Der neue Rohling

Mit der digitalen Revolution ändert sich der Blick auf die Welt - für jede neue Generation.

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Von
  • Peter Glaser

Einer der maßgeblichen Gründe, weshalb die sogenannte Künstliche Intelligenz nur schleppend vorankommt, sind die Schwierigkeiten, die spracherkennende Computer damit haben, den Kontext einer Aussage zu erfassen. Um den Satz "Vielleicht ist die Erderwärmung auch wieder nur eines dieser leeren Versprechen" richtig zu verstehen, sollte man beispielsweise auch wissen, dass er am Ende eines langen Winters gesagt wurde, an dem jemand sich, ironisch verzweifelt, nach Hochsommertagen sehnte.

So wie unser Organismus von einer sauerstoffhaltigen Atmosphäre umgeben ist, arbeitet das Bewusstsein in einer Umgebung aus Hintergrundwissen, das meist nicht explizit ausgesprochen wird, auf das sich aber vieles, das gesagt wird, stillschweigend bezieht. Und nicht nur mit Maschinenhilfe, sondern auch bereits ohne haben wir mit der Weitergabe von Informationen Schwierigkeiten, denn der Kontext verändert sich im Lauf der Zeit. Manchmal reicht es dann nicht mehr aus, nur die puren Fakten zu schildern. Um etwas Vergangenes verständlich zu machen und es nicht nur kurios erscheinen zu lassen, muss man die Umgebung in einem weiteren Sinn miterzählen.

Mit der fortschreitenden Digitalisierung erfahren zudem viele Begriffe eine Neubestimmung. Der Rohling, vor wenigen Jahren noch ein Mensch minderer Sensibilität, ist nun ein unbespielter Datenträger. Auch aus George Orwells Big Brother ist etwas ganz anderes geworden. Mit der gleichnamigen Containershow hat sich das Ganze in etwas wie Sozialpornographie verwandelt – die Leistung der Teilnehmer besteht schlicht darin, alles zu zeigen. Früher öffnete sich einmal pro Abend das Tagesschau-Nachrichtenfenster in die Welt, heute fließen die Ströme an Meldungen, Unterhaltung, Information unausgesetzt.

Sonderbare Dinge wie Sendeschluss oder Testbild kennen junge Medienkonsumenten nicht mehr (oder höchstens noch aus einem der Testbild-Museen im Internet). Die Zeit, als man zur Fernbedienung hechtete, wenn im Fernsehen im Ausklang zu einer wehenden Fahne die Nationalhymne ertönte, kuchentellergroße Schallplatten immer umgedreht werden mussten und Telefonapparate Wählscheiben hatten, die dem Finger beim Drehen Widerstand leisteten, gehört für einen heute Zwanzigjährigen in die Ära der Trichtergrammophone.

Am Beloit College in Wiscounsin wird seit 1998 eine jährlich aktualisierte Mindset List mit "Dingen der sich rapide ändernden Weltsicht der jeweils neuen Generation" zusammengestellt, um Professoren als auch neuen Schülern einen Kontext zu vermitteln. Aktuell enthalten ist etwa, dass die Kids kaum noch E-Mails schreiben (dauert zu lange) und noch nie beim Telefonieren kunstvoll eine spiralige Telefonschnur um ihren Finger gewickelt haben. Die kleine Tochter eines Bekannten stellte neulich ihrem Vater die folgende Frage: "Wie sind die Menschen eigentlich ins Internet gekommen, ehe es Computer gab?" (bsc)