DB-Research: Offshoring im Vergleich zu den USA unterentwickelt

Durch die Verlagerung von IT-Dienstleistungen in Billiglohnländer sind laut einer Firmenumfrage keine Verwerfungen am Arbeitsmarkt zu erwarten.

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  • Richard Sietmann

Unternehmer müssten sich häufig als "vaterlandslose Gesellen" beschimpfen lassen, wenn sie im Ausland Produktionsstätten aufbauen oder betriebliche Tätigkeiten an externe Partner auslagern wollen, klagt Bitkom-Vizepräsident Jörg Menno Harms; "in der öffentlichen Diskussion ist der Eindruck entstanden, Outsourcing oder Offshoring seien die reinsten 'Jobkiller'". Diesem Eindruck wollen Bitkom und die Deutsche Bank Research mit dem "Offshoring-Report 2005" (PDF) entgegentreten, den Harms gemeinsam mit dem Chef-Volkswirt der Deutschen Bank, Norbert Walter, am heutigen Dienstag in Berlin vorstellte.

Der Befragung von 570 Unternehmen im deutschsprachigen Raum zufolge halten sich die Arbeitsplatzwirkungen der Verlagerungen ins Ausland in Grenzen. Bei rund der Hälfte der befragten Firmen brachte das Offshoring bisher keine Veränderungen der Beschäftigtenzahl mit sich und ein Drittel erwartet in dieser Hinsicht auch in den kommenden fünf Jahren keine Veränderungen; hingegen rechnet ein Drittel in diesem Zeitraum mit Arbeitsplatzverlusten von teils mehr als zehn Prozent, und ein weiteres Drittel erwartet eine Zunahme der Beschäftigung von teilweise mehr als fünf Prozent.

"Per saldo ist in der Tat ein leichter Rückgang zu erwarten", erläuterte Jürgen Schaaf von DB Research, einer der Verfasser des Reports, die Ergebnisse der Befragung und beruhigte, größere Verwerfungen seien nicht zu befürchten. "Das wichtigste Motiv beim Offshoring ist das Senken der Kosten", meinte Schaaf, "die Erschließung neuer Märkte spielt eine deutlich geringere Rolle."

Der wichtigste Standort für die Verlagerung von Geschäftsprozessen im Bereich der Informations- und Kommunikationstechnologie ist derzeit noch Indien, aber das Bild wandelt sich zunehmend zu Gunsten Osteuropas: Nur 14 der befragten Unternehmen wollen in den nächsten fünf Jahren Teile ihrer Wertschöpfung nach Indien verlagern, dagegen planen 56 den Schritt in eines der osteuropäischen Länder.

Nach Ansicht des DB-Chefvolkswirts hat die Bundesrepublik in diesem Bereich noch einen großen Nachholbedarf. Der Markt für Offshoring-Dienstleistungen summiere sich in diesem Jahr auf etwa 600 Millionen Euro; das entspricht knapp einem Prozent des Volumens in den USA. Aber die großen amerikanischen IT-Firmen hätten sich in den neunziger Jahren als Vorreiter betätigt, als sie große Teile der Software-Entwicklung nach Indien verlagerten; die großen Finanzdienstleister seien ihnen dann gefolgt. "In der Globalisierung ihrer Wertschöpfungsketten liegt ein Grund für die wirtschaftliche Dynamik der USA in der letzten Dekade", meinte Norbert Walter. Ohne das IT-Offshoring wäre das Wachstum in den Vereinigten Staaten zwischen 1995 und 2002 um jährlich 0,3 Prozentpunkte geringer ausgefallen.

Auch deutsche Firmen der ITK-Branche, erklärte Walter, könnten sich diesem Trend nicht entziehen und müssten ihre Wertschöpfungsketten "global restrukturieren und optimieren", wenn sie ihm internationalen Wettbewerb nicht zurückfallen oder sogar auf dem Heimatmarkt an Boden verlieren wollen. In seinen Augen wäre es ein großer Fehler, versuchte die Wirtschaftspolitik aus Angst vor weiteren Arbeitsplatzverlusten hier bremsend Einfluss zu nehmen und "nationalen Sand ins globale Getriebe zu streuen". Der Erfolg protektionistischer Maßnahmen sei nur von kurzer Dauer. Auch Bitkom-Vizepräsident Harms ist überzeugt: "Niemand wird die Globalisierung der Dienstleistungsmärkte aufhalten können -- so wie die Globalisierung der verarbeitenden Industrie nicht aufzuhalten war." (Richard Sietmann) / (jk)