Software-Hilfe für Videoamateure

Die KI-Anwendung "NudgeCam" soll Filmneulingen helfen, ordentliche Clips zu produzieren - mittels Gesichts-Tracking und Tonüberprüfung.

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Von
  • Tom Simonite

Die KI-Anwendung "NudgeCam" soll Filmneulingen helfen, ordentliche Clips zu produzieren – mittels Gesichts-Tracking und Tonüberprüfung.

Wer schon einmal einen Video-Clip aus Versehen falsch herum aufgenommen oder den Kopf einer gefilmten Person abgeschnitten hat, kennt das Problem: Bewegte Bilder sind ein deutlich schwerer zu handhabendes Medium als beispielsweise simpler Text. Eine neue Anwendung für Mobiltelefone soll den Job nun leichter machen: Sie liefert beim Filmen automatisch Tipps mit, wie der Nutzer bessere Aufnahmen erreicht.

Neben Warnhinweisen bei zu wenig Licht oder falschem Weißabgleich gibt das Programm namens "NudgeCam", das Algorithmen aus der Künstlichen Intelligenz enthält, auch durch, wenn die Kamera zu schnell bewegt wird oder es Tonprobleme gibt. Die Software analysiert das Video dabei in Echtzeit. Entwickler von NudgeCam ist das Forschungslabor FX Palo Alto des Fuji Xerox-Konzerns. Die App, die sich derzeit im Prototypenstadium befindet, läuft unter dem Google-Betriebssystem Android. Geplant ist aber auch, sie in einigen Jahren direkt in Camcorder einzubauen, denen aktuell noch die notwendige Rechenleistung fehlt.

Scott Carter, der NudgeCam zusammen mit seinen Kollegen John Adcock und John Doherty entwickelt hat, sieht die Software vor allem als Ausweg aus der medialen Überlastung, die nutzergenerierte Inhalte mit sich bringen. "Wir wollen den User anleiten, damit er später nicht so viel Material wegwerfen und schneiden muss."

Die App gibt dabei Standardhinweise, wie sie auch an Filmhochschulen gelehrt werden – dass das Gesicht einer Person stets eine bestimmte Proportion im Bild einnehmen muss und es am besten nicht ganz zentriert ist. "Das sind heuristische Werte, die weitläufig bekannt sind, aber bislang noch nicht in Aufnahmegeräte integriert wurden", sagt Carter. DIe Anwendung kann außerdem Vorlagen liefern, um bestimmte Videoarten aufzunehmen – dann zeigen Pfeile, wie die Kamera bewegt werden muss, um das gewünschte Ergebnis zu erzielen. Außerdem gibt es eine Art Checkliste, der man entnehmen kann, worauf beim Filmen zu achten ist – beispielsweise, dass der Blick des Interviewten möglichst geradeaus bleibt.

Ähnliche Funktionen dürften bald ihren Weg in Camcorder für Endanwender finden, glaubt Carter. "Wir sehen die Anwendungsplattform als Zwischenschritt. Ziel ist es, dass diese Ideen in andere Geräte integriert werden, die noch bessere Bilder liefern."

Die Aufnahme und Verarbeitung von Video und Audio in Echtzeit ist allerdings nach wie vor sehr rechenintensiv. Wäre die Android-Plattform nicht so flexibel, wäre es auch nicht möglich gewesen, den NudgeCam-Prototypen zu bauen, sagt Carter. Die Software läuft zudem auf einem verhältnismäßig schnellen Google Nexus One mit 1 Gigahertz. Auf regulären Consumer-Kameras ließe sich die Technik noch nicht nutzen, fehlt diesen doch sowohl eine offene Programmierplattform als auch geeignete, schnelle Hardware.

Carter will indes nicht nur mit Android experimentieren, sondern interessiert sich auch für die sogenannte Frankencamera-Plattform, die an der Stanford University entsteht. Dabei handelt es sich um ein aufgebohrtes Nokia N900-Smartphone, dessen Foto-Hardware sich deutlich genauer kontrollieren lässt als bei regulären Kameras.

Im Probebetrieb wurde NudgeCam in Studien eingesetzt, bei denen die Beteiligen Videotagebücher oder Interviews führen sollten. Dabei zeigte sich, dass durchweg besseres Material entstand als ohne die Filmhilfe. "Die nutzbare Menge war wesentlich größer", sagt Carter.

Die Forscher planen außerdem den Einsatz von NudgeCam in Entwicklungsländern zur Herstellung von Aufklärungs- und Gesundheitsvideos. Im Endkundenmarkt ergeben sich vielleicht noch ganz andere Einsatzmöglichkeiten. So arbeitet Carter mit dem Roboterhersteller Willow Garage zusammen, der Telepräsenzroboter baut. Diese könnten mittels NudgeCam dann ihre Nutzer anleiten, realistische Bilder aufzunehmen. (bsc)