"Wollen wir wirklich nur drei Jahre gewinnen?"

Bill Gates, Multimilliardär und Wohltäter, engagiert sich seit Kurzem für die Energiewende - auf ganz spezielle Art. In seinem Büro in Kirkland, Washington, sprach der Microsoft-Gründer mit Technology Review.

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  • Jason Pontin
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Bill Gates, Multimilliardär und Wohltäter, engagiert sich seit Kurzem für die Energiewende - auf ganz spezielle Art. In seinem Büro in Kirkland, Washington, sprach der Microsoft-Gründer mit Technology Review.

Technology Review: Herr Gates, Ihre Stiftung ist bekannt dafür, Entwicklungsländer beim Kampf gegen Infektionskrankheiten zu unterstützen. Neuerdings beschäftigen Sie sich aber mit einer noch globaleren Aufgabe – der nachhaltigen Energieversorgung. Was kann ein Philanthrop wie Sie ausrichten?

Bill Gates: Eigentlich nicht viel. Der Markt für Energie ist gigantisch. So groß, dass nur Unternehmen das Risiko auf sich nehmen können, neue Methoden der Energieversorgung zu entwickeln. So wie Kapitalismus nun mal funktioniert, tragen diese Erfinderfirmen die vollen Kosten, müssen sich aber den Profit früher oder später mit anderen Marktteilnehmern teilen. Eine Gesellschaft, die gegenüber Grundlagenforschung aufgeschlossen ist, kann dieses Dilemma zum Wohle aller kompensieren. Das ist auch der Grund, warum unsere Regierung beispielsweise Forschung im Gesundheitsbereich finanziert.

TR: Derzeit gibt die US-Regierung für Forschung auf dem Energiesektor nur fünf Milliarden US-Dollar aus. Der Energy Innovation Council der US-Regierung, dem Sie angehören, sagt, dass eigentlich 16 Milliarden nötig wären.

Gates: Ich war auch sehr erstaunt über diese Differenz. Im Vergleich dazu: Das Forschungsbudget der National Institutes of Health (US-Gesundheitsbehörde; Anm. d. Red.) beträgt mehr als 30 Milliarden US-Dollar.

TR: Könnte Ihre Stiftung da nicht aushelfen?

Gates: Unsere Stiftung kann sich dort engagieren, wo es um Dinge geht, die ärmeren Menschen nützen. Das könnten beispielsweise Ansätze sein, aus Biomasse Energie zu gewinnen, in Gebieten ohne Straßen und Infrastruktur. Dafür wird sich nie ein Markt entwickeln. Aber als Investor unterstütze ich den Fonds für Wagniskapital von Vinod Khosla (Mitbegründer des IT-Konzerns Sun Microsystems, US-amerikanischer Venture Capitalist; Anm. d. Red.). Ich investiere auch in den Intellectual Ventures Fund von Nathan Myhrvold (ehemaliger F&E-Chef von Microsoft; Anm. d. Red.). Nathan besitzt die Fähigkeit, große Ideen zu entwickeln. Viele davon drehen sich um Energie. Einige werden dann in Start-ups wie TerraPower weiterentwickelt. Dort versuchen Ingenieure derzeit, einen Atomreaktortyp zu realisieren, der viele Risiken der Kernenergie minimiert.

TR: Wenn elf Milliarden US-Dollar für die Energieforschung fehlen, was wäre dann der bessere Ansatz?

Gates: Auf keinen Fall eine Strategie wie beim Manhattan-Projekt im Zweiten Weltkrieg. Der neue Ansatz sollte möglichst wenig Geld benötigen und robust unter verschiedenen Umständen einsetzbar sein. Man kann hier nicht einfach eine Mannschaft von intelligenten Menschen zusammensperren und ihnen die Richtung vorgeben, in der sie forschen sollen. Eigentlich ist es ziemlich erstaunlich, dass diese Vorgehensweise damals beim Manhattan-Projekt funktioniert hat.

TR: Es funktionierte, weil das Ziel sehr eindeutig war: die weltgrößte Bombe bauen und den Krieg beenden.

Gates: Ja, aber in der Energiefrage können wir nur vage unsere Ziele formulieren. Wir wollen Energie, die ungefähr ein Viertel der in Kohlekraftwerken produzierten Elektrizität kostet und null Kohlendioxid ausstößt. Klar, wir können das so hinschreiben. Aber es gibt eine Menge Wege, um dorthin zu kommen. Und zu jedem dieser Wege fallen einem Realisten leider eine Menge Hindernisse ein.

TR: Was ist die Konsequenz?

Gates: Damit einerseits arme Menschen an billige Energie kommen und gleichzeitig der Klimawandel gestoppt wird, müssen die USA und alle anderen Staaten in Grundlagenforschung investieren. Die Ironie ist doch, dass die Welt bereits eine riesige Menge Geld für neue Energietechnologien aufgebracht hat: für Steuererleichterungen, Einspeisevergütungen wie in Spanien oder die staatliche Förderung von Photovoltaik wie in Deutschland – alles, um Marktanreize für bestehende Technologien zu schaffen. In Grundlagenforschung investiert, wären diese Gelder besser angelegt gewesen.

TR: Könnte nicht der Handel mit Emissionszertifikaten oder eine CO2-Steuer helfen?

Gates: Eine CO2-Steuer ist dem Zertifikatehandel eindeutig vorzuziehen. Mit der Steuer wĂĽrde man einen sanften Umschwung zu einer anderen Form der Energiegewinnung in Gang setzen. Und dann ĂĽberprĂĽft man die ganzen CO2 ausstoĂźenden Kraftwerke und ihre Laufzeit, um ein Datum fĂĽr ihre Abschaltung festzulegen. Nach diesem Stichtag dĂĽrfen nur noch Fabriken mit geringem AusstoĂź betrieben werden.

TR: Warum bevorzugen Sie eine Steuer?

Gates: Es ist ein regulativer Ansatz, dessen Langzeitwirkung klar ist. Innovatoren entwickeln jetzt Lösungen für Kraftwerke, die in zehn Jahren gebaut werden und dann 40 Jahre laufen. Daher wollen deren Betreiber sich mit der Regulierungs- und Steuer-umgebung der nächsten 40 Jahre auseinandersetzen. Fragen Sie doch mal einen Kraftwerksmanager, was sich eher durchsetzen wird: Ein marktbasierter Ansatz, durch den die CO2-Preise auf dem gesamten Erdball variieren, und ein internationaler Handel, der sich letztlich als Geldverschwendung erweisen wird? Oder ein steuerlicher und rechtlicher Rahmen, der die Bedingungen für Kraftwerkserneuerung für die nächsten 50 Jahre definiert? Wir benötigen unbedingt eine Steuer auf den Ausstoß von CO2.

TR: Denken Sie dabei auch an die Entwicklungsländer?

Gates: Natürlich, denn was wir ihnen schulden, ist dieses: Wir zahlen einen Strompreis, der klar über dem von Kohlestrom liegt. Aus der Differenz finanzieren wir die Entwicklung von neuen Energietechnologien und treiben mit dem Know-how den Strompreis so weit herunter, dass sich Entwicklungsländer ihre Kraftwerkskapazitäten bei Bedarf auch leisten können.