Leichenschmaus zum Schleuderpreis

Der WWF will die Japaner zu bewussten Konsumenten erziehen, um den atlantischen Thunfisch zu retten. Die Aktion ist ein weiteres Zeichen fĂĽr den langsamen Machtgewinn der Umweltschutzgruppen in Nippon.

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Von
  • Martin Kölling

Der WWF will die Japaner zu bewussten Konsumenten erziehen, um den atlantischen Thunfisch zu retten. Die Aktion ist ein weiteres Zeichen fĂĽr den langsamen Machtgewinn der Umweltschutzgruppen in Nippon.

Seit Dienstag ist mein Sushi-Genuss nicht mehr so unbeschwert wie früher. Ich bin ein Opfer der ersten Konsumentenerziehungskampagne des World Wide Fund for Nature in Japan geworden. Anstatt mir bedenkenlos O-Toro, das zarteste Stück des Blauflossenthunfischs (auch roter Thun), das auf der Zunge zergeht, als Sushi oder Sashimi zu bestellen, solle ich doch bitte den Sushi-Meister oder meinen Händler fragen, welchen Thunfisch genau ich dort verspeise. Außerdem wichtig: Woher er stamme, wer ihn gefangen habe und wie er gefangen worden sei, erklärte Frau Dr. Aiko Yamauchi, die Fischerei-Beauftragte des WWF Japan, kürzlich auf einem internationalen Thun-Symposium der japanischen Niederlassung der Artenschutzorganisation.

Ok, Scherz beiseite, ich gestehe, mir ist das Drama des Blauflossenthuns, der gerne als König der Meere bezeichnet wird und daher dementsprechend teuer und überfischt ist, vom Schreiben diverser Artikel bekannt. Viele japanische Konsumenten, in deren Mägen ein Viertel des gesamten Fangs aller Thunfischarten von 1,7 Millionen Tonnen (2007) und rund drei Viertel des gefährdeten atlantischen Blauflossenthuns landen, sind sich jedoch nur unterschwellig einem Anflug von Schuld bewusst. Oder sie wissen einfach nicht, was tun. Das Symposium soll das ändern.

Es ist der Anfang einer neuen Strategie zum Schutz des globalen, aber besonders des atlantischen Blauflossenthuns, der auch das Mittelmeer bevölkert, sagte mir Frau Yamauchi. "Bisher haben wir mit Händlern und Medien zusammengearbeitet, nun versuchen wir erstmals die Konsumenten zu erreichen und sie zum Fragen zu ermutigen." Der Hintersinn: Die Japaner sollen durch bewusste Kaufentscheidung die Fischer des Abendlands zwingen, besonders den legalen wie illegalen Fang des teuren Blaufischflossenthuns sowie seine anschließende großindustrielle Mast im Mittelmeer einzuschränken. Und damit dazu beizutragen, den gefährdeten Bestand vor dem Kollaps zu bewahren.

Gleichzeitig will der WWF so den Druck auf die Internationale Kommission zur Erhaltung der Atlantischen Thunfischbestände (ICCAT) erhöhen, die im November zur nächsten Kommissionssitzung zusammentritt. Diese Organisation der Fischer und Fischereinationen ist für das Management des Fangs zuständig, hat aber – so der von Umweltschützern gerne unterschriebene Vorwurf des japanischen Fischereiministeriums an die Adresse Europas – seine Aufgabe in den vergangenen zehn Jahren schlicht nicht erfüllt. Anstatt den japanischen Vorstößen zur Einschränkung des Fangs zu folgen, wurden Fangquotenvorschläge der wissenschaftlichen Berater mutwillig ignoriert und im Zweifel selbst illegal weiter gefischt und gemästet. Das paradoxe Resultat: Immer wieder gibt es in Japans Sushi-Restaurants Rabatt-Aktionen für edlen Thun, während gleichzeitig die Bestände dramatisch fallen. Es fühlt sich an wie ein Leichenschmaus zum Schleuderpreis.

Die Japaner für die Überfischung allein an den Pranger zu stellen, wäre ungerecht. Erstens ist der wachsende Appetit ein Resultat des technischen Fortschritts. Vor dem Krieg war Thunfisch in Japan rare Ware, weil der Fang ungekühlt transportiert wurde, erklärt Satoshi Midorikawa vom japanischen Fischerei-Informationsdienst. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurden die ersten Kühlschiffe gebaut, die den Fisch bei -20 Grad Celsius lagerten. In den 1960er Jahren wurde der Fisch bei unter -60 Grad C schockgefroren und eignete sich damit auch für den Verzehr als Sashimi (roher Fisch).

Richtig in Schwung kam der Welthandel mit der Entwicklung der groĂźindustriellen Mast in den 90er Jahren. Damit sind wir beim zweiten Punkt: Die Nachfrage konnte sich auch deshalb so ausdehnen, weil die Fischer in Europa und Afrika nur zu gerne Raubbau betrieben und die Regierungen dabei bis zuletzt nur zugeschaut haben. Gibt ja auch gutes Geld zu verdienen. Der teuerste Blauflossenthun kostete auf der traditionellen Neujahrsauktion des Tokioter Fischmarkts Tsukiji 143.000 Euro. Das ist natĂĽrlich ein Sonderpreis, aber er sagt etwas ĂĽber die Verehrung von Thunfisch in Ostasien aus.

Immerhin sind die WWF-Vertreter relativ optimistisch, dass sich diesmal etwas tut. Denn nach dem gescheiterten, von der EU unterstützten Anträgen auf der Washingtoner Artenschutzkonferenz im Frühjahr, den atlantischen Blauflossenthun als gefährdet einzustufen und damit den internationalen Handel zu unterbinden (nicht aber den Fang wohlgemerkt, so dass Europas Fischer ohne ICCAT-Quotensenkung weiter fischen und Europas Mägen füllen könnten), haben sich endlich die Umweltschutzministerien der europäischen Länder eingeschaltet und damit die Fischer verstärkt unter Druck gesetzt. Italien, das sich bisher nicht als Thunfisch-Freund hervorgetan hatte, habe bereits das Auslaufen seiner Fangflotte gestoppt, freut sich der IWF.

Und auch die Regierung in Japan hat offenbar ihre ablehnende Haltung gegenüber den Umweltschutzgruppen abgeschwächt und einen Vertreter des Ministeriums für Landwirtschaft, Fischerei und Forst zum Symposium geschickt. Das macht mir Mut, dass die bisher im Vergleich zu Deutschland schwachen Umweltschutz- und Bürgerinitiativen an Einfluss gewinnen. Schließlich haben führende Fischerei-Beamte bisher beispielsweise Greenpeace nonchalant wegen der Walschutzaktivitäten als terroristisch bezeichnet. Die Umweltschützer hatten es sich doch erlaubt, einen illegalen Handel mit Walfleisch aufzudecken, woraufhin zwei Vertretern (den "Tokyo Two") wegen Diebstahl und unbefugtem Betreten Haftstrafen von 18 Monaten drohen. Auch läuft der Oscar-prämierte Dokumentarfilm "The Cove" über die Delphin-Abschlachtung im Fischerdorf Taiji recht erfolgreich, nachdem zuerst rechte Gruppen durch Gewaltandrohungen und Demos Aufführungen verhindert haben.

Der Appetit an Informationen wird also auch in Japan immer größer, wodurch der Verzehr von Blauflossenthun sinken könnte. Und das ist auch gut so. Er sollte wieder werden, was er mal war, eine Delikatesse, die man sich bewusst zu besonderen Gelegenheiten leistet, und nicht einfach ein Stück Fisch, das man gedankenverloren en passant hinunterschluckt. (bsc)