Buchkritik: Wider den Messbarkeitskult
Was lässt sich der Allmacht von Bewertungssystemen entgegensetzen? Dieser Frage geht der Philosoph C. Thi Nguyen auf unterhaltsame Weise nach.
- Dorothee Wiegand
Köche kaufen Bewertungen, anstatt kreativ und mit Liebe Geschmackserlebnisse zu schaffen. Schüler schielen nach Noten, statt Neugier und Wissensdurst zu entwickeln.
Wenn das geschieht, läuft etwas schief. Davon ist der Philosoph C. Thi Nguyen überzeugt. Seine Forschung offenbart Schattenseiten der allgegenwärtigen Quantifizierung. Wer sich etwa mehr bewegen möchte, braucht nach Ansicht des Autors keinen Schrittzähler, sondern ein feines Gespür für seinen Körper und das eigene Wohlbefinden.
Wann immer Menschen einer präzisen Metrik erlauben, ihre persönlichen Ziele und Visionen zu dominieren, passiert laut Nguyen das, was er „value capture“, also Werteübernahme nennt. Diesen in der Wirtschaftswissenschaft für eine Form der Vergabe öffentlicher Gelder üblichen Begriff verwendet er zweckentfremdend. Eines seiner zentralen Bilder sind die vier apokalyptischen Reiter der Bürokratie: Sie verkörpern Skalierung, mechanische Regeln, austauschbare Teile und zentralisierte Kontrolle. Alle vier überreichen den Menschen eine Gabe, nämlich Orientierung, verlangen aber dafür das Opfer, eigene Ziele aufzugeben.
Das Buch steckt voller hellsichtiger Ideen rund um Kennzahlen, Bewertungs- und Kontrollsysteme. Allerdings gehen die in den wortreichen Ausführungen des Autors bisweilen fast unter. Vieles erläutert er ausführlich anhand von Beispielen aus Sport und Gaming. Auch Anekdoten aus seinem Alltag als Professor an der University of Utah zieht er heran: Als er etwa testweise auf Noten verzichtete, blieben seine Studierenden der Vorlesung fern.
Die im Untertitel formulierte Frage, wie man das „Spiel der anderen“ vermeidet, beantwortet Nguyen nicht explizit. Er rät immer wieder dazu, sich auf eigene Werte zu besinnen und Ziele spielerisch zu verfolgen. Doch er lässt seine Leser auch an der Ratlosigkeit teilhaben, die er in Anbetracht der insbesondere in sozialen Netzwerken übermächtigen Scores empfindet. Das geht so weit, dass das Buch mit zwei Schlusskapiteln endet, einem „zynisch-traurigen“ und einem „mit ein wenig Hoffnung“. Wer die Geduld aufbringt, es bis zum Ende zu lesen, vermag den für sich passenden Schluss auszuwählen.
C. Thi Nguyen
Der Score
Wie wir aufhören, das Spiel der anderen zu spielen
- C. H. Beck, MĂĽnchen 2026
- ISBN 978-3406844140
- 377 Seiten, 28 €
- (Epub-/Kindle-E-Book: 24 €)
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(psz)