Kleine, komplette Welten

Elektronische Findehilfen wie Suchmaschinen oder Auktionsplattformen scheinen für Sammler fantastische Möglichkeiten zu bieten. Aber es drohen ganz neue Gefahren.

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Von
  • Peter Glaser

Das Sammeln ist einer der Urgründe wissenschaftlicher Arbeit. Die Lust am Horten, an der Vorratshaltung und an der Erkenntnisausbeute aus nie gesehenen Mustern, die sich aus dem Zusammenklang des Gesammelten ergeben können, laufen bei dieser Tätigkeit glücklich in einem Fokus zusammen. Mit dem Übergang in das digitale Zeitalter hat sich das Sammeln ganz selbstverständlich auf Software und Gadgets erweitert. Inzwischen ist die Sammelbarkeit der ganzen analogen als auch der symbolischen Weltdinge durch das Internet in ein neues Zeitalter eingetreten.

Auf den ersten Blick ist ein digitaler Marktplatz wie Ebay ein Segen für jeden Sammler. Dinge, denen man zuvor mühsam und aufwendig hinterhersuchen musste, lassen sich nun zielgerichtet, schnell und weltweit finden. In dem Komfort und der Geschwindigkeit aber liegt eine Gefahr, nämlich dass die Herausforderungen und damit der Spaß am Sammeln schwinden. Nicht umsonst bezeichnet das Sammeln eine Tätigkeit und keinen Zustand.

Eine Sammlung besteht nicht nur aus den Dingen, die gesammelt werden. Sie ist ein unsichtbares Gefühlsgewächs. Es gibt bei Sammlern sehr unterschiedliche Vorstellungen von Perfektion, also der vollendeten Sammlung. Für die einen ist es jener neuwertige Erhaltungszustand der Sammlerstücke, die im Englischen "Mint Condition" heißt. Und dann gibt es die Sammler, die aus einem bestimmten Bereich irgendwann einmal alles haben möchten. Eine vollständige Sammlung.

Ich kenne jemanden, der alte Eisenbahnmodelle sammelt, davon aber nur einen ganz speziellen historischen Ausschnitt, nämlich die deutsche Kaiserzeit. Sein Ehrgeiz geht dahin, einmal alle derartigen Modelle dazu besitzen. Was wird in dem Moment geschehen, in dem er den letzten Waggon, der noch gefehlt hat, in seine Glasvitrine stellen wird? Wird er in einen Glückszustand geraten? Ein kurzer Rausch, vielleicht. Dann aber droht der Schrecken der Vollendung. Die Sammlung ist vollständig, nichts wird mehr geschehen. Sie ist ausgesammelt. Die Sehnsucht, die den Sammler stets antreibt und bewegt, ist verklungen; es gibt nichts mehr, wonach man streben könnte, alles ist nun da. Man fragt sich, was das eigentlich Schöne ist: das Sammeln, das Fahnden, Suchen, Ersteigern und Erbeuten, oder die Sammlung selbst – eine kleine, komplette Welt.

Immer öfter endet der Versuch, solche kleinen Welten einer nächsten Generation zu übergeben, in Melancholie. Im Fall einer Briefmarkensammlung mit Spezialgebieten zum Beispiel, die ein Vater in Jahren ersammelt und zur Vollständigkeit geführt hat – ob bei Dreiecksmarken oder Raumfahrtmarken – und die dann ein Nachfahre erbt, dem Briefmarken überhaupt nichts mehr sagen. Oder aber er ist ratlos, was er tun soll – denn zu sammeln gibt es im Falle der Vollständigkeit ja nichts mehr. Was noch bliebe, wäre, die abgeschlossene Sammlung zu hüten. Aber sogar in einem Museum bleibt das Wissen um die Dinge in Bewegung. Wenn sie alt sind, ist es kein Problem, aber wenn sie tot sind, ist es vorbei.

Digital fortgeschrittene Sammler, die den Schrecken der Vollständigkeit vermeiden möchten, sind deshalb gut beraten, ihr Sammelgebiet offen zu halten. Einer meiner Freunde, der Vinyl-Tonträger sammelt, erweitert seine Suchliste ständig und hält so Sammlerssehnsucht und Erkenntnisfreude frisch. Ein anderer hat den Durchfluss an Dingen zu seinem Beruf gemacht. Er hat einen Laden mit Dingen aus der Mitte des zurückliegenden Jahrhunderts. Er mag die Sachen, aber er verkauft sie; neue Dinge kommen nach. Für ihn heißt sammeln, mit den Dingen in Berührung zu kommen und nicht, sie behalten zu müssen. Was er sammelt, sind Begegnungen mit Dingen. Er ist schon im digitalen Zeitalter angekommen, wie die Leute, die sich auf Ebay und Flickr Dinge nur noch ansehen und nichts mehr kaufen wollen. (bsc)