Internetsperre im Iran vor dem Ende? Berichte über 30.000 Tote im Blackout

Dass Teheran die Internetsperre genutzt hat, um Proteste blutig niederzuschlagen, war bekannt. Jetzt, wo die Blockade löchrig wird, wird das Ausmaß deutlich.

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Die Flagge der Islamischen Republik aus Nullen und Einsen

(Bild: GagoDesign / Shutterstock.com)

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This article is also available in English. It was translated with technical assistance and editorially reviewed before publication.

Daten von Cloudflare und Berichte aus dem Iran legen nahe, dass das Regime die Internetsperre nach 18 Tagen aufweicht und wieder mehr Verbindungen in das abgeschottete Land möglich sind. Gleichzeitig weisen die aus dem Land kommenden Informationen darauf hin, dass die Massenproteste nach der Abschaltung des Internets mit einer Brutalität niedergeschlagen wurden, die auch in der Geschichte der Islamischen Republik beispiellos ist. Das US-Magazin Time berichtet unter Berufung auf das iranische Gesundheitsministerium, dass man dort von mehr als 30.000 Menschen ausgeht, die am 8. und 9. Januar in den Straßen des Landes getötet wurden. Netblocks berichtet, dass regierungsnahe Stellen über freigegebene Internetverbindungen versuchen würden, das Vorgehen zu verteidigen.

Nachdem das Cloudflare Radar des gleichnamigen Internetdienstleisters schon Mitte der vergangenen Woche zunehmenden Datenverkehr aus dem Iran im Internet gemessen hat, steigt der Traffic jetzt seit Sonntag an und hat inzwischen 50 Prozent des Niveaus von vor der Sperre erreicht. Netblocks spricht derweil lediglich von Lücken im stark gefilterten Internet, die vor allem dafür genutzt würden, um Narrative der Islamischen Republik über die Vorgänge der vergangenen Wochen zu verbreiten. Gleichzeitig gibt es aber immer mehr Berichte aus der iranischen Diaspora, laut denen vorübergehende Kontakte etwa über VPN-Dienste möglich seien. Genutzt wird dafür beispielsweise WhatsApp.

Wie es mit dem Internet im Iran nun weitergeht, ist noch unklar. Die Ankündigungen der Islamischen Republik dazu haben sich zuletzt widersprochen. So war unter anderem erklärt worden, dass die Blockade mindestens bis zum Ende des persischen Jahres – am 20. März – bestehen bleiben soll. Teilweise hieß es sogar, dass der Zugang zum Internet überhaupt nicht wieder freigegeben werden soll. Stattdessen sollte nur das im Land verfügbare und strikt kontrollierte Netz für die breite Masse der Öffentlichkeit nutzbar bleiben, während nur ausgewählte Personenkreise ins Internet dürfen. Jetzt berichtet die Nachrichtenagentur dpa aber, dass Quellen vor Ort bestätigt hätten, dass einige Apps und Websites freigegeben wurden.

Videos by heise

Am 8. Januar wurden alle Zugänge zum Internet gesperrt, an diesem Tag waren Berichten zufolge wohl Millionen Menschen im ganzen Land gegen das Regime auf die Straße gegangen. Schon zur Abschaltung war davor gewarnt worden, dass Teheran die Internetsperre dazu nutzen könnte, die Demonstrationen versteckt vor der Weltöffentlichkeit niederzuschlagen. Die jetzt langsam aus dem Land kommenden Informationen deuten darauf hin, dass die schlimmsten Befürchtungen dazu bei Weitem übertroffen wurden. Seit Tagen werden die Namen von Getöteten verbreitet, hinzu kommen immer mehr Videos, die nach der Internetblockade aufgenommen wurden. Sie zeigen, wie Menschen getötet werden und später zahlreiche Leichen, etwa in großen Lagerhallen.

Laut externen Analysen hat die längste Internetsperre des Iran auch im dortigen Machtapparat Diskussionen ausgelöst. So schreibt das Critical Threats Project (CTP), dass einige Fraktionen fürchten, eine Aufhebung der Internetsperre könnte neue Proteste entfachen. Andere wiederum sehen in den wirtschaftlichen Folgen der Blockade selbst einen möglichen Auslöser für weitere Demonstrationen. Ein ehemaliger Präsident der iranischen Industrie- und Handelskammer warnte laut der dpa vor unvorhersehbaren Folgen für die Wirtschaft. Mehr als 400.000 Unternehmen seien in ihrer Existenz bedroht, sagte Gholamhossein Schafei dem Onlineportal Asre-Eghtesad. Halte die Internetsperre an, stehe der Lebensunterhalt von neun Millionen Beschäftigten auf dem Spiel.

(mho)