Das Reich der Mittel

Ohne Kapital keine Gründung - doch woher soll mitten in der Wirtschaftskrise das Geld kommen? Wer genug Hartnäckigkeit mitbringt, hat immer noch gute Aussichten auf eine Finanzierung.

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Von
  • Ralf Grötker
Inhaltsverzeichnis

Ohne Kapital keine Gründung – doch woher soll mitten in der Wirtschaftskrise das Geld kommen? Wer genug Hartnäckigkeit mitbringt, hat immer noch gute Aussichten auf eine Finanzierung.

Das Projekt passt nicht in unser Portfolio. – Der Markt ist noch nicht reif für die Idee. – Wir können gerade nicht investieren. Solche Absagen gehören für Martin Frindt seit Monaten zum Alltag. Der Geschäftsführer der Berliner Internetfirma ParkLabs – Jahrgang 1982, markante Hornbrille, Seitenscheitel – ist auf der Suche nach Geld. "850000 Euro bräuchten wir, um profitabel zu werden", sagt Frindt etwas verlegen lächelnd. Dafür beschäftigt ParkLabs eigens einen "Corporate-Finance-Berater". "Bei einem klassischen Venture-Capital-Geber kommt man ohne so etwas nicht durch", meint Frindt. Doch auch mit Berater war die Suche bisher erfolglos.

Das Beispiel ist symptomatisch für die derzeitige Finanzierungssituation von Gründern. Am Anfang lief es für ParkLabs noch relativ glatt: Zunächst half ein Gründerstipendium Frindt und seinen drei Partnern, den Geschäftsplan auszuarbeiten und das Unternehmen auf die Beine zu stellen. Seit eineinhalb Jahren entwickelt ParkLabs nun eine Plattform für Wettspiele im Internet, die etwa Inflationsrate, den Ausgang von Wahlen oder den Kurs der Atompolitik Irans voraussagen sollen. Doch die Suche nach einer Anschlussfinanzierung gestaltet sich zäh.

Kein Wunder: Die Branche der Risikokapitalgeber ("VCs") liegt danieder. Weltweit konnten die VC-Gesellschaften 2009 nur noch 25 Milliarden Dollar einwerben – zur Jahrtausendwende waren es noch 160 Milliarden. Ein Grund dafür ist die derzeitige Wirtschaftskrise, wegen der Investoren ihr Pulver trocken halten. Doch der US-Finanzjournalist James Surowiecki glaubt, dass die derzeitige VC-Schwäche strukturelle, keine konjunkturellen Ursachen hat. Das Geschäftsprinzip der VCs basiert nämlich darauf, dass sie ihre Investments breit streuen und mit einigen wenigen erfolgreichen Beteiligungen so hohe Gewinne einfahren, dass sie die breite Masse der Fehlinvestitionen verschmerzen können.

Dieses Prinzip funktioniere heute aber, so Surowiecki in einem Beitrag für die US-Ausgabe der Technology Review, eher schlecht als recht: IT- und Telekommunikationsunternehmen wachsen nicht mehr so schnell wie früher, es gibt weniger Börsengänge und keine schwindelerregenden Kurssteigerungen mehr. Howard Anderson, MIT-Dozent und ehemaliger Risikokapitalgeber, formuliert das so: "Der gesamte Markt ist reifer geworden. Das ist nicht gut für Venture Capitalists, weil wir irrationale Märkte lieben."

ParkLabs-Gründer Frindt sieht sich deshalb unter den öffentlichen Fördermöglichkeiten um. Im Moment bewirbt er sich beim "ProFIT"-Programm der Investitionsbank Berlin. ProFIT vergibt Zuschüsse für Entwicklungsprojekte in Höhe von bis zu jeweils 400.000 Euro und zusätzlich Darlehen bis zu drei Millionen Euro. Das größte deutsche Finanzierungsprogramm für Entrepreneure ist aber der High-Tech-Gründerfonds (HTGF). 272 Millionen Euro hat die Bundesregierung gemeinsam mit Investoren wie BASF, Daimler, Siemens und Telekom dem HTGF bereitgestellt.

Dessen Ziel ist, Unternehmen schon in frühen Phasen zu unterstützen, in denen sie für VC-Gesellschaften und andere institutionelle Anleger noch nicht interessant sind – mithin also die Brücke zu schlagen zwischen Forschung und Markt. "Milliarden werden in die Forschungslandschaft investiert", erklärt HTGF-Geschäftsführer Michael Brandkamp, ein agiler Mann Mitte vierzig. "Aber es gelingt uns einfach nicht gut genug, diese großartigen Potenziale in kommerzielle Anwendungen zu überführen."

Solche staatliche Förderpolitik bewegt sich auf einem schmalen Grat: Einerseits darf sie sich nicht von privaten Investoren übervorteilen lassen – so wie bei den ersten Hightech-Förderprogrammen in den achtziger Jahren. Damals boten die öffentlichen Beteiligungsgesellschaften den privaten Mit-Investoren eine fünf Jahre währende Haftungsfreiheit an. Die Folge: Viele Investoren zogen sich, wenn es brenzlig wurde, innerhalb der Frist zurück und überließen die Start-ups ihrem Schicksal. Anderseits darf öffentliche Förderung aber auch private Investoren nicht aus dem Markt drängen. Im Gegenteil: Sie sollte eher darauf abzielen, die Venture-Capital-Industrie zu stimulieren.