Rechenzentren: Bundesregierung will Vervierfachung bis 2030

Bundesdigital- und -wirtschaftsministerium wollen die Zahl der Rechenzentren drastisch erhöhen und gleichzeitig für mehr Akzeptanz in der Bevölkerung sorgen.

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(Bild: Gorodenkoff/Shutterstock.com)

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This article is also available in English. It was translated with technical assistance and editorially reviewed before publication.

Mit einer neuen Rechenzentrumsstrategie will die Bundesregierung für Rückenwind am Wirtschaftsstandort Deutschland sorgen und die Digitalisierung voranbringen. Nachdem zuletzt einige Ankündigungen im Bereich von KI-Rechenzentren gemacht und mehrere Standorte eröffnet wurden, legen Bundesdigitalminister Karsten Wildberger und Bundeswirtschaftsministerin Katherina Reiche nun ihren Plan vor. Damit sollen Rechenzentren zum einen von der Bevölkerung akzeptiert, schnell errichtet und zudem auch noch nachhaltiger als an anderen Orten der Welt betrieben werden. Doch die Herausforderungen sind dabei ganz unterschiedlicher Art.

Mindestens vervierfachen sollen sich binnen der kommenden viereinhalb Jahre die Rechenkapazitäten für den Schwerpunkt Künstliche Intelligenz, mindestens verdoppeln die für Rechenzentren jeder Art. Messgröße dafür soll die Anschlussleistung sein, sprich: wie viel Strom die Rechenzentren benötigen. 2025 gehörten sie mit 21 Terawattstunden bereits in die Topliga der Stromverbraucher in der Bundesrepublik, vier Prozent des Bruttostromverbrauchs des Landes.

Ein Hauptproblem bei der Errichtung neuer Rechenzentren bleibt aber die Stromversorgung. Denn ohne Hochspannung geht meist nichts – und die Netzbetreiber sehen sich bereits mit dem Ausbau im Rahmen der Energiewende überfordert. Anträge werden nach den bislang geltenden Regeln dort bislang nach Eingangsdatum abgearbeitet, nicht nach tatsächlicher Realisierungswahrscheinlichkeit oder gar Umsetzungsreife – so dass sich viele Netzbetreiber über Phantomprojekte beschweren, die dennoch beschieden werden müssen und für die das Netz mitgeplant wird. Das führt zu Staus in der Antragsbearbeitung – und bei Rechenzentren zu einem klaren Ziel für die Bundesregierung. „Das könnten alte Kraftwerksstandorte sein oder größere Flächen früherer Industriebetriebe“, erläutert Bundesdigitalminister Karsten Wildberger (CDU).

In Lübbenau in Brandenburg etwa nutzt Schwarz Digits ein ehemaliges Braunkohlekraftwerksgelände für seine Großinvestition – die entsprechende Stromanbindung ist dort vorhanden. Auch im Rheinischen Revier, dem Gebiet der durch Proteste bekanntgewordenen Garzweiler-Braunkohletagebaue, und vergleichbaren Flächen in der Lausitz gibt es wenig Flächenkonkurrenz, aber die notwendigen hochspannenden Elektrovoraussetzungen. Auch die Nachnutzung von älteren stromintensiven Industriebetrieben und Rechenzentrenflächen bietet sich an, wie etwa bei der Telekom in München, die in einem ehemaligen Bankkeller ihre KI-Cloud-Schränke installiert hat. Die Netzbetreiberkosten werden dabei regelmäßig auf die Nutzer des jeweiligen Netzes umgelegt.

Damit das aber nicht als Nachteil und Rechenzentren insgesamt als Vorteil gesehen werden, sollen die betroffenen Kommunen davon finanziell profitieren: „Eine Zielsetzung in der Strategie ist, dass die Gewerbesteuer teilweise dort anfällt, wo das Rechenzentrum ist“, erläutert Karsten Wildberger. Vorbild könnte dabei die „Zerlegung“ der Gewerbesteuer wie bei Windkraftanlagen und größeren PV-Anlagen werden: Einen Teil erhält die Kommune, in der die Anlage steht, ein anderer Teil geht dort in die Kommunalkasse, wo der Betreiber ansässig ist. Die Gespräche dazu, wie das genau aussehen soll, sind jedoch noch nicht abgeschlossen. Details dazu will das Digitalministerium mit dem hauptsächlich zuständigen Finanzministerium in den kommenden Wochen noch erarbeiten.

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Doch auch das Vorhandensein von Stromanschlüssen und Flächen allein macht noch keinen attraktiven Rechenzentrumsstandort Deutschland. Als ein wesentlicher Faktor gilt dabei der Arbeitsstrompreis. Rechenzentren sind bislang jedoch nicht auf der EU-Liste der Branchen (KUEBLL), deren Strompreis subventioniert werden darf. Der gigantische Stromhunger könnte zudem schlicht durch den Verbrauch auch eine Strompreisverteuerung für alle Bürger und Industrien mit sich bringen – wenn aus 21 im Jahr 2030 dann 84 Terawattstunden Jahresverbrauch zu Buche stehen sollen.

Diese Stromverbrauchsmenge führt jedoch unweigerlich auch zu massiver Abwärme. Wie diese genutzt werden kann, etwa um Fernwärmenetze zu unterstützen, gehört auch mit der neuen Rechenzentrumsstrategie noch zu den ungelösten Problemen.

Die Rechenzentrumsstrategie der Bundesregierung enthält aber auch jenseits der Kapazitätszielvorstellungen, Standort- und Energiefragen einige Feinheiten: „Für den Aufbau einer sicheren und souveränen europäischen Cloudinfrastruktur sollten kritische Komponenten ausschließlich von vertrauenswürdigen Herstellern verwendet werden“, heißt es in dem Papier. Das „sollten“ signalisiert dabei bereits eines der aktuellen Probleme: komplette Rechenzentren „Made in Europe“ sind aktuell aufgrund der Lieferketten so gut wie nicht realisierbar. Auch deshalb setzt die Rechenzentrenstrategie auf mehrere Sicherheitsschichten, ohne sie in den Fokus zu stellen: Vor allem für die Bundesbehörden werden wichtige Kriterien wie Georedundanz, physische Schutzmaßnahmen und Autark-Energiekonzepte genannt. Auch eine Geheimschutz-Cloudlösung, die den Verschlusssachenanordnungen entsprechende Authentifizierungs-, Zugriffsbeschränkungs- und Protokollmöglichkeiten beinhaltet, ist zumindest als Ziel formuliert.

Doch dabei soll es nicht bleiben: „Für die Wirtschaftssicherheit Deutschlands und Europas ist auch eine europäische Cloudinfrastruktur für vernetzte Komponenten entscheidend“, heißt es in der Strategie. Denn auch das ist ein wesentliches Ziel: wesentlich mehr Teile, welche für den Betrieb von Rechenzentren notwendig sind, sollen künftig aus der EU kommen. Eine entsprechende Bevorzugung europäischer Anbieter will die Bundesregierung im kommenden „Cloud and AI Development Act“ gerne sehen, den die EU-Kommission Ende Mai vorlegen soll.

Die Rechenzentrumsstrategie der Bundesregierung soll am Mittwoch im Kabinett verabschiedet werden. Bundesdigitalminister Karsten Wildberger will damit vor allem den ersten Schritt sicherstellen. „Wenn man das im internationalen Maßstab sieht, haben wir sicherlich besonderen Aufholbedarf“, sagt der ehemalige Manager, der von Friedrich Merz im vergangenen Frühjahr überraschend ins Kabinett berufen wurde. Wenn die in der Strategie formulierten Ziele überschritten würden, hätte er jedenfalls nichts dagegen einzuwenden.

(mho)