„Fallout Season 2“: Pointen, bis der Kopf platzt

Hinter dem Ende gibt es noch etwas zu lachen. Auch in Staffel 2 ist „Fallout“ dann am besten, wenn es gemeine Witze macht.

vorlesen Druckansicht 23 Kommentare lesen
Screenshot aus Staffel 2 von Fallout

(Bild: Amazon)

Stand:
Lesezeit: 6 Min.
Von
  • Jan Bojaryn
Inhaltsverzeichnis
close notice

This article is also available in English. It was translated with technical assistance and editorially reviewed before publication.

Warum haben die Kinder in der postapokalyptischen Kronkorkenfabrik so ausgesprochen gute Laune? Na, weil die meisten in ihrem Alter schon längst tot wären! Eine Moral, die so gemein und platt ist, dass sie als herkömmliche Pointe schon nicht mehr witzig wäre. Und die trotzdem funktioniert, weil sie auf eine besonders ignorante Welt trifft: Das ist „Fallout“. Über mehrere Computer-Rollenspiele hinweg hat die Serie todernste Themen, B-Movie-Elemente und Holzhammer-Satire in einen Topf geschmissen. Der unwahrscheinliche Mix aus 1950er-Ästhetik, Science-Fiction, Postapokalypse und Wildem Westen hat sich in sehr unterschiedlichen Spielen als überraschend robust herausgestellt.

Den Ton so ähnlich in einer TV-Serie zu treffen, ist eine besondere Leistung. Auch nach zwei Staffeln ist diese atemlose Aneinanderreihung von Katastrophen und Zumutungen ein Glücksfall.

Im Fernsehen funktionieren die „Fallout“-Pointen so ähnlich wie in den Spielen. Dass sie oft härter und düsterer wirken als die interaktive Vorlage, liegt maßgeblich an den Hauptrollen: Cooper, Lucy und Maximus sind menschliche Hauptcharaktere in einer Welt der Karikaturen. Sie reagieren so, wie man in dieser haarsträubenden Mischung aus „The Day After“ und „Idiocracy“ vielleicht reagieren würde. So wirkt das Grauen gelegentlich echter als in den Spielen.

Vielleicht geht es gar nicht anders. Wer sich nicht kopfüber in die Monty-Python-Bezüge von „Fallout“ stürzen will, der muss versuchen, den Menschen vor dem Bildschirm eine Brücke zu bauen. Wie mag es sich wohl anfühlen, 200 Jahre nach dem Atomkrieg als Ghul in der Einöde zu überleben? Wie behält man den eigenen Wertekodex, nachdem man in einem Bunker der Beschönigungen aufgewachsen ist? Bei aller Satire versucht die Serie auch in Staffel 2, Antworten auf solche Fragen zu finden.

Beim Zuschauen kann der wilde Tonwechsel ein gewisses Schleudertrauma auslösen. Ständig kippt der Ton in die blanke Satire, in die genüssliche Inszenierung unerträglicher Dummheit. Auf der anderen Seite soll uns die Geschichte durchaus noch etwas bedeuten. Wie gut das bei allen Schwächen funktioniert, ist auch in Staffel 2 beeindruckend. Die Inszenierung erinnert an einen Hochseilakt. Und wenn einer der Artisten taumelt, wird weggeblendet.

Videos by heise

Zu nah an die Realität wagt „Fallout“ sich am ehesten in den Vorkriegsszenen heran. Dass die USA in einen verlogenen, autoritären Faschismus hineinstolpern, dürfte dem Publikum noch nachvollziehbar erscheinen. Doch die Pseudo-Zukunft im Fifties-Stil funktioniert auch in den Spielen eher als Gag und nicht als Setting. Röhrenfernseher, Kabeltelefone und Pip-Boys sind in der TV-Serie als Fanservice – hier sieht es wirklich aus, wie in „Fallout“!

Doch spätestens, wenn der digital verjüngte Kyle MacLachlan als Hank durch Kulissen wie aus „Mad Men“ läuft und aussieht, als würde ihm gleich das Gesicht vom Kopf rutschen, freut man sich beim Zuschauen auf den Weltuntergang. Ernsthaft vorstellen kann man sich diese Prä-Apokalypse eher nicht. Auch hier sind aber nicht die schauspielerischen Leistungen das Problem. Frances Turner als Barb und Walton Goggins als unverstrahlter Cooper verkörpern eine spürbar wachsende Verzweiflung. Doch all das Geraune und der gläserne Blick wirken eher ermüdend. Die Welt mag untergehen, aber sie ist zu unwirklich, als dass man sie wiedererkennen könnte.

Rezension: Die zweite Staffel von „Fallout“ (7 Bilder)

Etwas ziellos wirkt „Fallout“, wenn sich die nächste Gruppe planloser Überlebender durch das Wasteland plündert. (Bild:

Amazon

)

Mitzufiebern ist eher schwierig, wenn zwei Dinge eigentlich immer klar bleiben: Erstens wird alles noch schlimmer, zweitens geht nichts so richtig zu Ende. Jede brenzlige Lage endet spätestens nach der Apokalypse entweder mit einem überraschenden Twist oder mit einem Gag.

„Fallout“-Spiele gibt es viele. Es ist bemerkenswert, wie sehr die Serie daran arbeitet, laufend neue Fraktionen und Schauplätze daraus auf den Bildschirm zu holen. Einerseits sind die Geschichten für sich genommen gut erzählt. Andererseits fühlt sich „Fallout“ in Staffel 2 oft eher wie eine Anthologie an. Drei Protagonisten bewegen sich auf unterschiedlichen Pfaden, die sich nur sporadisch kreuzen. Dazu bekommen auch Nebencharaktere längere Vignetten. Was macht eigentlich Norm? Was hat Steph vor? Wer ist dieser komische Ghul mit Nase? Irgendwo zwischen dem Snack-Club-Krieg und Macaulay Culkins Auftritt als Legionär kann es ein bisschen viel werden. Auch beim Bingen der Serie wirken die Zusammenfassungen am Anfang jeder Folge bitter nötig.

Das wilde Hin- und Herspringen in der Story-Konferenz bleibt bis zum Schluss problematisch. So entwickelt sich eher kein Spannungsbogen. Jederzeit könnte überallhin geschaltet werden.

Kurzweilig, witzig und seltsam berührend ist die Geschichte aber doch. Natürlich findet hier niemand das Happy End, natürlich muss jede Hoffnung auf eine Erlösung sehr schnell zu einer fiesen Pointe führen. Aber das ist auch richtig so. Einen moralisierenden, eher pessimistischen Blick auf den Menschen zu werfen und dann darüber zu lachen – das macht die Serie, und das machen auch die Spiele immer wieder.

Wie rund „Fallout“ als Fernsehserie geworden ist, fällt eher auf, wenn man sich andere anschaut. Die Endzeit-Kulissen, das Effektgewitter, die Gewaltexzesse sehen hier besser aus, sind pointierter und glaubwürdiger als anderswo. Beim Zuschauen wirkt es folgerichtig, dass aus einer Spieleserie mit Brüchen, Stil- und Studiowechseln eine unterhaltsame, erfolgreiche TV-Serie entstehen kann.

Es ist aber nicht folgerichtig. Es hätte sehr gut schiefgehen können. Dass hier nicht nur die richtigen Leute, sondern auch ein gutes Drehbuch, starke Schauspieler und ein üppiges Budget zusammenkommen, ist ein Glücksfall. Auf die dritte Staffel kann man sich freuen.

(dahe)