Buchkritik: Esoterische Programmiersprachen
Daniel Temkins 44 extrem eigenwillige Sprachen sind ein Leckerbissen fĂĽr Leute mit Quellcode im Blut, die Sinn fĂĽr kĂĽnstlerische VerrĂĽcktheiten aufbringen.
- Maik Schmidt
Sogenannte esoterische Programmiersprachen lachen den ĂĽblichen Anforderungen an Zweckdienlichkeit, Effizienz und Lesbarkeit ins Gesicht. Ihre Syntax und Semantik dĂĽrfen verwirrend sein. Gelegentlich sind sie einfach als Scherz zur Unterhaltung gemeint oder entspringen einer akademischen Spielerei. Andere transportieren ambitionierte Ideen, die eine eigene Kunstform bilden. Bekannte Beispiele fĂĽr sogenannte Esolangs sind brainfuck, INTERCAL und Befunge.
Der Künstler Daniel Temkin hat sich zwischen 2009 und 2025 ganze 44 solcher Sprachen ausgedacht; in seinem Buch stellt er sie vor. Nicht für all seine Schöpfungen gibt es tatsächlich einsatzfähige Interpreter respektive Compiler. Einige dürften sich mit bestehender Hardware gar nicht vertragen.
Die Bandbreite der überwiegend skurrilen Ideen ist enorm. So beruht „Olympus“ auf Gebeten zu griechischen Göttern, Programmierer müssen sehr darauf achten, diesen ausreichend zu huldigen, wenn sie beispielsweise um die Definition einer Funktion bitten. „FatFinger“ ermöglicht es, JavaScript-Vertipper als validen Code zu verstehen. „Velato“ arbeitet mit aus MIDI-Dateien entnommenen Noten; unterschiedliche Tonhöhen werden als Befehle interpretiert. Programmierer sollen dann versuchen, möglichst wohlklingende Software zu schreiben.
„Babble“ wiederum hat einen ganz anderen Clou: Bei dieser Sprache wird alles global definiert, und zwar im Sinne von weltweitem Konsens. Die Community muss sich also auf verbindliche Funktionsdefinitionen und Variablennamen einigen.
Manche Esolangs setzen auf nichtdeterministische Semantiken. So führt „Entropy“ ein Programm nie mehrmals auf dieselbe Weise aus, sondern verändert etwa Variableninhalte immer wieder geringfügig. Temkin hat Joseph Weizenbaums Chatbot „Eliza“ in Entropy implementiert und präsentiert ein paar Testläufe.
Daniel Temkin
Forty-Four Esolangs
The Art of Esoteric Code
- The MIT Press, Cambridge, MA (USA) 2025
- ISBN 978-0262553087
- 136 Seiten, 25 – 40 € (Epub-/Kindle-E-Book: 19 – 29 €)
Esoterische Programmiersprachen bringen wenig Informatiknutzen, aber sie können Leute mit Nerdgenen faszinieren und sind für viel Spaß gut. Temkins Buch macht Lust auf mehr; leider enthalten etliche der ohnehin wenigen Seiten nur ein paar Sätze an Text. Einen guten Überblick bieten aber auch die beiden Websites des Autors: danieltemkin.com/Esolangs und esoteric.codes.
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(psz)