Bilderfluten

In diesem Jahr trafen sich Filmprofis und Forscher, Künstler und Designer zum jährlichen Spektakel der 3D-Branche wieder in Los Angeles. Auf dem Programm standen schöne Wasserwellen sowie der Umgang mit großen Foto- und Videomengen ebenso wie neue Programmierschnittstellen. Einige Neuerscheinungen sind schon hier und jetzt zu haben – manche sogar kostenlos.

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Von
  • Jörn Loviscach

Der Veranstaltungsort vor den Toren Hollywoods hatte den Nebeneffekt, dass die Kinomacher von Avatar & Co. tiefe Einblicke in ihre Arbeitsweise und Effektkiste präsentierten; von kommenden Filmen wie „Tron: Legacy“ war auch exklusives Vorabmaterial zu sehen. Doch die Konferenz und die Messe Ende Juli in Los Angeles boten weit mehr als mehrere hundert Meter lange Schlangen vor den Kino-Vorführungssälen und Pixars Werbegeschenken.

Weiterhin aktuell blieb das Dauerbrenner-Thema des vergangenen Jahrzehnts: Wassersimulation. In diesem Jahr lag der Schwerpunkt auf detaillierten Oberflächen.

Auf der kommerziellen Seite zeigte Scanline VFX die Sintflut aus dem Weltuntergangsepos „2012“. Im Forschungsbereich stellten mehrere „Technical Papers“ neue Methoden vor, um Tröpfchen und Flüssigkeitsfilme höher aufzulösen, ohne in Datenmassen und im Rechenaufwand zu ersaufen. Die Live-Demo von Nvidia arbeitete klassisch mit verschmolzenen Partikeln (smoothed-particle hydrodynamics). Simon Green präsentierte auf einer GeForce GTX 480 eine Million Wasserpartikel bei 30 fps.

In „Upgrades“ führt die explodierende Menge an Funktionen der Grafiksoftware einen wilden Tanz auf.

(Bild: Anya Belkina)

Ein zweiter Schwerpunkt bei den Beiträgen waren Methoden, um den Überblick über Bildersammlungen und Videos zu verbessern. Ein von Luca Ballan und seinen Kollegen vorgestelltes Verfahren zur 3D-Navigation in Videos überträgt die Funktionsweise von Microsofts Photosynth auf Videos. Photosynth findet Zusammenhänge zwischen Fotos und errechnet daraus räumliche Überblendungen; Video-Based Rendering macht dasselbe mit Videos – und das sogar mit handgefilmten Aufnahmen aus weit gespreizten Blickwinkeln. Zur Synchronisation dient dabei die Tonspur. Als Problem habe sich herausgestellt, passende Aufnahmen zu finden: Zwar sei das Internet voll mit Konzertschnipseln, die vom Publikum aufgenommen wurden – bloß würden sich kaum welche davon zeitlich überlappen.

Gleich zwei Paper befassten sich damit, Videos zur besseren Übersicht als Bildstreifen zusammenzufassen. Wie antike Reliefs zeigen diese automatischen Collagen von links nach rechts den kompletten Zeitablauf; markante Teile des Films werden zu einem harmonischen Ganzen verschmolzen.

Eine andere Art Bildteppich weben Johannes Kopf und seine Mitautoren von Microsoft Research: In ihrer Stadtansicht à la Google Street View muss man nicht zwischen Punkten mit 360°-Panoramaschwenks hin und her hüpfen. Stattdessen zoomt man mit „Street Slide“ zurück, bis die komplette Häuserfront entlang der Straße zu sehen ist.

Sylvian Levebvre und seine Kollegen vom INRIA schneiden ein Foto so in Stücke, dass sie daraus Häuserfronten beliebiger Größe generieren können – Stockwerke wachsen dazu und Türme schrumpfen, bis man kaum mehr weiß, wie das Originalgebäude aufgebaut war.

Der „RepFinder“ von Ming-Ming Cheng macht ungefähre Wiederholungen in Motiven ausfindig. Daraufhin lassen sich die Form und Farbe von Elementen ändern, Objekte ergänzen oder automatisiert austauschen. Überlappungen behandelt der Algorithmus automatisch.

Andere Arbeiten produzieren endlich sauberes ASCII Art oder verwenden 14 HD-Kameras, um die Mimik eines Gesichts nicht mehr anhand aufgemalter Punkte zu erkennen, sondern über die Hautporen. Die Kameras erfassen dabei paarweise unterschiedliche Gesichtsbereiche in Nahaufnahme; daraus ergeben sich Punktgitter mit etwa einer Million Polygonen.

Wer endlich den vollen Zugriff auf die fotografischen Möglichkeiten von Handys und Digitalkameras haben will, freut sich über die Frankencamera (siehe c’t 17/10, S. 42) – auf der SIGGRAPH wurde nicht nur der Hardware-Prototyp vorgestellt, sondern auch die universelle Programmierschnittstelle. Für das Smartphone Nokia N900 ist die Schnittstelle bereits verfügbar.

Interessante Perlen waren auch in kleineren „Talks“ zu finden, zum Beispiel ein anhand von mikroskopischen Aufnahmen nachgebauter und dann bis ins Detail simulierter 6502-Mikroprozessor.

Wie in den Vorjahren hat Ke-Sen Huang die Preprints zu allen verfügbaren Technical Papers auf seiner Website gesammelt. So kommen auch Grafikbegeisterte ohne Abo der ACM Digital Library an die begehrten Fachbeiträge.

Den vollständigen Artikel finden Sie in c't 18/2010. (ghi)