O2 startet mobilen Schriftdolmetschdienst Verbavoice für Hörgeschädigte

02 hat eine Initiative gestartet, Menschen mit Behinderungen mittels moderner Mobiltelefone stärker in die digitale Welt einzubinden

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Von
  • Detlef Borchers

02 hat eine Initiative gestartet, Menschen mit Behinderungen mittels moderner Mobiltelefone stärker in die digitale Welt einzubinden. Als erstes geht die Telefónica-Tochter dabei auf hörgeschädigte Menschen ein und bietet ihnen neben Sondertarifen einen für den Alltag hilfreichen Schriftdolmetsch-Dienst namens Verbavoice an. Der Schriftdolmetschdienst für Smartphones mit Android-Betriebssystem wurde am Freitag in den eHealth-Labors von Telefónica im spanischen Granada vorgestellt; er soll noch in diesem Quartal allgemein verfügbar sein.

Im Rahmen einer konzernweiten "e-Accessibility-Initiative" hat 02 einen Online-Shop für Hörgeschädigte gestartet. Dieser bietet neben geeigneten Mobiltelefonen Informationen zu Mobilverträgen in Gebärdensprache an. Hörbehinderte können bei Vorlage des Behindertenausweises einen Vertrag ohne Vertragslaufzeit und Grundgebühr bekommen, bei dem SMS 13 statt 15 Cent kosten und zusätzlich 15 % Rabatt auf die Gesamtrechnung gewährt wird. Der Rabatt sorgt dafür, dass die Surf-Flatrate für Mobiltelefone 8,50 Euro im Monat kostet. Der Service für Hörgeschädigte wurde in Zusammenarbeit mit dem Deutschen Gehörlosen-Bund und der Stiftung Pfennigparade entwickelt. "Wir wollen Menschen die Chancen von Telekommunikation erschließen, insbesondere benachteiligten Gruppen wie sozial Schwachen und Menschen mit Behinderungen", erläuterte Gehard Stanzl, ein "Head of Innovation Process" von O2 in Granada. Im Zuge der Debatte um die Erhöhung der Regelsätze für Hartz-IV-Empfänger hatte sich Bundesarbeitsministerin Ursula von der Leyen (CDU) dafür ausgesprochen, dass auch "Internet" künftig zu den anerkannten Leistungen gerechnet werden sollen, womit auch das mobile Internet gemeint sein kann.

In Deutschland sind 300.000 Menschen so schwer hörgeschädigt, dass sie ohne technische Mittel von der Sprachkommunikation ausgeschlossen sind. Europaweit werden 3 Millionen, weltweit 40 Millionen Menschen zu dieser Gruppe gerechnet. Die zunehmende Überalterung westlicher Gesellschaften führt dazu, dass diese Gruppe wächst, weil ältere Menschen ertauben. In Deutschland gibt es rund 80.000 Menschen, die von Geburt aus Gehörlos sind und mit der Gebärdensprache aufgewachsen sind, die sie häufig bevorzugen. Bei komplizierten Kommunikationsituationen, etwa bei akademischen Vorlesungen oder einer ärztlichen Konsultation, kommen Schriftdolmetscher zum Einsatz, die sich thematisch vorbereitet haben. Trotz aller Fortschritte der Spracherkennung liefern sie gerade in der Fachkommunikation weitaus bessere Resultate ab als die Software: die mehsrpachige Pressekonferenz in Grenada wurde von Schriftdolmetschern begleitet, wo für englische Referate ein niederländischer Dolmetscher zugeschaltet war, der ins Textdeutsch übersetzte.

Die von Verbavoice entwickelte mobile Plattform funktioniert nach dem Prinzip, dass registrierte Hörgeschädigte einen Termin für einen Schriftdolmetscher anmelden und dabei mitteilen, wie lang der Termin dauert und welche Fachrichtung oder Fachtexte zur Vorbereitung auf den Termin wichtig sind. Nach einer Prüfung, welcher Kostenträger den Termin übernimmt, wird der Auftrag auf der Plattform ausgeschrieben und der erste sich meldende Schriftdolmetscher erhält den Zuschlag. Ist der Termin vom Hörgeschädigten bestätigt, nimmt dieser sein Mobiltelefon zum Termin, das die Aufnahme in ein Rechenzentrum sendet und weiterleitet.

Der Schriftdolmetscher arbeitet mit einer Mischung aus Speech to Text-Software, Tastaturkürzeln und Diktatsoftware und liefert ein verschriftlichtes Ergebnis in Echtzeit zurück, das über eine Web-Anwendung auf dem Mobiltelefon oder aber auf einem Netbook gelesen werden kann, welches wiederum via UMTS oder WLAN einen Internet-Zugang hat. Zur Vorführung des Dienstes verwies Verboice-Geschäftsführerin Michaela Nachtrab auf gute Erfahrungen von hörgeschädigten Jugendlichen im integrativen Schulunterricht und im Studium. Hier habe sich die Situation entwickelt, dass auch Normalhörer sehr interessiert am Service seien, weil praktisch transkribierte Vorlesungsmittschnitte von hoher Qualität entstünden.

Im Vergleich zu herkömmlichen Diensten ist die Lösung von Verbavoice allein deswegen günstiger, weil die Reisekosten für Schriftdolmetscher entfallen. Für Schriftdolmetscher, von denen es in Deutschland rund 120 geben soll, ist es der Komfort des eigenen Büros, der den Ausschlag gibt. Ausgehend vom Dienst für Behinderte hat Verbavoice auch kommerzielle Angebote für Veranstalter im Programm, die Live-Texte auf einer Videowand ausgeben wollen. Als Beispiel nannte Nachtrab die Preisverleihung zum Adolf-Grimme-Preis, die mit der Verbavoice-Plattform vertextet wurde. (jo)