Verriss des Monats: Die warme Maus
Die Apokalypse der Nerds droht an unerwarteter Stelle: Scheinbar witzige Gadgets treiben technologieaffine Zeitgenossen in milden Rausch und Dekadenz.
- Peter Glaser
Die Apokalypse der Nerds droht an unerwarteter Stelle: Scheinbar witzige Gadgets treiben technologieaffine Zeitgenossen in milden Rausch und Dekadenz.
Der Umgang mit Hightech war lange eine reine Männerdomäne. Noch in den 70er Jahren waren Computer ernsthafte Maschinen in hammerschlaglackierten Blechgehäusen, bedient von echten Männern in gebügelten weißen Hemden, umrattert vom Tosen der Kettendrucker. Frauen, die Nylons trugen, wurden damals in Rechenzentren nicht gern gesehen, da sie (die Strümpfe) sich reibungselektrisch aufluden und die empfindlichen Elektronengehirne störten.
Mit dem Aufkommen der PCs geriet das urtümliche Großgeräte-Machotum in die Krise. Als 1984 der Macintosh auf den Markt kam, stand der Untergang des Abendlandes kurz bevor: Nun fingen auch junge Frauen an, sich massenhaft für kleine Computer zu interessieren. Der Mac war schick und der erste Computer, der ohne die Eingabe undurchsichtiger Zauberformeln zu benutzen war. Maus und grafische Benutzeroberflächen entfachten einen Glaubenskrieg. Für die einen war die Maus eine fahrbare Hilfe-Taste für Idioten, für die anderen war sie die tollste Maus seit Minnie. Der Kampf ist längst entschieden, inzwischen macht die Maus uns alle klicklich.
Nun aber schlägt das Pendel nach der anderen Seite hin aus: Es gibt eine beheizbare Maus. Und es gibt nicht nur die beheizbare Maus – Inbild einer sich abzeichnenden Gadget-Dekadenz –, sondern eine ganze Produktgruppe von elektrisch in einen lauwarmen Zustand versetzbaren Peripheriegeräten und entwürdigenden Schnickschnack wie beispielsweise beheizte USB-Hausschuhe, beheizbare USB-Strickhandschuhe, eine beheizte Handballenauflage oder ein beheizbares Mauspad.
Ok, der Herbst ist im Anmarsch, es wird kühler. Aber was zu weit geht, geht zu weit. "Die Weltneuheit gegen kalte Hände am Computer" (Werbung für das beheizte Mauspad) wurde entwickelt, um nicht nur die Handinnenfläche zu erwärmen (wie es etwa bei der beheizten Maus der Fall ist), sondern auch den Handballen. Aber: "Sie können das beheizte Mauspad auch zusammen mit einer beheizten Maus verwenden, um sowohl die Innenseite der Hand als auch den Handballen zu erwärmen."
Wir müssen ein paar Dinge unterscheiden. Es ist in Ordnung, albern zu sein und Jingle Bells auf den Kühlungslamellen einer Grafikkarte zu spielen. Es ist bescheuert, aber immer noch ok, wenn tödlich gelangweilte Büroangestellte USB-Raketenwerfer benutzen, um Kollegen mit Schaumgummigranaten zu beschießen. Es ist naturnotwendig und ok, dass der technisch interessierte junge Mensch pubertiert und dies im digitalen Zeitalter erstmals auch in globalem Maßstab tun kann. Indem er die Foren und Kommentarbereiche dieser Erde mit den sprachlichen Ausformungen der Hormonprotuberanzen bestückt, beispielsweise unter denen er und damit der Rest der Menschheit zu leiden hat. Indem er Furzgeräusche als Klingeltöne benutzt oder indem er aus seinem Rechner per Casemodding eine übergroße Bierdose macht.
Nicht oay ist dagegen, desorientierte Menschen zur Würdelosigkeit zu verführen. Wer kalte Hände hat, soll aufhören zu rauchen oder sich ein YouTube-Video von (Name eines famosen Musikers einsetzen) ansehen und applaudieren. Wir Nerds haben seit langem ein Imageproblem, das durch derlei verliererhaft verweichlichende Gerätschaft alle Bemühungen nichtig macht, aus der Soziopathen-Ecke rauszukommen. Wenn man sich beispielsweise den jüngeren Bill Gates ansieht, muss man erschüttert sehen, dass auch ein paar Milliarden Dollar nicht verhindern können, dass jemand mit einer Muffinfrisur und Brillengestellen herumläuft, die aussehen wie Waffeleisen. Seiner Frau Melinda sind inzwischen gewisse Fortschritte zu danken. Der andere große digitale Anführer, Steve Jobs, hat das Vermeiden von Geschmacksirrtümern zu einem der erfolgreichsten Geschäftsmodelle des Planeten gemacht: Alles, was im Zweifelsfall peinlich sein könnte, wird einfach weggelassen, bis fast nichts mehr übrigbleibt. Das heißt dann Design (Warum trägt Steve Jobs nur Rollkragenpullover? Alles andere hat zu viele Knöpfe.)
Ein Digerati jedoch, der sich stückchenweise lauwarm halten lässt, macht 30 Jahre Entwicklung zunichte, in der sich rohe, digitale Urmenschen in hypermoderne Kulturwesen zu verwandeln bemühten. In seinem Klassiker "Real Programmers Don't Use PASCAL" schreibt Ed Post: "Vor langer Zeit, in der goldenen Ära der Computer, war es noch leicht, die Männer von den Memmen zu trennen (mitunter auch "echte Männer" und "Müslifresser" genannt)." Echte Männer programmierten Computer, und Müslifresser ließen es bleiben. "Ein richtiger Programmierer sagte Dinge wie "DO 10 I=1,10" und "ABEND", und der Rest der Welt quengelte "Computer sind mir zu kompliziert" oder "Ich kann zu Computern keine gefühlsmäßige Beziehung aufbauen – Sie sind mir zu unpersönlich". Dabei zeigte schon Remy Eyssens Buch "Echte Männer mögen kein Müsli", dass echte Männer zu nichts und niemandem eine gefühlsmäßige Bindung aufbauen und dass sie auch keine Angst haben, unpersönlich zu sein." Aber die Zeiten änderten sich, so Post weiter. "Heute sehen wir eine Welt, in der kleine ältere Damen einen computerisierten Mikrowellenherd kaufen können, zwölfjährige Dreikäsehochs einen richtigen Mann computerspielend in die Tasche stecken, und jedermann seinen höchstpersönlichen Personal Computer kaufen und sogar verstehen kann."
"Heraus, du schnöder Gallert", heißt es bei Shakespeare in "King Lear", als jemandem die Augen ausgerissen werden. So weit muss man nicht gehen (auch wenn Shakespeare gleichfalls ein Klassiker ist). Aber ich denke, es könnte nicht schaden, das Userbeheizungs- und Betüddelungszeug zum Fenster (analog) rauszuschmeißen – und das Fenster zehn Minuten offen zu lassen. Wenn man's dann wieder zumacht, fühlen sich die kalten Finger in kürzester Zeit wieder codierwendig und pulsierend lebendig an. ()