Verriss des Monats: Ein Bild von einem Becher
Manche Gadgets sind nicht einfach nur sinnlos - sie rebellieren gegen die spießige Durchschaubarkeit des Funktionalen und bewahren ihr Geheimnis einfach für sich.
- Peter Glaser
Es gibt in den Tiefen des dinggewordenen Wahnsinns verschiedene Abteilungen: An der Grenze zu den riesigen Arealen des Gadget-Aberwitzes befindet sich der Bereich mit den Dingen, die funktional aber hässlich sind. Es folgen Dinge, die peinlich oder in unterschiedlichen Graden albern sind (ein Kernbereich davon sind die sogenannten Scherzartikel.) Dann gibt es eine Unendlichkeit von Dingen, die völlig unnötig sind, aber auf rätselhafte Weise reizvoll sein können, so etwas wie Handyschmuck beispielsweise, Waffeleisen, mit denen man Waffeln in Tastaturform pressen kann oder Plüschhausschuhe mit dem Gesicht von Sigmund Freud. Und dann sind da die Dinge, die, ähnlich wie das Alien, dem Menschen in jeder Hinsicht feindlich gegenüberstehen. Sie sind unschön, nutzlos, rauben einem die Zeit und vergeuden Ressourcen.
Ein Juwel dieser Art von Produkten ist der "Digital Photo Mug" der Firma Yongkang Greater Houseware aus dem chinesischen Zhejiang. Es handelt sich um einen Reisetrinkbecher mit einem angeflanschten 1,5-Zoll-LC-Display, der einen Speicher für bis zu 45 Digitalfotos besitzt. Ich versuche mir vorzustellen, wie ein Chinese versonnen dasitzt, den blauen Becher mit grünem Tee gefüllt, und die Display-Warze am Tassenrand bedient, um sich Fotos von umgefallenen Reissäcken anzusehen. Der Becher darf nicht ganz gefüllt sein, da man ihn neigen muss, um die Fotos zu sehen und andernfalls kleckert.
Die Hybridform Trinken-und-Gucken erinnert an ein anderes technisches Elend, nämlich die lange, erfolglose Geschichte der Bildtelefonie, die bereits 1927 begann und der in der Nachkriegszeit in seither jedem Jahrzehnt neuerlich der endgültige Durchbruch verheißen wird – aktueller Stand: das Videohandy. Ähnlich wie bei Becherbildbetrachtern überwiegt aber auch bei Menschen, die sich mit ihrem Mobiltelefon selbst filmen, das Bewusstsein der Lächerlichkeit jede vermeintliche Nützlichkeit. Sogar bei experimentierfreudigen Früh-Adoptern ist nicht zu erkennen, dass sie es sich zur Gewohnheit machen würden, ihr Handy auf sich selbst zu richten, um sich live übertragen zu können.
Der digitale Fotobecher erinnert an die Geschichte, in der Herr Ingenieur Düsentrieb für einen Campingausflug von Donald und den drei Neffen Lebensmittel in Pillenform erfindet. Abends am Lagerfeuer werfen sie ihre Grillhuhnpillen ein und spüren sodann schmerzlich den Mangel an Atmosphäre. Düsentrieb schiebt eine weitere Erfindung nach: Gläser mit den zum Essen gehörigen Gerüchen. Aber das Eigentliche fehlt. Die Frage, wer sich so etwas ausdenkt, ist paradoxerweise ebenso einfach zu beantworten wie unergründlich: Es sind Leute, die getrieben sind von dem Wunsch, auf eine Goldader im geheimnisvollen Geäst menschlicher Bedürfnisse zu stoßen und damit reich zu werden. Etwas wie beim Slime – jenem ekligen Schleim in kleinen Plastikmülltonnen, mit denen irgendjemand sein Glück gemacht hat, so unwahrscheinlich sich eine solche Geschäftsidee auch anhören mag.
Schon bei den oben erwähnten Scherzartikeln führt die Vorstellung, welche Folgen der menschliche Erwerbstrieb haben kann, in gelegentlich bemerkenswerte Bereiche. Nehmen wir einen klassischen Scherzartikel, das Kackhäufchen aus Kunststoff. (Kleine, vergoldete Versionen davon sind in Asien als Handyanhänger und Glücksbringer sehr beliebt.) Um aus einer solchen Idee ein Produkt entstehen zu lassen, müssen Menschen ernsthafte Überlegungen und Planungen veranstalten.
Jemand muss mit einer Farbpalette kommen und fragen: Welches Braun nehmen wir? Und es muss die Frage geklärt werden, ob ein Abguss eines Originalhäufchens angefertigt werden soll und hierzu Musterhäufchen herangeschafft werden müssen, oder ob der künstlerischen Freiheit nachgegeben und eine freigeformte Interpretation geschaffen werden soll. Ähnliches muss in jenen Menschen vorgegangen sein, die sich sagten: "Lasst uns einen blauen Thermosbecher auf den Markt bringen, an dem ein Display mit Speicher hängt, damit man sich Fotos ansehen kann, wenn man gerade nicht trinkt." Es muss ein eigentümlicher Moment gewesen sein, als dann ein Kollege antwortete: "Ja, toll, das machen wir."
Bis zu 100.000 Stück pro Woche könne man von den Fotobechern produzieren, verspricht Yongkang Greater Houseware. ()