Visite aus der Ferne
Telemedizin gilt als gewinnbringendes Geschäftsfeld, soll Arzt- und Klinikbesuche reduzieren, das Gesundheitswesen entlasten. Doch funktioniert sie auch im täglichen Einsatz? Erste Unternehmen und Pilotprojekte versuchen, den Beweis zu erbringen.
- Susanne Donner
Telemedizin gilt als gewinnbringendes Geschäftsfeld, soll Arzt- und Klinikbesuche reduzieren, das Gesundheitswesen entlasten. Doch funktioniert sie auch im täglichen Einsatz? Erste Unternehmen und Pilotprojekte versuchen, den Beweis zu erbringen.
Es soll so einfach sein wie Zähne putzen. Erst mit dem Fuß auf die Waage tippen, damit sie sich anschaltet. Draufsteigen, 83,97 Kilogramm. Dann die Blutdruckmanschette um den rechten Arm legen und den Knopf drücken. Was fehlt noch? Richtig, das EKG-Messgerät, groß wie ein Taschenrechner und mit vier Metallstiften auf der Rückseite, die als Elektroden dienen. Die ältere Dame presst es an den nackten Oberkörper, bis es nach zwei Minuten piept. Danach gibt sie an einem anderen Gerät auf einer fünfteiligen Skala ein, wie sie sich heute fühlt. Sie entscheidet sich für einen Smiley vor grünem Hintergrund, der für exzellentes Wohlbefinden steht. Geschafft!
Während sie kurze Zeit später Kaffee aufsetzt, studieren viele Dutzend Kilometer entfernt ein Kardiologe und ein Krankenpfleger im fünften Stock eines Backsteingebäudes der Berliner Charité die Vitaldaten der alten Dame – Blutdruck, Gewicht, Herzströme, Stimmung – auf dem Bildschirm. Telemetrisch, also kabellos, sind die Messwerte dorthin übertragen worden. Insgesamt 355 Patienten mit einer chronischen Herzschwäche haben die Mitarbeiter des Berliner Zentrums für kardiologische Telemedizin sowie des Schwesterzentrums im Stuttgarter Robert-Bosch-Krankenhaus jeden Tag im Auge. Die Patienten nehmen an einer randomisierten klinischen Studie im Projekt "Partnership for the Heart" teil. Knapp fünf Millionen Euro stellte das Bundesministerium für Wirtschaft und Technologie für das Vorhaben bereit, den Nutzen der Gesundheitsbetreuung aus der Ferne zu untersuchen. Auch namhafte Unternehmen wie T-Mobile und Bosch sowie Telemedizinanbieter wie die Münchner Firma Aipermon wirken dabei mit.
Andere Geschäftsleute entdecken den E-Health-Markt ebenfalls. Microsoft und der Chip-Hersteller Intel bauen das Segment seit 2005 konsequent aus. General Electric vereinbarte im Frühjahr 2009 mit Intel, gemeinsam 250 Millionen Dollar in die Entwicklung von Heim-Medizin-Produkten zu investieren. In Deutschland haben sich mittelständische Firmen wie Vitaphone, ArztPartner Almeda, SHL Telemedizin und Biotronik positioniert. Marktforscher prognostizieren der Telemedizin ein jährliches Wachstum von 19 Prozent. Bis 2012 soll das Handelsvolumen auf über 11,2 Milliarden Euro klettern. Chronisch Kranke wie Herzpatienten, Diabetiker, Schlaganfallopfer werden als Nutznießer der Produkte betrachtet. Der demografische Wandel und der zunehmende Kostendruck im Gesundheitssystem beflügeln die Entwicklung. Bis zu 50 Prozent, so der Verband der Elektrotechnik, Elektronik und Informationstechnik (VDE), ließen sich so je nach Gesundheitsleistung einsparen.
Telemedizin beschränkt sich jedoch nicht nur auf die Fernüberwachung von Vitaldaten wie Blutdruck oder Blutzucker. Bei der Teleradiologie tauschen Ärzte zum Beispiel Röntgenaufnahmen kabellos aus, um sich in komplizierten Krankheitsfällen gegenseitig beraten zu können. Andere Anbieter wie ArztPartner Almeda haben sich auf die telefonische Betreuung spezialisiert, etwa bei einem Notfall während eines Auslandsaufenthaltes.
Bei "Partnership for the Heart" sind an diesem Mittwoch im Dezember die Herzkurven, Gewichtsverläufe und Blutdruckwerte der 355 Telepatienten unauffällig. Lediglich Weihnachtsgans und Karpfen haben die Pfunde in die Höhe getrieben. Der Kardiologe schmunzelt. So ruhig geht es in dem Büro mit den drei Computerarbeitsplätzen nicht immer zu. Ein-, zweimal die Woche, manchmal sogar häufiger, ereigneten sich Notfälle, berichtet der Leiter Friedrich Köhler.
Erst kürzlich verriet die Herzstromaufzeichnung eines 47-Jährigen, dass seine Herzkammern flimmerten und das Blut nicht mehr in rhythmischen Pulsen durch den Körper gepumpt wurde. Köhler deutet auf eine Linie, die unruhig über den Monitor zittert. "Das ist kurz vor dem Tod. Das geht keine zehn Minuten mehr", habe er seinerzeit gewarnt. Die Mitarbeiter riefen den Mann sofort an. Der meinte, es ginge ihm zwar nicht so toll, dies sei aber nicht weiter schlimm. Der Kardiologe ließ sich nicht beirren und schickte sofort einen Notarzt. Der Berliner wurde gerettet. "Wir sind 24 Stunden da, und wir handeln sofort", versichert Köhler.
Spektakuläre Rettungsaktionen wie diese sind jedoch äußerst selten bei "Partnership for the Heart". Und sie sind auch nicht das Ziel, sondern höchstens ein glücklicher Nebeneffekt des Projekts. Denn mit 26 Monaten Laufzeit, mehr teilnehmenden Patienten denn je und penibel kontrollierten klinischen Bedingungen soll die Studie in erster Linie den Nutzen der Telekardiologie sauber belegen.
Auch wenn bisherige Studien eine verbesserte Versorgung oder Kosteneinsparungen von bis zu 1300 Euro pro Patient nachzuweisen vorgaben – es fehlte ihnen an statistischer Aussagekraft und an jenen Grundbedingungen, die klinische Wissenschaft vergleichbar und überprüfbar machen. Köhler wundert das nicht: "Eine solche Studie kostet mehrere Millionen Euro. Viele Unternehmen haben überhaupt nicht die Mittel, das durchzuziehen."
Deshalb, so der Mediziner, sei der Sektor vorrangig technologiegetrieben. In der Tat konstruieren nicht Pharmaunternehmen, sondern Medizintechnik- und IT-Spezialisten die anspruchsvollen Heimprodukte und entwickeln die zugehörige Software. Die Berliner Firma Biotronik wurde 2009 sogar für den Zukunftspreis des Bundespräsidenten nominiert. Sie hat Herzschrittmacher und Defibrillatoren entwickelt, die ganz nebenbei permanent Gesundheitsdaten funken. Bei einer Verschlechterung des Zustands wird automatisch der Haus- oder Facharzt per SMS, Mail oder Fax kontaktiert.