WWW statt Warteschlange: eGovernment und die moderne Verwaltung
Da die IT-Infrastruktur in Deutschlands Verwaltungen in den Kinderschuhen steckt, sehen viele Unternehmen hierin einen wachsenden Markt. Sehr hohe Sicherheitsanforderungen an Online-Dienste kritisiert die Industrie als "typisch deutsch" und ĂĽbertrieben.
Lange Warteschlangen auf Behördenfluren sollen bald der Vergangenheit angehören. Zahlreiche Unternehmen präsentieren auf der CeBIT moderne IT-Lösungen für den öffentlichen Dienst, so im Public Sector Parc in Halle 9. Zukünftig sollen Bürger Verwaltungsgänge vom heimischen Arbeitsplatz aus erledigen können. Bis dahin stehen aber einige Veränderungen an: "Es gibt in Deutschland zu viele verschiedene Verwaltungsprozesse, die nicht aufeinander abgestimmt sind", sagt Willi Kaczorowski von Cisco. Das soll sich mit einheitlichen Systemlösungen ändern.
Die Verwaltungen könnten mit modernen IT-Lösungen nicht nur effizienter und kostengünstiger, sondern auch dienstleistungsorientiert arbeiten, sagt Kaczorowski. "Ein Umdenken hin zu einem kundenorientierten Staat muss stattfinden." Gemeinsam mit dem Technologie-Beratungsunternehmen BearingPoint hat Cisco Systems, Anbieter von Internetlösungen, heute auf der CeBIT zum sechsten Mal den eGovernment-Wettbewerb für Bundes-, Landes- und Kommunalverwaltungen ausgerufen.
Schirmherr des Wettbewerbs ist Bundesinnenminister Wolfgang Schäuble (CDU). "Die Arbeitsabläufe der Behörden müssen ständig modernisiert werden, wobei Bürger und Unternehmen zu Recht eine leistungsfähige, starke und flexible Verwaltung erwarten", sagte Schäuble auf der CeBIT.
Die IT-Infrastruktur öffentlicher Dienste ist nach Ansicht von Dirk Arendt vom Fraunhofer-Institut für Offene Kommunikationssysteme (FOKUS) aber noch zu uneinheitlich und oftmals veraltet. Für die Entwicklung "grundlegend neuer Prozesse" fehle derzeit ein einheitlicher strategischer Plan.
Denn hinter eGovernment verbirgt sich weit mehr als der Internetauftritt einer Gemeinde: Behördendienste wie die KFZ-Anmeldung, die Adress-Ummeldung oder auch Ausweis-Angelegenheiten sollen online verfügbar sein. Nicht nur die Information, sondern auch die Kommunikation und der Datenaustausch sollen über das Internet stattfinden. Dafür müssten Arbeitsabläufe, aber auch die verwendete Hard- und Software deutschlandweit aufeinander abgestimmt werden.
Bis öffentliche Verwaltungen soweit sind, müssen nach Ansicht von Fokus-Berater Arendt noch Vorbehalte ausgeräumt werden. "Wir haben in Deutschland enorm hohe Sicherheitsanforderungen an Online-Dienste", sagt er. Das sei "typisch deutsch" – aber übertrieben. Unterschriften könnten auch gefälscht werden. Neueste Softwarelösungen bieten seiner Ansicht nach ausreichend Schutz.
Da die IT-Infrastruktur in den öffentlichen Verwaltungen nach Ansicht vieler Experten in Deutschland noch in den Kinderschuhen steckt, sehen viele Unternehmen in eGovernment einen wachsenden Markt – auf der CeBIT umwerben sie Länder und Kommunen daher mit ihren neuesten Produkten. Während die Industrie einen "IKT-Masterplans" zwischen Politik, Wirtschaft und Bürgern vorschlägt, kritisierte kürzlich der für eGovernment zuständige hessische Staatssekretär die eGovernment-Strategie des Bundes als völlig ineffektiv. (Vivien Leue, dpa) / (ssu)