Das verräterische Waschpulver
Werbung nervt nicht mehr nur, indem sie sich überall in unseren Blick drängt. Nun kommt sie, um uns zu holen.
- Peter Glaser
In Brasilien können Waschpulverpackungen seit kurzem eine ungewöhnliche Zutat enthalten: In 50 Schachteln, die in 35 brasilianischen Städten in den Supermarktregalen stehen, befindet sich ein GPS-Sender. In der Werbeagentur des Herstellers Unilever kann man die Packungen damit, nachdem jemand sie gekauft hat, bis zu den Konsumenten nach Haus verfolgen. Dort soll der Glückliche mit einem Preis überrascht werden – einer Videokamera und einem Entertainment-Gutschein. "Try something new with Omo" heißt die Devise.
Medienwandel allerorten: Dass der Preis seinen Gewinner findet, ist ebenso neu wie die Publikation von Nachrichten via Twitter, wo nicht mehr der Sender über die Verbreitung der Nachricht entscheidet, sondern die Empfänger, die sie weiterempfehlen. Die Waschpulverschachteln zu finden, wird nicht ganz einfach sein, unter anderem, weil GPS in Gebäuden eigentlich nicht funktioniert. Mit einigem Hardware-Aufwand – mit Hilfe sogenannter Korrelationsempfänger – kann man es doch hinbekommen.
Dann steht man aber vor dem nächsten Problem. In Brasilien ist die Kriminalitätsrate ziemlich hoch, und nicht jeder wird die Tür öffnen, wenn draußen jemand steht, der behauptet, er komme von dem Waschpulver, das man gerade gekauft habe und wolle einem eine Videokamera schenken. "Wir wissen nicht, welche Reaktionen wir von den Leuten zu erwarten haben", sagt Fernando Figueiredo, Chef der zuständigen Agentur namens Bullet. Aber auch an Konsumenten, die Widerstand leisten, ist gedacht. Wenn einer seine Tür nicht aufmachen will, kann das Tracking-Team, um sich gewissermaßen auszuweisen, einen Piepser in dem GPS-Sender aktivieren.
Bereits vor zwei Jahren war die Agentur mit einer anderen Kleingeräte-Offensive für ein Eis am Stiel erfolgreich gewesen. Mitarbeiter hatten in der Bedienungsanleitung ihres iPod gelesen, dass der kleine Player auch bei Temperaturen unter dem Gefrierpunkt funktioniert. Mehrere iPods wurden testgefroren. Nachdem sie weiter klaglos ihren Dienst verrichteten, ließen die Bullet-Leute 10.000 Eis-am-Stiel-förmige Gefrierbehälter anfertigen und jeweils einen iPod reinpacken. Wenn man im nachfolgenden das Eis kaufte, wusste man nicht, ob man einen iPod oder nur ein Eis erwischt.
Wohin aber führt uns das, wenn die Maschinen kommen, wenn die einströmen in unser Leben wie Sauerstoff? Es mehren sich die Fälle, in denen sich Nutzer aus vermeintlicher Bequemlichkeit nicht weiter mit der Gerätschaft befassen – und dafür von ihr verpfiffen werden. So entdeckte ein aus dem Irak heimgekehrter Soldat und Ehemann auf der gemeinsamen Wii-Spielkonsole einen fremden Avatar. Kalendervergleiche zeigten, dass seine Frau und der Spieler hinter der Mii-Figur sich mehrere Nächte miteinander unter anderem beim virtuellen Bowling vergnügt hatten. Scheidung. (bsc)