IFA kontra Ceatec

Deutsch-japanische Messeimpressionen: Hightech bieten beide Shows, schnelle Fahrkartenautomaten nicht.

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Von
  • Martin Kölling

Endlich habe ich einmal die Gelegenheit zum Charaktervergleich der deutschen und japanischen Elektronikleitmessen gehabt: der IFA in Berlin, die gerade stattgefunden hat, und der Ceatec in Tokio, die im Oktober noch stattfinden wird.

Die Ceatec kenne ich zur Genüge, die IFA, die sich im vergangenen Jahrzehnt zu einer der wichtigsten Elektronikmessen der Welt gemausert hat, habe ich zum ersten Mal besucht. Und sie hat mich durch ihre Größe, Geräumigkeit und Gelacktheit überrascht.

Die Stände der Hersteller auf der IFA gleichen Erlebnisshows. Es gibt Cola, Kaffee und Kuchen, Köche kochen live. Und dazu sind zig Geräte eines Modells – seien es Waschmaschinen oder Flachfernseher – mit reichlich Luft in den Hallen aufgebaut. Offensichtlich geht es den Herstellern nicht nur um die Technik, sondern auch darum, Eindruck zu schinden. Markenpflege nennt man das wohl.

Brand-Building spielt natürlich auch auf der Ceatec eine Rolle. Nur müssen die Hersteller sich dort auf die Aussagekraft ihrer Technik verlassen, denn selbst die Stände der Großkonzerne würden gefühlt in den Restaurantbereich des Miele-Stands auf der IFA passen. Der Zwang, möglichst die volle Leistungskraft des Unternehmens auf engem Raum ausstellen zu müssen, schränkt natürlich die gestalterischen Möglichkeiten ein. Es passt halt – grob gesagt – nur ein Gerät pro Modell auf den Stand.

Darüber hinaus tummeln sich auf der Ceatec noch mehr kleine Klitschen und Zulieferer mit teilweise verschrobenen Ideen, so dass sich ein Messebesuch immer auch ein bisschen anfühlt, als ob man Daniel Düsentrieb in die Werkstatt guckt. Auf der IFA hingegen dominiert das Endprodukt, appetitlich präsentiert, um die Händlerkunden aus ganz Europa zum Zeichnen möglichst großer Aufträge zu bewegen. Ausblicke auf die Zukunft sind kaum zu finden.

Für mich als Journalisten sind beide Messen spannend. Auf der IFA gibt es allein wegen ihrer Größe und des Produktumfangs jede Menge neue Eindrücke und einen guten Überblick über den Entwicklungsstand der Industrie. Allerdings braucht man dafür drei Tage und bequemes Schuhwerk. Die Ceatec ist weniger aufpoliert, gerümpeliger, aber wegen ihrer Kompaktheit in einem bis eineinhalb Tagen abgehakt. Allerdings muss man bei Highlights bis zu einer halben Stunde anstehen, um sie angucken zu können, da halt der Schauraum begrenzt ist.

Darüber hinaus ist die Ceatec bereits zur Eröffnung der Pressetage voll begehbar, während auf der IFA die Stände der kleineren Unternehmen erst nach zwei Tagen, also zum Beginn des Publikumsverkehrs, fertiggestellt sind. Die Pressetage nutzen allein die Großkonzerne für ihre Auftritte. Für die hat das natürlich den Vorteil, dass sie den Nachrichtenfluss besser steuern können, da die Journalisten aus Ermangelung von Alternativen über die Pressekonferenzen schreiben müssen. Aber das Stöbern kommt dabei zu kurz.

Bei der Präsentation von Neuheiten wiederum hat die Ceatec in den vergangenen Jahren ein wenig an Boden verloren, weil erstens die japanischen Konzerne inzwischen global denken. Und damit ihr Technikfeuerwerk eben nicht nur zuerst vor heimischem Publikum zünden wollen, sondern weltweit. Damit müssen sie auch ihre Premieren global streuen, was den medialen Aufwand für uns Journalisten erhöht. Zweitens sind – wie das Beispiel der IFA zeigt – andere Messeplätze zu bedeutenden Order- und Publikumsmessen aufgestiegen.

Die CES in den USA und die IFA in Europa decken eben weit größere Märkte ab als die Ceatec. Und nun strebt auch noch China nach vorne: Unternehmen müssen angesichts beschränkter Budgets genau kalkulieren, wie sie sich wo mit welchen Produkten präsentieren. Und drittens macht die Ceatec einen schlechten Job, wenn es darum geht, sich als interessanten Standort bei den Medien zu verkaufen. Auf der IFA haben die Organisatoren der Ceatec zwar ein Medien-Lunch angeboten, aber sie wollten doch wirklich die Journalisten über 3D als neuesten Schrei belehren. Obwohl die Hersteller uns dieses Thema auf der IFA mit dem Vorschlaghammer in die Hirne und Tasten gehämmert hatten. So lockt man keine Katze hinter dem Ofen hervor, geschweige denn einen Journalisten nach Japan.

Wo die IFA allerdings noch meilenweit hinter der Ceatec zurück hinkt, ist der öffentliche Personennahverkehr. Bei der IFA hieß es nach einem anstrengenden Messetag am Bahnhof Messe-Süd erst einmal, fast 30 Minuten für ein Bahnticket anzustehen. Denn an jeder Treppe gibt es nur einen Fahrkartenautomaten, der zudem seine Aufträge nur im Schneckentempo abwickelt. (Der Kollege Ben Schwan hat über das wenig hauptstädtische Problem bereits im vergangenen Jahr geschrieben.) Das Wechselgeld wird irgendwann nach der Ausgabe der langsam gedruckten Fahrkarte Münze für Münze vom Automaten in den Schacht geschnipst. Damit vertrödelt man allein am Automaten bestimmt dreimal mehr Zeit als in Japan. In Japan hingegen spuckt ein Bataillon von Geräten Tickets und Geld im Akkord aus.

Ich hätte es natürlich auch schneller haben können und mein Ticket bei einem Schwarzhändler kaufen können, der die Schlangen an den Automaten ablief. Aber fünf Euro (nach Nachfrage vier Euro) für eine Fahrkarte abzudrücken, die eigentlich nur 2,10 Euro kostet, kam weder mir noch meinen aus Ulm angereisten Nachbarn in den Sinn, denen dieser Zustand genauso wie mir als Zumutung vorkam. Aber vielleicht steckt ja auch System dahinter. Will die Bahn vielleicht aus gesellschaftlicher Verantwortung armen Schwarzhändlern eine Verdienstmöglichkeit eröffnen? (bsc)