Das Null-Kalorien-Bier
Japan erfindet das nichtalkoholische "Bier" neu: Null Alkohol, null Kalorien, null Kater, null Bierbauch, aber dafĂĽr jede Menge Aromen.
- Martin Kölling
Japan erfindet das nichtalkoholische "Bier" neu: Null Alkohol, null Kalorien, null Kater, null Bierbauch, aber dafĂĽr jede Menge Aromen.
Gerade bin ich einem neuen Beispiel tabuloser japanischer Innovationsfreude über den Weg gelaufen: einem Getränk, das aussieht wie Bier, auch so ähnlich riecht und schmeckt, aber nicht nur wie einige seiner hiesigen Vorgänger gar keinen Alkohol enthält, sondern nun auch noch keine Kalorien mehr hat. "W-Zero" heißt der innovativ entkernte Bölkstoff, zusammen gerührt vom Bierbrauer Asahi auf der Jagd nach neuen Käuferschichten.
Es ist typisch für Japan: Nachdem die Brauer bis vor kurzem um Jahrzehnte hinter ihren deutschen Kollegen bei der Entwicklung gut schmeckender alkoholfreier Biere hinterhergehinkt sind, springen sie plötzlich an die Spitze. Dahinter steckt Methode: Anstatt zu versuchen, den geschmacklichen Rückstand auf die europäischen Bierhersteller aufzuholen, entschloss sich Asahi-Konkurrent Kirin zu einem gänzlich neuen Produkt durch radikale, tabulose Innovation: "Kirin free", das erste alkoholfreie mit wirklich null Prozent Alkohol. Bisherige Produkte hatten immer noch einen Restalkohol von bis zu 0,8 Prozent.
Um das zu erreichen, mussten die Japaner allerdings alle Bierbrauertugenden verletzen: Hefe und Gärung wurden durch eine Reihe anderer Techniken ersetzt, um den Alkohol loszuwerden. Statt Brauern mussten dann die Lebensmittelchemiker ran, um der Brause durch die Zugabe von Ballaststoffen, Säureregulatoren, Aminosäuren, Aromen, Vitamin C als Antioxidans und einem Bitterstoff Biergeschmack anzuzüchten. Seither kamen Derivate auf den Markt, darunter ein Produkt mit erhöhtem Aminosäuren-Anteil – quasi als Sportgetränk. Auch die Konkurrenz zog nach. Immerhin waren da Hopfen und Malz aber noch nicht verloren, sondern noch drin. Bei Asahis W-Zero musste nun auch der Hopfen dran glauben.
Ähnliche Sprünge gab es immer wieder. Vor zehn Jahren war Japan das Internetbrackwasser der Industriewelt, doch plötzlich hatte das Land durch aggressiven Ausbau von Glasfasernetzen und neue superschnelle DSL-Verfahren das schnellste und für den Kunden preiswerteste Breitband-Internet der Welt. Auch bei Waschmaschinen hinkte Japan der Welt um Jahrzehnte hinterher, bis der Elektronikhersteller Panasonic beschloss, die Frontlader-Trommelwaschmaschine nicht einfach nur zu kopieren, sondern durch den Einbau einer Trommel mit leicht gekippter Achsel zu revolutionieren.
Den Anstoß gab das eigene Versagen. Im Markt für das nicht berauschende Brauereiprodukt waren die deutschen Marken wie Clausthaler, Löwenbräu, Gerstel Bräu, Holsten und Beck's lange der Geschmacksführer – gefolgt von ein paar billigen amerikanischen und australischen Versuchen in den Regalen von Supermärkten. Die Anschläge auf den guten Geschmack, die sich die japanischen Brauereien leisteten, waren der Bodensatz. Die heimischen Gebräue waren in der Tat so schlecht, dass der Markt für alkoholfreies Bier nach einem Boom 2003 (ausgelöst durch strengere Vorschriften für und Kontrollen von Alkohol am Steuer) bis 2007 um 30 Prozent absackte.
Kirin free hat den Trend spektakulär gewendet. Nicht, weil es gar keinen Alkohol mehr hat, das ist nur noch ein zusätzlicher Marketinggag, sondern weil es im Gegensatz zu früheren Produkten genießbar ist. Auch das Asahi W-Zero findet reißenden Absatz. Und ich gestehe, auch ich werde es wieder kaufen. Denn es schmeckt zwar nicht so gut wie "richtiges" alkfreies Bier aus der Heimat, aber auch nicht mehr zum Ausspeien. Und es spart auf der Waage pro Dose 50 kcal ein. Null Alkohol, null Kalorien, null Kater, null Bierbauch – ich denke, das Zeug würde sich inzwischen auch in Deutschland verkaufen, nachdem Fruchtbiere und andere Biermixgetränke das deutsche Reinheitsgebot bereits durchlöchert haben. (bsc)