Ich kann nicht abschalten
- Detlef Grell
Ich kann nicht abschalten
Es ist wieder passiert - mein NAS, das mir als Musikserver dient, hat alles vergessen, was ich ihm beigebracht habe. Sein Web-Interface spricht japanisch, die feste IP-Nummer ist weg, der Gerätename auf Werkseinstellung. Gut, dass ich zwei von den Apparaten habe - so ist die Spracheinstellung zügig durch Abgucken korrigiert.
Gestern allerdings meldete der Server auĂźerdem noch "Harddisk not formatted", was frei ĂĽbersetzt heiĂźt "Oh, das mit Deinen Daten tut mir echt leid!" Ich speichere meine CDs im nicht allzu sparsamen Flac-Format - derzeit bin ich bei 260 GByte angelangt. Bei nur 12 MByte/s (trotz GBit-Ethernet) dauert das RĂĽckspielen des Backups 6 Stunden.
Ich trage sicherlich insofern eine gewisse Mitschuld an dem Crash, als ich Geräte, die ich nur 2 bis 3 Stunden am Tag benutze, danach einfach ausschalte. Doch moderne Elektronik ist anscheinend nicht fürs Ausgeschaltet-Werden konzipiert.
Green IT? Keines der von mir erprobten NAS - und auch keine meiner externen Festplatten mit USB-Anschluss - käme von sich aus auf die Idee, mal die Platten abzuschalten, wenn länger keine Zugriffe stattfinden. Ein paar neuere können das zwar, aber spätestens beim Thema "Gerätetiefschlaf" und "Zurückholen per Wake-on-LAN" demonstrieren deren Entwickler schnöde Ignoranz.
Mein NAS, das so gern ins Japanische verfällt, konnte auch noch nie einen Time-Server nach der Uhrzeit fragen, obwohl es einen Konfigurations-Eintrag dafür bereithält. Dass nie ein Bugfix dazu rauskam, sagt mir, dass wohl jeder außer mir die Dinger durchlaufen lässt. Das NAS hat ja auch gar keinen Netzschalter, sondern nur einen Shutdown-/Startup-Schalter; sein Netzteil bleibt immer unter Strom, das NAS in einem Quasi-Standby. Es gibt zwar einen Automatik-Modus, doch der ist nur mit Spezial-Software von einem PC aus nutzbar - automatisch ist das nicht wirklich, und ein Audio-Client kann da gar nichts bewirken.
Wenn ich könnte, wäre ich längst weg vom LAN - dann hinge an jedem Streaming-Client eine USB-Platte, die ohne Booten und ohne Shutdown zusammen mit dem Client ein- und ausgeschaltet würde. Die könnte ich schön schnell befüllen und ich hätte immer auch automatisch ein Backup.
Doch der Streaming-Client meiner Wahl hat keinen USB-Anschluss. Sollte ich wechseln? Die eine Sorte setzt auf Spezialserver auf PCs, nein danke. Die andere erlaubt die Navigation nur per TV - soll ich nur für die Song-Auswahl etwa das Plasma-TV anwerfen? Nein, das köchelt bei mir eben nicht auf Standby, wenn ich nicht fernsehe!
Egal ob IT- oder Consumer-Elektronik, viele Entwickler sind wohl so begeistert von ihren Schöpfungen, dass sie sich überhaupt nicht vorstellen können, dass man die auch mal ausschalten will: Allein um die Touchscreen-Fernbedienung meines Streaming-Systems schlafen zu legen, muss ich tippen, scrollen, tippen, scrollen, tippen, um dann endlich auf die entsetzte Frage "Sie wollen allen Ernstes ausschalten?" ein "Ja, ich will!" einzutippen. (gr)