Zahlen, bitte! 8-Bit-Boléro mit C64, Amiga und NES gespielt
Das Orchesterstück Boléro wurde schon unzählige Male interpretiert. Besonders nerdig geraten ist eine Neuaufnahme mit neun Instrumenten aus C64, Amiga und NES.
(Bild: heise medien)
Maurice Ravels Boléro gilt als eines der bekanntesten und beliebtesten Orchesterstücke der Welt. Seit seiner Uraufführung am 22. November 1928 wurde es unzählige Male interpretiert. Nicht nur große Dirigenten wie Herbert von Karajan, Daniel Barenboim und Seiji Ozawa spielten es ein, sondern auch in der Popkultur wurde der Boléro reichlich zitiert – wie etwa von Frank Zappa bis Deep Purple.
Eine besonders nerdige 8-Bit-Chiptune-Version schuf jĂĽngst der schwedische Musiker Linus Ă…kesson. Es ist nicht einfach nur ein SID-StĂĽck, sondern viel orchestralischer.
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Orchester Ma(r)ke Eigenbau
Er spielte die 14:31 Minuten lange Boléro-Interpretation nicht nur mit allen 8-Bit/16-Bit-Instrumenten selbst ein, sondern entwickelte sie auch: Neben verschiedenen, zum Teil skurrilen Commodore-64-Umbauten kommen auch Amiga 600 und Nintendos NES zum Einsatz, nebst Selbstbau-Synthesizer. Doch wer kommt auf solche verrückten Ideen?
In einem Interview mit einem norwegischen Gamingportal verriet der 1981 in Schweden geborene Åkesson, dass sich in ihm früh die Faszination für Musik und Technik vereinte. In eine Musikerfamilie hineingeboren, lernte er bereits mit sechs Jahren Klavier- und kurze Zeit später das Schlagzeugspielen.
In der gleichen Zeit kam auch der erste Heimcomputer ins Haus: ein Commodore Amiga 1000. Der kleine Linus spielte zwar gern, hatte aber das Problem, dass die Freunde um ihn herum den neueren Amiga 500 besaßen, die bereits mit einem Megabyte Speicher erweitert wurden, während sein 1000er mit 512 Kilobyte knapp bemessenem Speicher nur einen Teil der angesagten Amiga-Spiele zocken konnte.
Mit dem Musikprogramm komponieren gelernt
Als Alternative nutzte er das dem 1000er beiliegende Musikprogramm Aegis Sonix. Selbst als er später einen Amiga 1200 bekam, und sich damit jegliche Speicherprobleme erledigten, war sein Weg jedoch vorgezeichnet: Er interessierte sich mehr für Musiksoftware sowie fürs Programmieren statt fürs Gaming.
(Bild:Â CC BY-SA 2.5, Christian Taube)
Er lernte am Amiga die Mod-Tracker kennen und wie man damit Songs erstellt. Über Demopartys wurde er auf die Commodore-64-Szene aufmerksam und er verliebte sich in den Chip-Sound. Neben seiner Leidenschaft für Musik hatte es ihm auch das Programmieren angetan. Auch als Maker schuf er mittlerweil einige Skurrilitäten.
Sein YouTube-Kanal hat seit 2006 fast 50.000 Abonnenten und die mittlerweile 107 Videos voller Nerdstuff wurden bisher insgesamt über 9 Millionen Mal aufgerufen. 2022 kam seine Website mit weiteren Informationen zu Videos und Projekten dazu. In seinen Videos stellt er nicht nur seine skurrile Maker-Hardware vor, sondern erklärt auch etwa die Funktionsweise von Modulen anhand eines nachgespielten Amiga-Mods.
Am 19. Dezember 2025, knapp drei Jahre vor dem hundertjährigen Bestehen von Boléro, veröffentlichte Åkesson sein „8-Bit-Bolero (The World's Most Ambitious Chiptune?)“. Die Frage, ob es das ambitionierteste Chiptune ist, scheint berechtigt
Fast 10 Stunden Videoaufnahmen
Er nennt im Begleittext des Videos einige Zahlen zur Realisierung: In 9 Stunden und 42 Minuten Gesamtaufnahmen, mit insgesamt 52 Mixkanälen, kamen 13 verschiedene Krawatten und Fliegen zum Tragen. Insgesamt wurden 9 verschiedene Maker-Instrumente und ein Automat eingesetzt. Das Podest, auf dem er das Stück einspielte, wurde zudem mit zwei C64-Verpackungen gestützt.
Als wäre das nicht schon Nerdporn genug, sind die Instrumente auch eine eigene Kategorie: Das "Qweremin" (ein Kofferwort aus Qwerty und Theremin), wurde aus einem schwarzen C64 gebaut, die C=TAR, (Commodore 64 und Guitar) vereinigt den Homecomputer mit einer Gitarre.
Hinzu kommt das Qwertuoso (auf dem C64 gespielt), the Paulimba (Paula und Kalimba) basierend auf einen Amiga 600, das Tenor Commodordion, eine Mischung aus C64 und Akkordeon, das Family Bass, basierend auf ein Nintendo NES wie auch das NES Timpani, ein Floppy-Laufwerk-Soundmaschine, ein C64 nebst 1541- oder 1541-II-Laufwerk sowie das Chipophone, eine Synthesizer-Orgel fĂĽr 8-Bit-Sounds.
Im Video sieht man nicht nur, wie er die einzelnen Instrumente einspielt, sondern auch, mit welcher Tonerzeugung die Hardware arbeitet. Herausgekommen ist eine mit 14:31 Minuten eher kürzere Interpretation des Ravel-Stücks, die sonst zumeist bis zu 17 Minuten dauern. Insgesamt benötigte er laut eigenen Angaben rund ein halbes Jahr für die Realisation seiner verrückten Idee.
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Komponist schien nicht ĂĽberzeugt vom Original
Der französische Komponist Ravel selbst fremdelte mit dem Erfolg seines Stücks, welches er einst für die Balletttänzerin Ida Rubinstein schrieb. Überliefert ist, dass er einmal zu seinem Kollegen Arthur Honegger über sein Schaffen meinte: „Mein Meisterwerk? Der Boléro natürlich. Schade nur, dass er überhaupt keine Musik enthält.“
Boléro gilt bis heute als eins der am häufigsten gespielten Orchesterstücke. Eine 8-Bit-Verewigung hätte das Stück beinahe schon 1986 erhalten: Kōji Kondō, der die Musik von dem NES-Klassiker „The Legend of Zelda“ komponierte, verwendete Boléro in der Titelmusik, bis Nintendo kurz vor der Fertigstellung des endgültigen ROMs auffiel, dass das Urheberrecht des Stücks noch nicht abgelaufen war. Kondō komponierte innerhalb einer Nacht das Stück um. Gewisse Anleihen des Ravel-Stücks kann man raushören.
Das passt aber auch in die Entstehung des Originals: Ravel plante eigentlich dem Klavierwerk Ibéria von Isaac Albéniz einige Stücke zu übernehmen, merkte aber, dass sie geschützt waren. Obwohl der Rechteinhaber Arbós auf den Exklusivzugriff verzichtete, als er von Ravels Vorhaben erfuhr, hatte dieser bereits die Eigenkomposition Boléro begonnen, die nun fast ein Jahrhundert später ihre orchestrale 8-Bit-Umsetzung erhielt.
(mawi)