegessen werden sollte, erklärt Dr. Jennifer Strehse, Wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Toxikologie und Pharmakologie für Naturwissenschaftler, Medizinische Fakultät, Christian-Albrechts-Universität zu Kiel. Die konventionelle Munition enthält giftige Schwermetalle wie Quecksilber und Blei. Versenkte chemische Munition enthält unter anderem Senfgas, Phosgen, Sarin oder Tabun, wie das Science Media Center informiert.

Auswirkungen der Munitionsaltlasten in Nord- und Ostsee

(Bild: Bundesumweltministerium)

Die Muscheln in den Versenkungsgebieten sollten wegen der Schadstoffe, die durch das TNT und seinen Umwandlungsprodukten am Meeresboden freigesetzt werden, nicht gegessen werden. "Da ist vor allem die Gefahr für Krebserkrankungen besonders hervorzuheben", so Strehse. Bei Fischen, die nicht direkt aus Munitionsversenkungsgebieten stammen, sei die Konzentration sehr niedrig, aber Spuren seien dennoch messbar. Anders sei das, wenn die Munition "in den nächsten Jahrzehnten immer mehr an Metallhüllen verlieren [...] und diese Stoffe immer weiter ins Meer gelangen". Brenner zufolge haben Untersuchungen auch Leberanomalien bei Fischen gezeigt, die in direkter Umgebung von Munitionsaltlasten anzutreffen waren.

Das Bergen möglicherweise explosiver Bomben ist laut Greiner eine Herausforderung, auch wenn sich die Methoden der Bergung immer weiter verbessern. Es sei schwierig, einen ganzen Haufen von Munition aus dem Wasser zu bergen. Bei einer Explosion könnten technische Geräte zerstört werden, noch schlimmer wäre ein Personenschaden. Zum Einsatz kommen unter anderem Bergeplattformen auf dem Wasser, Tauchroboter mit Greifarmen und Crawler, die auf dem Meeresboden entlanglaufen.

Nach wie vor werde sehr viel gesprengt, so Strehse. Unter Wasser könnten solche Sprengungen, die in anderen EU-Ländern in der Vergangenheit beispielsweise wider besseres Wissen stattfanden, für Kontamination sorgen und den Unterwasserlebewesen schaden. Schweinswale haben etwa ein sehr empfindliches Gehör, das durch die Druckwelle beeinträchtigt werden kann, erklärt Strehse. Skandinavische Länder seien sich der Probleme bewusster.

(mack)