Karl Poppers kritischer Rationalismus und die IT-Strategie
VoIP, Echtzeitkommunikation und Konvergenz stehen im Zentrum der Berliner IT-Strategietage, doch auch fĂĽr die Akzeptanz heterogener Systemlandschaften wird geworben.
Mit VoIP, Echtzeitkommunikation und Konvergenz stehen zahlreiche Modethemen der Informations- und Kommunikationstechnologien im Zentrum der Berliner IT-Strategietage des Marktforschungshauses IDC, die noch bis zum morgigen Mittwoch im axica-Kongresszentrum am Pariser Platz stattfinden. Alles dreht sich um die Einbettung von Telefonie, Videokonferenzen und Instant Messaging in die Geschäftsprozesse durch den Aufbau einer gemeinsamen Infrastruktur für die unterschiedlichen Dienste. Ziel sei es etwa, erklärte Josef Winter, Leiter der Region Deutschland bei Siemens, die Präsenz einzelner Mitarbeiter jederzeit abfragen zu können. "Das ist kein Science-Fiction-Szenario", betonte der Manager. In Großbritannien etwa würden Zugführer und Schaffner bereits in die von ihnen betreuten Verkehrsmittel einchecken und mit RFID auf der Plattform authentifiziert.
Siemens selbst geht bei der Integration der klassischen Telefonie und der Datenkommunikation mit gutem Beispiel voran und hat damit laut Michael Meyer, dem Leiter des Geschäftsfelds "Vertical Solutions Practices" beim Münchner Konzern, bereits "signifikante Vorteile erzielt". Das Unternehmen habe die Kommunikation für alle seine 430.000 Mitarbeiter weltweit auf Voice-over-IP umgestellt und biete Sprache als "gehosteten" webbasierten Dienst an, der sich einfach in die Geschäftsabläufe einbinden lasse. Dies könne die Produktivität steigern, sodass sich Siemens von der Umstellung "einen schnellen Return on Investment" verspricht.
Als großen Erfolg wertete Meyer ferner die Integration von Siemens-Echtzeit-Kommunikation in SAPs NetWeaver-Umgebung, die beide Konzerne auf der CeBIT vorgestellt haben. Damit werde es etwa beim Feststellen ausbleibender Projektfortschritte über das Enterprise-Portal möglich, sofort eine Konferenzschaltung mit den Verantwortlichen aufzubauen. Die Software stelle sicher, dass die Kommunikationspartner zusammenkommen. Und zwar "egal ob auf dem Handy oder im Festnetz", wie Meyer betonte. Die nahe Zukunft derartiger integrierter Dienste sieht der Siemens-Manager in der Einbeziehung von Maschinen in die Interaktionskette. Bei einem technischen Problem werde dann "eine eigenständige Konferenzsitzung durch die Maschine aufgebaut". Verstärkt wird die Konvergenz laut Meyer durch WLAN, das die Verkabelung im Fabrikationsbereich reduziere. Und über "RFID brauchen wir nicht mehr zu diskutieren, das ist da", verwies er auf das kommende "Massendistributionskonzept" bei den nur noch "fünf bis sechs Cent" teuren Funkchips.
Den Hype um die IT-Trends gegen den Strich bürstete Hamarz Mehmanesh, Geschäftsführer der MGM EDV-Beratung. Er unternahm den Versuch, die Theorie des kritischen Rationalismus des Philosophen Karl Popper auf die IT-Entwicklung zu übertragen. "Alles sind Vermutungen und Modelle, darin müssen wir nach Fehlern suchen uns sie schrittweise eliminieren, um Fortschritt zu erreichen", fasste der Berater die Kernpunkte Poppers zusammen. Daraus leitete er die Notwendigkeit eines gesunden "Misstrauens gegen Patentlösungen von IT-Anbietern ab". Man dürfe niemand die "volle Gewalt" über seine IT-Prozesse geben, riet er den Konferenzteilnehmern von zu starkem Outsourcing ab. "Die Intelligenz über Geschäftsprozesse, fachliche Dienste und ihre Daten müssen bei Ihnen bleiben."
Angesicht Poppers Einsicht, dass nur durch "geistige Demut" wirklicher Fortschritt erreichbar sei, empfahl Mehmanesh eine allgemeine Skepsis gegenüber "Big-Bang-Ansätzen" im IT-Bereich. "Die komplette Ablösung einer Anwendungslandschaft durch eine homogene Systemlandschaft ist die falsche Zielsetzung für eine IT", betonte der Programmierer. Die zu Grunde liegenden Geschäftsprozesse würden sich zu schnell verändern, sodass man sich bei der IT-Vereinheitlichung zu lange "nur mit sich selber" beschäftige. Es führe kein Weg daran vorbei, eine "permanent heterogene Anwendungs- und Systemlandschaft zu akzeptieren."
Die Weisheit Poppers, dass der Mensch Probleme zu lösen habe, aber "kein Thema" brauche, inspirierte Mehmanesh zu der Warnung, nicht jedem IT-Prediger zu folgen. "Anfang der 90er Jahre hat jede Firma eine Abteilung zu unternehmensweiter Datenmodellierung eingeführt", brachte der Berater ein Beispiel. Nach vier Jahren hätten die meisten sie wieder abgebaut. "Wir haben das jetzt alles, aber wissen nicht, was wir damit machen sollen", sei immer wieder zu hören gewesen. Ähnlich sei es heute mit Content-Management-Systemen, die auch nicht jede Firma brauche. "Sonst haben Sie große Anwendungselefanten in der Landschaft, die sehr schwer zu pflegen und zu bewegen sind", warnte der Informatiker. Poppers zentrale Forderung nach einem unabdingbaren Paradigmenwechsel nach dem schrittweisen Austesten von Fehlern griff Mehmanesh nicht auf. Zumindest wollte er nicht so weit gehen, den ständigen Investitionen in die IT jeglichen Sinn und Zweck abzusprechen und eine bessere Lösbarkeit von Unternehmensproblemen ganz ohne die teure Computertechnik zu propagieren. (Stefan Krempl) / (jk)