Immer im Kreis
Warum Rechner vollkommen verrückt sind und man gelegentlich auch ohne kosmologische Phänomene in Zeitschleifen geraten kann.
- Peter Glaser
Warum Rechner vollkommen verrückt sind und man gelegentlich auch ohne kosmologische Phänomene in Zeitschleifen geraten kann.
Schleifen – Loops – gehören zu den Grundbausteinen jeder Programmiersprache. An ihnen kann man erkennen, dass Computer eigentlich vollkommen verrückt sind. Sie befinden sich in einem ständigen Zustand der Raserei, in dem die Bits unaufhörlich im Kreis fahren und auf ein Signal warten, das diesen Leerlauf beendet. Die Ringstraße um die sechs Hauptgebäude des Hauptquartiers der Firma Apple im kalifornischen Cupertino heißt nicht ohne eine gewisse Ironie "Infinite Loop".
Vergleicht man Programmiersprachen mit anderen Kunstsprachen, etwa der Sprache der Dichtung, wird deutlich, dass die Loops eine sehr alte Form sind. Schon die frühen Epen der Menschheit wie das Gilgamesch-Epos, die Ilias oder die Odyssee ähneln in Struktur und Entstehungsprozess den digitalen Epen unserer Zeit – den großen Programmierprojekten. Hier wie dort waren Generationen meist namenlos gebliebener Autoren zugange, die jeweils Teile eines Werks beigetragen und überliefert haben. Am Ende verhält es sich mit dem vermeintlichen Dichtergenie Homer genauso wie mit Walt Disney oder einem Softwarezampano wie Bill Gates – es entsteht der irrige Eindruck, dass eine einzige Person das ganze Werk geschaffen hat, während es sich doch um eine großartige Gemeinschaftsleistung handelt. Jedenfalls findet der Loop sich auch schon in diesen frühesten Formen und heißt hier Refrain.
In der Wohnung gegenüber ist ein Studentenpärchen eingemietet. Nette Leute, leider haben sie ein Klavier. Er, der Student, übt seit Monaten "The Entertainer", dieses Ragtimestück. Er sagt, er spielt. Ich sage, er übt. Das Einzige, was das Stück spannend macht, ist die Frage, an welcher Stelle er hängenbleiben wird (immer an derselben). Ich sitze, jedenfalls akustisch, neben dem Klavier und versuche zu arbeiten, das heißt, etwas Neues zu denken und aufzuschreiben. Das geht aber nicht. Jeder Ideenfunke wird von den Anschlägen auf der Klaviatur ausgelöscht. Und die Zeit bleibt stehen.
Vielmehr: Es ist nie welche vergangen. Höre ich durch die Zimmerdecke den "Entertainer", so wird mir schmerzlich bewußt, dass ich mich wieder eine Weile der Illusion hingegeben habe, die Zeit würde in immer neuen Momenten vorangehen. Wenn er, der Student, nach drei klavierlosen Wochen wieder in die Tasten holzt, ist alles, was ich in diesen Wochen erlebt habe, wie nie gewesen. Ich finde mich wieder an dem selben Punkt wie zuvor: gefangen in der immer gleichen, unveränderlich festgeschraubten, mumifizierten Minute des "Entertainer".
Im Klang dieser musikalischen Gebetsmühle zerfällt jeder Glaube an Entwicklung und Fortschritt zu Staub. Ein solches Ereignis nenne ich eine Zeitschleife. So was erlebt man öfter. Erste Bekanntschaft mit dem Begriff der Zeitschleife habe ich in den "Sterntagebüchern" von Stanislaw Lem gemacht. Darin berichtet Ijon Tichy, eine Art futurologischer Backpacker, von einundzwanzig Reisen in die zivilisierten Weiten der Galaxis. Bereits zu Anfang der ersten Reise häufen sich fatale Hinderlichkeiten: Ein angebranntes Steak, das Tichy wütend ins All geschmissen hatte, umkreist nun sein Raumschiff und bringt die Navigation durcheinander, da es (das Steak) in unregelmäßigen Abständen Sonnenfinsternisse verursacht, während es durch das Sichtfeld des Teleskops fliegt.
Daraufhin geht eine Vorrichtung an dem Raumschiff kaputt, zu deren Reparatur zwei Leute gebraucht werden; Tichy aber ist allein im All. Er schafft es, seinen ramponierten Raumer in die Nähe eines Gravitationsstrudels zu dirigieren, um – hier ist sie – in eine Zeitschleife zu gelangen. Aufgrund der besonderen Verhältnisse in einer Zeitschleife ist es möglich, als derjenige von heute auch sich selbst von gestern zu treffen (langsam noch mal lesen). Womit die Reparatur kein Problem mehr gewesen wäre. Natürlich geht nun der Ärger erst richtig los, und schließlich ist das Raumschiff gedrängt voll mit Tichys aller Altersstufen, vom Säugling bis zum Greis.
Aber die Zeitschleife ist wie gesagt kein Science-Fiction-Phänomen. In der Realität reicht sie an Eindringlichkeit weit über das schattenhafte Wiedererleben eines Deja Vu hinaus. Mit jeder weiteren Zeitschleife, in die man gerät, tut sich neuerlich ein Abgrund in dem auf, was man für die Gegenwart hält. Denn nicht "Alles schon mal dagewesen" muss es heißen, sondern "Alles immer noch da". (bsc)