Dritte Dimension für die Hosentasche
Erst wurde 3D in Fernsehern eingeführt, nun kommen Handys und Computer dran: Eindrücke von Asiens größter Konsumelektronikmesse Ceatec.
- Martin Kölling
Erst wurde 3D in Fernsehern eingeführt, nun kommen Handys und Computer dran: Plastische Bilder für den persönlichen Gebrauch zum Mitnehmen. Eindrücke von Asiens größter Konsumelektronikmesse Ceatec.
Das hatte sich Toshiba nett ausgedacht: Um der 3D-Orgie seiner Rivalen auf der japanischen Megamesse Ceatec die Schau zu stehlen, stellte der Konzern die ersten, ab Ende Dezember frei käuflichen brillenlosen (!) 3D-TVs vor. Mit Erfolg: Zwei Stunden mussten die Leute anstehen, um die vier ausgestellten Typen zu begutachten. Die beiden marktreifen Geräte trumpften mit einem 12-Zoll-Bildschirm und einem 20-Zoll-Bildschirm auf. Außerdem durfte man die Technik noch auf einem etwa 40-Zoll großen Prototypen und einem Notebook bestaunen. Nun, dass man brillenlos 3D auch auf Fernsehern darstellen kann, ist nicht neu. Technisch ist dies bereits seit langem machbar. Die Frage ist nur, ob man es jetzt schon tun soll. Und meine Antwort nach der Begutachtung von Toshibas Versuchsballon ist: Nein, noch nicht.
Das Problem bleibt, dass sich die Beschränkungen nicht austricksen lassen. Um ohne die Shutterbrillen, die bei 3D-TVs verwendet werden, dreidimensionale Filme oder Fotos darstellen zu können, müssen die Bilder fürs rechte und linke Auge durch einen Filter (Parallax-Barriere) getrennt werden. Für jeden Blickwinkel, aus dem ein 3D-Bild sichtbar sein soll, halbiert sich damit die Auflösung des Bildes. Hat der Fernseher eine Ausgangsauflösung von Full HD, kann sich das Hirn aus den Sinneswahrnehmungen der einzelnen Augen ein niedrig aufgelöstes Bild zusammenreimen. Zusätzlich darf man den Kopf kaum bewegen, weil sonst der 3D-Effekt gestört wird. Bei zwei oder mehr Blickwinkeln reduziert sich die Auflösung weiter. Bei 3D-TVs werden die Nachteile dadurch umgangen, dass die Bilder fürs rechte und linke Auge nacheinander gesendet werden und die Shutterbrille jeweils ein Auge im Gleichtakt verdunkelt. Damit ist 3D in voller Auflösung und aus allen Winkeln möglich.
Man kann nun natürlich die Auflösung des Bildschirms erhöhen, um ein 3D-Bild in höherer Auflösung auszugeben. Und genau das hat Toshiba auch getan. Der mittelgroße 20 Zoll-Fernseher übertrifft die Full-HD-Technik um das Vierfache und stellt das Bild somit dreidimensional "fast in Full-HD" dar, so eine Vertreterin der Firma. Auf den ersten Blick ist es auch ganz eindrucksvoll. Doch mehr als ein paar Szenen dürften ermüden, denn es gibt noch reichlich störende Doppelbilder. Ich wenigstens möchte mir auf so einem Bildschirm keinen 3D-Spielfilm anschauen. Es wundert mich daher nicht, dass die meisten TV-Hersteller das technische Machbare nicht umzusetzen. Ausreichend gefallen hat mit die Technik allerdings bei Toshibas Notebook.
Und damit kommen wir zum wichtigsten Trend der Messe: "Personal 3D" nenne ich es mal, also brillenloses 3D auf Computer oder Handy. Das Notebook kann den Bildschirm entweder ganz oder teilweise auf 3D umschalten, so dass man zwei- und dreidimensionale Darstellung kombinieren kann. Für kurze Lehrvideos, Spiele und Fotos funktioniert das wahrscheinlich gut, denn für eine Person ist die Auflösung gut genug. NEC und Fujitsu sind auch beim 3D-Reigen mit dabei, Sony dürfte bald folgen. Auf der IFA hatte der Konzern ja schon einen 3D-tauglichen Notebook-Prototypen vorgestellt.
Aber der größte Schritt folgt bei Handys. Sharp stellte den ersten Prototypen eines Handys mit 3D-Display und 3D-Kamera vor. 3D-Displays in Handys sind nicht neu, doch scheiterten Sharps erste Produkte an der geringen Auflösung und der dicken Bauart des Schirms. Sharps neue Generation ist allerdings so dünn und hochauflösend und damit auch in 3D so scharf, dass Nintendo den Bildschirm sogar in seiner kommenden portablen 3D-Spielekonsole 3DS verbauen wird.
Es ist meines Erachtens nur eine Frage der Zeit, bis das Bauteil auch in 3D-Foto- und Videokameras diffundieren wird, so dass der Kreislauf 3D-Bildproduktion und -konsum für den Massenmarkt bald geschlossen sein wird. Die Kameras dafür haben Panasonic (auf der IFA in Berlin den 3D-Camcorder, auf der Photokina den 3D-Fotoapparat mit Objektiv) und FujiFilm mit seiner HD-Video-tauglichen 3D-Kompaktknipse schon im Angebot. Und mit Sharps Handy-Prototyp kommt die 3D-Fotofunktion auch fest eingebaut bei Handys an. Andere Hersteller dürften ebenfalls folgen. Denn Sharp ist nur der Vorreiter. Der Mobilnetzbetreiber NTT Docomo hat gleich mehrere 3D-Handybildschirme vorgestellt, darunter einen mit acht Blickwinkeln.
Neben den auf Konsumsteigerung ausgerichteten Produkten gab es natürlich auch wieder verrückte Ideen aus Japans Tüftlerstuben. Mein Favorit: ein im reinsten Sinne des Wortes "elektrisierendes" 3D-Videospiel. Die Ingenieure von NTT Docomo haben eine Kupferdrahtspule ins Display eingebaut, die über kurze Strecken schnurlos Strom übertragen kann. Das Spiel funktioniert so: Auf dem Bildschirm ist ein Chamäleon, dem sich der Spieler mit einem Spezialstift nähern muss. Das Tier verändert bei Annäherung nicht nur seine Farbe, sondern verfolgt den Stift mit dem Kopf. Fühlt es sich bedroht, schießt es seine Zunge hervor. Und wenn die den Stift "trifft", erhält der Spieler einen Stromschlag. (bsc)