Web-Videos werden sozial

Online-Clips sind nach wie vor ein Wachstumsmarkt. Nun versuchen gleich mehrere Anbieter, neue Wege zu finden, um Nutzer längerfristig zu binden.

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Von
  • Erica Naone

Online-Clips sind nach wie vor ein Wachstumsmarkt. Nun versuchen gleich mehrere Anbieter, neue Wege zu finden, Nutzer längerfristig zu binden.

Fernsehen war schon immer auch eine gesellige Erfahrung: Man saß gemeinsam auf dem Sofa und kommentierte das Gesehene. Mehrere Internet-Firmen versuchen nun, diese soziale Komponente auch auf den Genuss der zunehmend populären Web-Videos zu übertragen. Das Ziel: Nutzer sollen längerfristig vor dem Bildschirm gehalten werden, was wiederum die werbetreibende Industrie anlocken dürfte.

Den Anfang machte der Social-Networking-Riese Facebook: Er startete vor wenigen Wochen eine neue Live-Streaming-Anwendung, die es Nutzern erlaubt, miteinander zu diskutieren, während sie eine Online-Übertragung sehen. Eingesetzt wurde das neue Feature unter anderem beim Start des neuen Ortsdienstes "Places".

Verschiedene andere Internet-Firmen haben ähnliche Angebote in Planung – oder sie bereits auf den Markt gebracht. Das New Yorker Start-up Qlipso bietet Nutzern eine Reihe sozialer Funktionen wie Sprach-Chat und 3D-Avatare, die während einer Videovorführung verfügbar sind.

Live ausprobiert werden kann das auf der Clip-Plattform Veoh: Sie wurde mit ihren rund 13 Millionen Besuchern im Monat von Qlipso kĂĽrzlich aufgekauft. Firmenchef Jon Goldman sagt, dass die neuen sozialen Funktionen bereits wirken. Seit ihrer EinfĂĽhrung bleiben die Veoh-Nutzer doppelt solange vor den Clips sitzen als zuvor.

Tunerfish, die "Social Discovery Engine" des US-Kabelriesen Comcast, erlaubt Nutzern unterdessen, ihrem Freundeskreis live mitzuteilen, was sie gerade sehen und wie sie es finden. Und auch YouTube experimentiert mit Funktionen, bei denen Nutzer während der Betrachtung eines Videos miteinander chatten können.

Qlipso-Chef Goldman will es seinem Publikum dabei besonders einfach machen. Der Manager kommt ursprĂĽnglich aus der Videospielebranche, was das Design des Angebots maĂźgeblich beeinflusst hat. Vorbild sind soziale Spieleplattformen wie "World of Warcraft", auf denen die Nutzer viele Stunden verbringen. Avatare und Sprachchats bei Qlipso sind beispielsweise direkt von der Spiele-Community inspiriert. "Die zentrale Frage war, wie wir das alles in den Browser holen konnten."

Qlipso nutzt eine 3D-Animationstechnik, die auf Flash-Video aufsetzt – eine zusätzliche Software ist deshalb nicht notwendig. Die Firma hat außerdem eine Technik entwickelt, die sicherstellt, dass diejenigen, die miteinander interagieren, synchrone Videostreams zu sehen bekommen. Am besten funktionieren gemeinsame Filmvorführungen im Netz dann, wenn sich die Nutzer vorher kennen – oder zumindest gemeinsame Interessen haben.

Goldman hofft, dass sein sozialer Web-Video-Ansatz attraktive neue Zielgruppen für Werbetreibende erschließt. Für die Zukunft hat er einiges vor: So soll Qlipso sogenannte "Promi-Räume" erhalten, bei denen Schauspieler oder Musiker ihre Lieblingsclips vorführen.

John McCrea, General Manager bei Tunerfish, sieht indes vor allem in der Integration bestehender sozialer Technologien einen logischen nächsten Schritt. Die Kombination von Videos mit Ökosystemen wie Facebook liege nahe.

Steve Rubel, der den Bereich neue Web-Technologien für die PR-Firma Edelman Digital beobachtet, sieht funktionierende Beispiele auf Twitter. Dort hätten sich etwa während der Übertragungen zur Fußballweltmeisterschaft zahlreiche Nutzer mit Kommentaren zu Wort gemeldet. Rubel glaubt, dass das für Werbetreibende sehr interessant sein könnte, solange solche Kampagnen mit anderen Maßnahmen in sozialen Netzen und Video-Angeboten kombiniert werden.

Marie-Jose Montpetit, Gastwissenschaftlerin am Research Lab for Electronics des MIT, die den Bereich "Social TV" seit einigen Jahren erforscht, gibt allerdings zu bedenken, dass dabei Inhalt nicht gleich Inhalt ist. Sprachchats seien beim Betrachten von Sport oder Comedy möglicherweise angebracht, bei einem Spielfilm dagegen nicht. Auch sei es nicht immer leicht, für alle Nutzer das passende soziale Element zu finden. "Nicht jeder interessiert sich für die Meinung eines völlig fremden Menschen zu einem Clip." Und auch das traditionelle Fernsehen lasse sich technisch nur schwer um Funktionen aus dem sozialen Web erweitern.

Auf längere Sicht geht aber auch Montpetit davon aus, dass Web-Videos und soziale Netze verschmelzen. Nutzer und Inhalteanbieter heben die Unterscheidung zwischen Fernsehen und Internet-Clips immer mehr auf: "Alle Bildschirme vereinen sich." (bsc)