Virtual Reality für Senioren: Wie virtuelle Reisen Erinnerungen zurückbringen

Ein junges deutsches Unternehmen zeigt, wie Virtual Reality Nähe, Erinnerung und Teilhabe für ältere Menschen schaffen kann.

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Eine faltige Hand hält eine VR-Brille.

Virtual Reality kann eine Brücke zwischen Generationen schlagen und älteren Menschen neue Impulse geben.

(Bild: RemmyVR)

Lesezeit: 6 Min.
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This article is also available in English. It was translated with technical assistance and editorially reviewed before publication.

Roxana Hennig erinnert sich noch gut an den Moment, als die Idee zu RemmyVR Gestalt annahm. Ihre Großmutter war körperlich stark eingeschränkt, geistig aber völlig klar. Spaziergänge, Ausflüge oder Reisen waren nicht mehr möglich, das Leben verlagerte sich zunehmend in die eigenen vier Wände. Gleichzeitig entdeckte Hennig Virtual Reality – allerdings zunächst in einem ganz anderen Kontext: Gaming, junge Zielgruppen, Technikbegeisterte. Dennoch ließ sie der Gedanke nicht mehr los, ob sich mit dieser Technologie nicht auch für ältere Menschen etwas gestalten ließe. "Meine Oma hat das leider nicht mehr miterlebt", sagt sie rückblickend. Die Idee blieb und wurde zum Startpunkt eines Projekts, das heute in zahlreichen Pflegeeinrichtungen im Einsatz ist.

RemmyVR bietet virtuelle Ausflüge in 360-Grad-Videos an, die speziell für ältere Menschen produziert werden. Statt wilder Achterbahnfahrt oder VR-Bewegungstherapie geht es bei RemmyVR um ruhige, stimmungsvolle Szenarien: Ein Spaziergang durch den Stadtpark, eine Gondelfahrt in Venedig, ein Blick auf Rotfüchse in Japan. Die Inhalte entstehen in enger Abstimmung mit der Zielgruppe. "Wir mussten erst herausfinden, was funktioniert", erklärt Hennig. "Wie viel Bewegung verträgt das Bild? Welche Szenen überfordern nicht?"

RemmyVR-Gründerin Roxana Hennig will den Alltag in Seniorenheimen mit VR-Brillen abwechslungsreicher gestalten.

(Bild: RemmyVR)

Dass es hier nicht um technologische Showeffekte geht, sondern um Erinnerung, Emotion und Teilhabe, zeigt sich schnell in den Reaktionen. Manche Senioren und Seniorinnen wünschen sich Reisen an Orte, die sie früher besucht haben, andere wollen endlich sehen, wohin ihre Kinder und Enkel fahren. "Ein Mann hat sich London ausgesucht, weil seine Tochter dort regelmäßig mit Schulklassen hinreist. Nach dem Film meinte er dann: Jetzt kann ich besser mit ihr über die Stadt sprechen", erzählt Hennig. Genau solche Begegnungen zwischen Generationen möchte sie mit RemmyVR ermöglichen.

Auch Unterschiede zwischen Ost- und Westdeutschland zeigen sich: Während westdeutsche Senioren häufiger Fernreisen in der Jugend erlebt haben und entsprechend neugierig auf internationale Ziele sind, bevorzugen Bewohner aus ostdeutschen Einrichtungen oft regionale Inhalte, etwa den Harz, die Ostsee oder den Stadtpark vor der Haustür. Im Gespräch mit Einrichtungen wird immer wieder deutlich, wie wichtig eine klar fokussierte Anwendung ist. Während andere Anbieter VR-Angebote mit Spielen oder interaktiven Elementen kombinieren, konzentriert sich RemmyVR auf das Reiseerlebnis. "Viele Bewohner sind nach 10 bis 20 Minuten ohnehin erschöpft, dann ist es gut, wenn man gemeinsam über das Gesehene spricht." Die Filme dienen damit nicht nur der Unterhaltung, sondern auch als Gesprächsanlass im Pflegealltag.

Die eingesetzte Hardware ist bewusst einfach gehalten. Ursprünglich startete RemmyVR mit Oculus-Headsets, wechselte dann aber zur Pico G2 und später zur G3, weil diese Geräte hygienisch besser in Gruppen einsetzbar sind und sich leichter bedienen lassen. Auch das Gewicht spielt eine Rolle: Viele der Nutzenden sind körperlich eingeschränkt oder liegen im Bett. In solchen Fällen wird die Brille einfach aufgesetzt, während die Person aufgerichtet wird – eine Anwendung, die auch in der Palliativversorgung stattfindet.

Der Großteil der Inhalte wird von RemmyVR selbst produziert. Das Team reist dafür durch Deutschland oder arbeitet mit Kameraleuten weltweit zusammen. Inzwischen umfasst das Angebot über 60 Filme. Die Aufnahmen sind bewusst ruhig gehalten und mit optionalen Kommentaren versehen: Wer möchte, kann etwa während eines virtuellen London-Bummels interessante Fakten zur Tower Bridge oder zum Trafalgar Square hören oder einfach nur die Stadtgeräusche und Musik genießen.

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Wissenschaftlich begleitet wurde RemmyVR bislang nicht, wie Hennig im Gespräch betont. "Wir verstehen uns nicht als medizinisches Produkt, sondern als Angebot im Aktivierungs- und Wellnessbereich." Dennoch verweist das Unternehmen auf bestehende Studien, die positive Effekte von VR bei Demenz und kognitiven Einschränkungen belegen – etwa in Bezug auf Aufmerksamkeit, Erinnerung oder Wohlbefinden. In der Praxis berichten Pflegeeinrichtungen von genau solchen Beobachtungen: "Bei einem unserer Filme mit Elefanten gab es eine Reaktion von einem Bewohner mit Demenz, bei dem niemand mehr damit gerechnet hatte", sagt Hennig.

Der Zugang zur Technologie bleibt allerdings eine Herausforderung. Zwar ist die Bedienung der App bewusst einfach gehalten, doch nicht jede Einrichtung hat das Personal oder die technischen Vorkenntnisse, um neue Systeme einzuführen. Deshalb bietet RemmyVR umfangreiche Einarbeitung für das Pflegepersonal und ein Komplettpaket ohne kompliziertes Abo-Modell an. "Die meisten Einrichtungen schätzen es, wenn sie einmalig investieren können und dann wissen, was sie bekommen", so Hennig.

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Auf die Frage, ob Augmented Reality oder Mixed Reality für RemmyVR künftig eine Rolle spielen könnten, antwortet Hennig zögerlich. Zwar habe sie vieles ausprobiert, doch gerade in der Arbeit mit älteren Menschen müsse alles extrem einfach und barrierearm sein. "Wenn man schon zwei Klicks braucht, um den Film zu starten, ist das für viele das Maximum." Auch deshalb sieht sie eher Potenzial in anderen digitalen Erweiterungen, etwa im Einsatz von lernenden KI-Systemen, um Inhalte besser auf individuelle Interessen abzustimmen. Erste Überlegungen in Richtung Sprachassistenz oder semantischer Suche laufen bereits.

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Für viele Nutzer ist RemmyVR mehr als nur ein kurzer Ausflug in die virtuelle Welt. Es sind Momente, in denen Erinnerungen wach werden, Gespräche entstehen oder ein Gefühl von Zugehörigkeit entsteht – trotz körperlicher Einschränkungen. Dass dabei eine persönliche Erfahrung den Anstoß gegeben hat, ist vielleicht das Schönste an dieser Geschichte. Denn manchmal ist es eben nicht die Technologie selbst, die zählt, sondern das, was sie ermöglicht.

(joe)