„Minority Report“ im Heimkinotest: Predictive Policing in 4K

Disneys restaurierte UHD verspricht mehr Details. Schärft 4K den Film oder entlarvt es seine CGI-Schwächen? Unser Vergleich mit Blu-ray und Stream zeigt es.

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Vorsicht Giftpflanzen

(Bild: Disney)

Lesezeit: 18 Min.
Von
  • Timo Wolters
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This article is also available in English. It was translated with technical assistance and editorially reviewed before publication.

Seit in einigen deutschen Bundesländern die Datensoftware von Palantir zum Einsatz kommt, ist die Kritik an Predictive Policing wieder lauter geworden. Die Diskussion über Methoden zur Verbrechensverhinderung ist jedoch viel älter. Der US-amerikanische Science-Fiction-Autor Philip K. Dick griff sie in seiner Kurzgeschichte „Der Minderheitenbericht“ bereits 1956 auf. Steven Spielberg machte daraus 2002 den Blockbuster „Minority Report“ mit Tom Cruise in der Hauptrolle. Zwei Jahrzehnte später steht nicht nur die politische Vision des Films zur Debatte – sondern auch die Frage, wie gut seine radikale Bildästhetik dem 4K-Zeitalter standhält.

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Das zum Disney-Konzern gehörende Studio 20th Century Fox hat den Film über den deutschen Anbieter Leonine in einer neu restaurierten 4K-Version auf UHD veröffentlicht. Dem Set liegt auch die unveränderte Blu-ray Disc von 2010 bei. Alternativ findet man ihn in Full-HD-Auflösung bei Streaming-Anbietern wie AppleTV/iTunes. Wir analysieren die Hintergründe des Films und vergleichen die UHD systematisch mit der alten Blu-ray und dem aktuellen Streaming-Angebot – mit besonderem Blick auf Auflösung, HDR-Grading und den Umgang mit dem extremen Filmkorn.

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Der Film gehört mit seinem dystopischen Thema und seiner Noir-Optik zu den düsteren Werken des Regisseurs. Spielberg malte eine Zukunftsvision, in der Menschen Computer nicht mehr mit Mäusen, sondern mit Gesten bedienen. Morde sind fast ausgestorben, weil ein mysteriöses Orakel solche Verbrechen bereits im Vorfeld erkennt. Die Verdächtigen werden eingesperrt, bevor sie etwas getan haben.

In diesem Test untersuchen wir, ob die neue UHD gegenüber der Blu-ray und dem Stream tatsächlich mehr aus dem damals absichtlich mit stark überhöhten Kontrasten entwickelten Filmmaterial herausholt oder nur die Mängel der damals noch unausgereiften digitalen Bildeffekte entlarvt. Gerade der aggressive Bleach-Bypass-Look und die frühe CGI machen die Restaurierung riskant: 4K kann Details retten – aber auch die Illusion zerstören.

John Anderton (Tom Cruise) sucht mit seiner Polizeitruppe einen Unschuldigen, dem die Precogs jedoch einen Mord voraussagen.

(Bild: Disney)

Bevor wir jedoch die Bild- und Tonqualität ab Seite 3 genauer untersuchen, ein Blick auf das gespannte Verhältnis zwischen Philip K. Dick und Hollywood, das seine kritischen Themen nur zu gern überarbeitete, um ein größeres Publikum in die Kinos zu locken – so auch in diesem Fall.

Hollywood und Philip K. Dick, das ist eine jahrzehntelange Geschichte voller kreativer Missverständnisse und faszinierender Neuinterpretationen. Seit Ridley Scott mit Blade Runner Dicks Roman „Träumen Androiden von elektrischen Schafen?“ in einen stilbildenden Neo-Noir verwandelte und Paul Verhoeven „Total Recall“ als blutige Action-Achterbahn inszenierte, dient der paranoide Visionär der Traumfabrik als verlässlicher Ideenlieferant. Doch Dicks oft zynische, vor allem aber realitätszweifelnde und antiautoritäre Literatur wird für das Mainstream-Publikum nicht selten glatt gebügelt oder ihres fatalistischen Kerns beraubt.

Spielbergs Minority Report aus dem Jahr 2002 ist für dieses Hollywoodverhalten ein Paradebeispiel. Wenn man sich den Film heute ansieht, betritt man ein faszinierendes cineastisches Paradoxon: ein atemloser, visuell wegweisender Blockbuster, der hochkomplexe intellektuelle Fragen aufwirft, diese aber im entscheidenden Moment mit einem typischen Wohlfühl-Pflaster zuklebt und in Spielbergs unerschütterlichem Optimismus gefangen bleibt.

Die Precogs sind drei mutierte Menschen, die im Traum Visionen von Verbrechen in der Zukunft haben.

(Bild: Disney)

Rechtsphilosophisch betrachtet ist das namensgebende Precrime-System ein absoluter Albtraum. Es hebelt das fundamentale rechtsstaatliche Prinzip des Nulla poena sine culpa (Keine Strafe ohne Schuld) radikal aus, da man für den bloßen verbrecherischen Vorsatz bestraft wird, bevor die eigentliche Tat überhaupt stattgefunden hat.

Die Unschuldsvermutung wird durch eine visionäre Wahrscheinlichkeit ersetzt. Dick, der sich stets dafür interessierte, wie Institutionen Menschen korrumpieren, macht in seiner Kurzgeschichte von 1956 keinen Hehl aus der rechtsstaatlichen Unvereinbarkeit dieser Dystopie. Sein John Anderton ist kein strahlender Held wie Tom Cruise, sondern ein kahlköpfiger, alternder Systemerhalter. Als er selbst einen Mord prophezeit bekommt, entdeckt er, dass die Präkognitiven (Precogs) sich uneinig waren. Er wird zum potenziellen Opfer des titelgebenden Minority Report.

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Dicks brillanter Clou: Um die unfehlbare Fassade seines Systems zu retten, begeht Anderton den vorhergesagten Mord an seinem Widersacher am Ende freiwillig. Er opfert seine eigene Freiheit, um die totalitäre Institution aufrechtzuerhalten, da er an deren utilitaristisches Versprechen glaubt: Sicherheit für die Mehrheit durch das Wegsperren einer Minderheit. Da es in der Story den Minority Report gibt, ist man dort bereit, Fehlurteile in Kauf zu nehmen, solange die Gesamtrate der Verbrecher niedrig bleibt. Der Einzelne wird von der Maschine zermalmt, und die Maschine behält am Ende recht – das ist die zentrale, nicht verhandelbare Kritik von Dick.