Das Cyber-Triumvirat 2010

Apple, Google und Facebook sind nicht nur mächtig, sie sind quasi zu globalen Infrastrukturen in privater Hand geworden. Muss das so bleiben?

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Von
  • Niels Boeing

Erinnert sich noch jemand an die Aufregung um die Monopolklage gegen Microsoft? Die wurde 1998 erhoben, als viele fĂĽrchteten, der Softwareriese sei dabei, sich das Web einzuverleiben. 2010 wird die Anwendungsebene des Internet von einem Triumvirat dominiert, das damals nicht vorherzusehen war: Apple, Google und Facebook. Apple war damals ein abgewirtschafteter Ăśbernahmekandidat, Google eine noch unbekanntes Start-up und Facebook noch nicht einmal am Horizont zu erkennen.

Was jeder dieser drei Konzerne heute an technischer Macht repräsentiert, lässt das Microsoft von 1998 in meinen Augen harmlos erscheinen. Apple beherrscht den Digital Lifestyle, Google die Webdatendienste plus Videostreaming (Youtube) und Facebook die Privatvernetzung von Nutzern.

Allen drei gemeinsam ist, dass sie sehr innovativ sind und fast im Quartalsrhythmus neue Anwendungen und Produkte veröffentlichen, dabei aber nur wenig Einblicke in ihre Operationen gewähren. Während Google und Facebook sich zu einem massiven Datenschutzproblem entwickelt haben, fällt einem bei Apple in letzter Zeit häufiger das Wort "Zensur" ein.

Bislang konnten wir uns damit trösten, dass das Web ein derart dynamisch wachsendes Gebilde ist, dass die Marktmacht von heute morgen nichts mehr wert sein kann. Es war ein Datenraum, in dem jederzeit ein neuer brillanter David auftauchen und einen alten Goliath verdrängen konnte. Ich bin mir nicht sicher, ob diese Situation noch Bestand hat.

Vor allem Google und Facebook haben sich aufgrund ihrer Größe von Diensten zu grundlegenden digitalen Infrastrukturen entwickelt, die nicht mehr wegzudenken sind. Solange sie ihre Dienste in hoher Qualität anbieten, könnte man entgegnen: na und? Tatsächlich sagen ja Hunderte Millionen von Nutzern täglich: na und.

Man könnte aber auch die Gegenfrage stellen: Sind wir gut beraten, globale Infrastrukturen Konzernen zu überlassen, die letztlich nicht kontrolliert werden? Erst recht nicht von irgendwelchen demokratischen Institutionen?

Diese Frage hat sich im globalen MaĂźstab bislang nicht gestellt, weil es keine globalen Infrastrukturen gab. Im nationalen Rahmen bei klassischen Infrastrukturen auch nicht: Bahn, Post, Telefon waren lange Zeit staatliche Unternehmen, die einem Ministerium unterstanden, das sich wiederum im Prinzip vor einem Parlament verantworten musste.

Die alten Mittel gegen eine wirtschaftlich-technologische Machtkonzentration greifen nicht mehr: Google oder Facebook zu verstaatlichen, ist eine absurde Vorstellung. Sie in einem Kartellverfahren zu zerlegen, wie es noch im Microsoft-Prozess diskutiert wurde, bringt ebenfalls nichts, weil damit die Intransparenz noch nicht behoben ist, die technischen Blackboxen nicht zwangsläufig geknackt werden.

Ein zeitgemäßes Mittel könnte sein, beide langfristig in eine Art "Commons", in ein Gemeingut zu verwandeln. In eine Mischung aus Wikipedia und GNU/Linux, beaufsichtigt von einer Institution wie dem W3C (dem World Wide Web Consortium, das über offene Webstandards wacht). Das freie Betriebssystem GNU/Linux zeigt, dass die technische Weiterentwicklung darunter nicht leiden muss. Warum sollte es nicht 2020 eine Google Foundation und eine Facebook Foundation geben?

Eine Entwicklung wie im alten Rom wäre hingegen noch beunruhigender. Bei den beiden berühmten Triumviraten ging jeweils einer als Sieger hervor und errichtete sein Diktat: erst Cäsar, später Octavian (Augustus).

Im Cyber-Triumvirat von 2010 könnte Google dies schaffen, wenn es sich um überzeugende Hardware erweitert. Diesen Fall hat kürzlich Simson Garfinkel für TR durchdacht. Wired-Chefredakteur Chris Anderson sieht in seiner provokanten These "The Web is dead" hingegen Google als Verlierer, weil Google zu sehr ans Web gebunden ist und nur dort seine Werbemilliarden macht. Das neue App-Universum, das Apple eröffnet hat, werde dem Web den Rang ablaufen. Würden die Kalifornier noch Facebook übernehmen und würde Andersons These stimmen, wäre Apple der Überlebende im Triumvirat – und Steve Jobs endgültig der digitale Augustus. Dann bräuchten wir dringend eine Apple Foundation.

Oder sieht jemand irgendwo eine Wildcard, die alle drei noch aus dem Spiel nehmen könnte? (nbo)