Unter dem Schwert
Samurai gibt es in Japan schon lange nicht mehr. Die Technik der Schwertherstellung wird jedoch weiter tradiert - und ist ein gutes Beispiel fĂĽr die ostasiatische Innovationskultur.
- Martin Kölling
Ting-ting-ting, ting-ting-ting – vor tausend Jahren erklang in der japanische Ortschaft Osafune eine Symphonie der Schmiedehämmer. 1000 Schmiede verhämmerten hier am Flusse Yoshi Eisenerz nahe der Stadt Okayama zu Stahl – und Stahl zu Schwertklingen, wie es sie bis dahin und seither nicht wieder gab. Weniger als ein Kilo schwer, leicht gebogen und dabei superscharf und hart, ohne zu brechen – so wurden sie zum Symbol der Kultur der Samurai-Krieger. Vielen gelten sie daher nicht nur als Zenit der Schwertschmiedekunst, sondern als verkörperte Seele des Landes.
Nach einem Besuch des Schwertmuseums in Osafune, wo jeden zweiten Sonntag im Monat zwei der verbliebenen 300 japanischen Schwertmacher ihre Kunst lehren und leben, kann ich dem uneingeschränkt zustimmen. In dem blank polierten Stahl spiegelt sich nicht nur die Kultur der Samurai-Krieger wieder, sondern die Triebkraft des japanischen Perfektionismus: die ritualisierte und religiös überhöhte Handlung als Grundlage kontinuierlicher Verbesserung und Spitzenqualität.
Es beginnt beim Herstellungsprozess. Der ist bis ins kleinste Detail durchstrukturiert. 20 Schritte der Klingenherstellung stellt das Museum vor: Vom Schmelzen des Erzes zur Trennung in harten und weichen Stahl über das berühmte 15-fache Falten des Stahls bis hin zum einmaligen Aufbau, der das Geheimnis japanischer Schwerter ausmacht. Die Kleidung, die einstudiert wirkenden Bewegungen, all das wird zu einem Schauspiel verschmolzen. Als Rückgrat des Schwertes dient eingeschlossen im V-förmigen harten ein Kern aus weichem Stahl. "Diese Struktur gibt es nur bei japanischen Schwertern", schwärmt Museumsdirektor Takumi Katayama.
Zwei Wochen dauerte die Herstellung eines Schwertes – wenn man sich beeilt, erklärt er mir. Meist stellten die Schwertmacher jedoch drei Schwerter pro Kunden her, um nur das Beste weiterzugeben. Und die waren gerne bereit, lange zu warten. Denn durch den weicheren Kern brach ihr Kriegsgerät nicht so leicht, was im Kampf von Vorteil ist.
Die Kodierung von Arbeitsschritten sowie ihre stark ritualisierte Umsetzung sind bis heute ein wichtiges Element für Produktion und Dienstleistungen. Toyota ist berühmt dafür geworden, jeden Handgriff seiner Arbeiter festzulegen und so durch Nachvollziehbarkeit und Vergleich Fehlerquellen zu erkennen und Anregungen für eine kontinuierliche Verbesserung der Prozesse zu gewinnen. Doch auch die Arbeit von Japans Zugführern und Schaffnern ist hochgradig ritualisiert, um die Sicherheit zu erhöhen. Vor dem Schließen der Türen schauen sie nicht nur kurz nach links und rechts, ob noch Menschen in den Zug springen wollen. Sie unterstreichen dazu jeden Blick mit einem Fingerzeig und schließen idealtypisch den Bewegungszyklus mit einem lauten "Josch" ab. Das Ritual soll ihnen helfen, keinen Kontrollschritt zu vergessen.
Wie bei Toyota gab es auch in der Schwertherstellung immer wieder kleine Verbesserungen. Vielleicht müssen die Japaner auch als Erfinder des "Schweizer Taschenmessers" gelten, des multifunktionalen Schwertsystems. Da ist zum Beispiel die Schwertscheide. Über die Jahrhunderte wurde ihre Gestaltung immer ausgefeilter. So fand man heraus, dass ein Überzug aus Hai-Haut die Scheide verstärkt und sie sich damit im Kampf als zusätzliche Waffe einsetzen lässt. Einige Kunden ließen sich zudem einen eisernen Ohrenkratzer an der prächtigen Schneide anbringen. Man stelle sich vor, wie der Samurai vor dem Kampf noch genießerisch das Ohr säuberte: Schwert, Tod und Genuss – die Trinität des Samurai-Lebens, wenn man so will.
Verstärkt wird der Hang zum ritualisierten Handeln noch dadurch, dass die Herstellung von Dingen fast schon ein religiöser Akt ist. Japan wird – unter anderem – von der Naturreligion Shinto belebt, die in Bergen, Flüssen, Bäumen, aber auch Schwertern Kami (Götter oder vielleicht besser Naturgeister) innewohnen sieht. Auch die Schwertherstellung ist daher stark mit einem Ritus verbunden, der Shinto-Priester nie weit entfernt. Schwerter waren auch eine beliebte Opfergabe an Schreine. Diese religiöse Komponente verstärkt den Perfektionsdrang noch, schließlich möchten die Menschen die Götter mit ihrem Produkt alle Ehre machen. Bei diesem geistigen Gepäck, das ein Mordwerkzeug zum Symbol der technischen Kultur überhöht, nimmt es kaum Wunder, dass die Schwertherstellung bis heute tradiert wird. (bsc)