Popkomm: Erster Härtetest für Musikempfehlungssoftware

Das Infoportal Musicline hat einen Wettbewerb zwischen vier Datenbanklösungen für Musikempfehlungen gestartet. heise online hat die Systeme auf der Messe mit dem Hip-Hopper Mc Rene getestet.

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Mc Rene ist entsetzt: Just David Hasselhoff empfiehlt der Geschmacksagent SoundProfiler dem Hip-Hopper als vermeintlichen Lieblingskünstler. "Middle of the Road"-Sound soll dem deutschen Musiker gefallen -- doch das ist meilenweit entfernt von dem Stil, dem Mc Rene tatsächlich gern lauscht. "Da ist gar nichts für mich dabei", scannt er die Liste der Titel, die ihm das System zum Reinhören und Kaufen anbietet. Die Bewertung von zehn zufällig ausgewählten Songs, die ihm der SoundProfiler zunächst vorgelegt hatte, hat sich für ihn damit nicht gelohnt. Das Programm, hinter dem die Phonobranche selbst mit der Firma Phononet steht, ist aber auch noch recht jung und verfügt bislang nur über eine Datenbank mit etwa 8000 Musikstücken.

Das Empfehlungssystem der Musikwirtschaft ist beileibe nicht das einzige. Um für die Vorzüge des legalen Downloads von Songs zu bewerben, hat Musicline, das Informationsportal der deutschen Phonoverbände daher am heutigen Donnerstag auf der Popkomm in Berlin einen Wettbewerb der "Reco-Engines" gestartet. Websurfer und eine Fachjury, zu der auch der c't-Redakteur Volker Zota gehört, können die vier zur Wahl stehenden Systeme in den nächsten acht Wochen auf Herz und Nieren testen und bewerten. Neben dem "Eigengewächs" SoundProfiler stehen dabei das Suchsystem HiFind der gleichnamigen Aktiengesellschaft, die ähnlich gestrickte Maschine ID SoundsLike vom Fraunhofer Institut für digitale Medientechnik in Ilmenau sowie die extravagante Lösung MusicLens der Firma DDD System zur Wahl. Das Gewinnerprogramm soll dann auf einer Musikdownloadseite eingebunden werden.

Auf der Popkomm hatten die vier Empfehlungsmaschinen heute gleich ihren ersten Härtetest mit Musikschaffenden selbst zu bestehen. Mc Rene klickte sich für heise online durch die Systeme. Den besten Eindruck hinterließ bei ihm dabei die schon vergleichsweise lange am Markt verfügbare Recommendation-Engine HiFind. Nachdem er vom SoundProfiler doch irgendwie auf dem Geschmack von David Hasselhoff gekommen war, tippte er den Künstlernamen auch gleich bei HiFind ein. Den Soft-Pop-Sänger und Hollywood-Mimen fand die Maschine auch prompt mit dem Titel "Looking for Freedom" und bot gut sichtbar die Option zur Suche "ähnlicher" Songs aus einer Datenbank von rund 800.000 Stücken an. Was dabei herauskam, überzeugte Mc Rene zwar wieder nicht von der Stilrichtung her: Mike Oldfield oder Smokie sind einfach nicht seine Welt. Doch "das könnte vom Prinzip her hinkommen", lobte er die Vergleichsstärke der Suchmaschine. Bei der Eingabe seines Kollegen Gentleman lieferte HiFind ihm ebenfalls brauchbare Hinweise auf die deutsche Hip-Hop-Szene. Vollends befriedigten ihn schließlich die Vorschläge zu "Miles Davis": "Johnny 'Guitar' Watson oder Marvin Gay, wow, die würde ich tatsächlich alle auf eine Mix-CD packen für ein hübsches Candle-Light-Dinner".

Nicht ganz so zufrieden stellen konnte Mc Rene die Lösung des Fraunhofer-Instituts, die unter anderem vom MP3-Erfinder Karlheinz Brandenburg mit vorangetrieben wird. "Schon allein graphisch etwas mau", war sein erster Eindruck. Zudem dauerte es ein Weilchen, bis der Künstler den etwas versteckten Knopf zur Abfrage verwandter Titel fand. Weiter enttäuschte ihn, dass die Empfehlungsmaschine den Rapper Max Herre überhaupt nicht kannte: "Skandalös, das Ding versagt gleich am Start", erteilte Mc Rene und probierte es mit seinem eigenen Namen. Den hatte SoundsLike zwar zumindest schon drin. Doch die Interpreten, mit denen das System ihn in einen Schublade steckte, missfielen ihm sehr: "Dido, ups, das hat mit meiner Musik aber gar nichts zu tun."

Schließlich stand die Beurteilung von MusicLens an. Hier überrasche Mc Rene zunächst die völlig unterschiedliche Herangehensweise, denn der Kern der Lösung ist eine Art virtueller Equalizer, auf dem der Nutzer seine Geschmacksrichtung anhand von Auswahlkriterien wie "Vocal" oder "Instrumental", "Sex" oder "Driving" sowie einer Zeitschiene einstellen kann. "Am Anfang etwas verwirrend, dann aber doch intuitiv", befand der Hip-Hopper. Auf viele Nutzer könnte die Herangehensweise aber "zu komplex und zu wissenschaftlich" wirken. Auf jeden Fall gebe es aber "einiges zum Herumspielen". Überrascht war er beim Ausprobieren aber, dass es "anscheinend auch im Mittelalter schon Rock 'n Roll gegeben haben soll". Die Empfehlung für Fans der 1970er, mal bei Nancy Sinatra reinzuhören, fand er schon plausibler. Letztlich vermisste Mc Rene aber eine Möglichkeit, einfach konkret nach einem Künstler zu suchen. Doch über das beste System werden letztlich die Surfer gemeinsam mit der Fachjury im Lauf der nächsten zwei Monate entscheiden, wobei die Stimmen beider Seiten mit jeweils 50 Prozent gewichtet werden. (Stefan Krempl) / (anw)