Gastkommentar: Open Core ist vorbei

Kommerzielle Open-Source-Software bedient ein Bedürfnis des Marktes – und funktioniert auch. Was sich überlebt hat, ist der Open-Core-Ansatz. Ein Kommentar von Peter H. Ganten, Geschäftsführer der Univention GmbH.

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Peter H. Ganten ist Geschäftsführer der Bremer Univention GmbH.

Eine wesentliche Aussage des Artikels Der Hype ist vorbei von Oliver Diedrich besteht darin, dass sich kommerzielle Open-Source-Software überlebt habe. Ein wichtiger Grund dafür sei, dass es sich bei solcher Software in den meisten Fällen um so genannte "Open Core Software" handle, also um Software, bei der nur der Kern unter einer Open-Source-Lizenz steht und weitere, für den Betrieb im professionellen Umfeld ebenso notwendige Teile klassisch proprietär lizenziert werden.

Ich glaube, das Gegenteil ist der Fall: Kommerzielle Open-Source-Software wird für immer mehr Unternehmen und Behörden ein immer wichtigerer und strategischer Bestandteil der IT, die mit Open Source verbundene Nachhaltigkeit wird vielerorts gerade erst erkannt. Das hat allerdings nichts mit "Open Core Software" zu tun, bei der es sich streng genommen gar nicht um Open-Source-Software handelt, weil sie dem Anwender gerade nicht die mit Open Source verbundenen Vorteile einräumt. Ich kenne deswegen auch kaum ein Unternehmen, dass mit der "Open Core"-Philosophie als Open-Source-Unternehmen nachhaltig erfolgreich ist. Wir bei Univention haben ursprünglich ja auch mit einer Art "Open Core"-Strategie angefangen, aber schon 2006 auf hundert Prozent Open Source umgestellt. Interessanterweise sind wir seit genau diesem Zeitpunkt richtig erfolgreich und wachsen seitdem kontinuierlich im zweistelligen Bereich.

"Open Core" war früher immer das Problem von Suse (proprietärer Yast), seit der Übernahme durch Novell heißen die proprietären Lösungsteile des Unternehmens eDirectory oder Groupwise. Red Hat ist mit "gefühlt" 99 Prozent Open Source deutlich erfolgreicher gewesen. Wie der Artikel ganz richtig beschreibt, erkennen die Leute schnell, dass "Open Core" kein wirklicher Vorteil ist und auch wir haben vor unserer Entscheidung, unsere Software zu 100% als Open Source Software freizugeben, die beschriebenen "dialektischen Probleme" kennengelernt.

Kommerzielle Software und vor allem kommerzielle Open-Source-Software ist deswegen jedoch nicht wegzudenken, denn professionelle Software-Anwender verlangen in vielen Fällen nach einem Lieferanten, der die Verantwortung übernimmt. Das bedeutet Produkthaftung, Support, Maintenance, SLAs und so weiter. Und wer könnte das besser leisten als der Hersteller? Im Fall von kommerzieller Open Source werden dazu oft klassische, proprietäre Softwarelizenzen verkauft, obwohl dieselbe Software auch vollständig kostenlos unter einer Open-Source-Lizenz heruntergeladen werden kann – dann aber ohne Haftung, Support oder SLAs. Red Hat liefert ein gutes Beispiel dafür: Eine Red-Hat-Subskription entspricht im Ergebnis weitgehend einer klassischen proprietären Softwarelizenz; aber alternativ dazu kann man auch das aus denselben Quellen gebaute CentOS nehmen. Ingres zum Beispiel macht es so und wir machen es auch so.

Das aus Unternehmens- oder Behördensicht Spannende an solchen kommerziellen Angeboten sind kalkulierbare Kosten und Risiken. Dass man dann bei einem Supportvertrag, der für 900 Euro im Jahr vollen Support bei vier Stunden Reaktionszeit (als "Flatrate") für eine komplette Linux-Enterprise-Distribution bietet, nicht beliebig selbst im Code rumschrauben darf, ist bisher jedem unserer Kunden verständlich gewesen und auch nicht als Nachteil empfunden worden. Wenn ich selbst schrauben möchte, dann weiß ich entweder, was ich tue, oder muss mit höheren Kosten rechnen, wenn ein Dienstleister meine Fehler erst einmal erkennen und ausbügeln muss.

Was bleibt ist ein Riesenvorteil gegenüber proprietärer Software, zu der ich "Open-Core-Sofware" auch zählen würde: mehr Nachhaltigkeit. Jeder Anwender einer kommerziellen Open-Source-Software wie unserem UCS kann sich jederzeit entscheiden, unsere Leistungen nicht mehr zu beziehen und die Software dennoch weiter benutzen, sie weiter entwickeln (lassen) oder durch einen Dritten supporten lassen. Normalerweise ist das allerdings wenig attraktiv, weil der Hersteller einer Software Weiterentwicklung und Support in der Regel am besten und wirtschaftlichsten anbieten kann.

Wenn er aber aufhört das zu tun, etwa weil sein Unternehmen aufhört zu existieren oder von einer anderen Firma übernommen wird oder der Hersteller einfach vermessen und arrogant wird, dann entstehen plötzlich schnell solche Alternativen, siehe zum Beispiel CentOS, MariaDB, die ganzen *buntus und so weiter. Ich bin mir sicher, wenn Univention einmal aufhören sollte zu existieren (wir können ja auch nicht mehr tun, als uns Mühe geben, dass das nicht passiert), dann würde sich schnell jemand finden, der unseren Code nimmt, ein paar unserer Leute einstellt und den Hunderten von Kunden, die wir mittlerweile unter Maintenance haben, ein attraktives Angebot macht. Und genau das geht mit proprietärer Software nicht.

Dieser Vorteil wird mittlerweile auch immer öfter erkannt: Der IT-Leiter eines größeren Mittelständlers (und UCS-Anwenders) hat mir neulich gesagt, dass sie einen Basel-II-Audit hatten und dort auch das Thema Software-Escrow und vertragliche Regelungen für den Fall des Herstellerausfalls zur Sprache kam. Überall dort, wo er Open-Source-Software eingesetzt hat, konnte er gleich einen Haken machen, weil hier die typischen Risiken nicht bestehen. Das sind sofort greifbare Vorteile von Open Source für Unternehmen.

Viele professionelle Software-Anwender brauchen also kommerzielle Open Source (und keine Mogelpackungen wie "Open Core"), kommerzielle Open-Source-Software braucht Hersteller und ganz normale, verständliche Lizenzmodelle und durch beides gewinnen Unternehmen und Behörden bei Flexibilität, Nachhaltigkeit und Wirtschaftlichkeit in der IT.

Richtig ist natĂĽrlich, dass von uns kommerziellen Open Source Anbietern nur ein Bruchteil der Open Source Software stammt und dass es deswegen im Zweifelsfall auch ohne uns geht. Aber das ist ja gerade einer der Vorteile :-) (odi) (odi)