Britische Webradios müssen für Nutzer aus dem Ausland bezahlen

Britische private Radios müssen ab 1. April ihren Internethörern aus dem Ausland den Ton abdrehen, wenn sie die Rechte nicht bei den regionalen Verwertungsgesellschaften oder den Labels extra einkaufen.

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Von
  • Monika Ermert

Britische private Radios müssen ab dem ersten April ihren Internethörern aus dem Ausland den Ton abdrehen. Eine Neufassung der Verträge zwischen den Privatradios und der britischen Verwertungsgesellschaft PPL macht es für die Sender erforderlich, die Rechte fürs das Streamen ihrer Programme außerhalb des Landes extra einzukaufen. Der Druck zur Einführung des Territorialitätsprinzips sei von den großen US-Musiklabels gekommen, sagt Dan Brown, Chef des Verbands der Privatradios Commercial Radio Companies Association, gegenüber heise online. "Die Labels sehen das Internetradio einfach als Kanal zum Verkauf von Musik", meinte Brown. "Ich kritisiere das nicht. So ist es einfach."

Die Privatradios hätten mehrere Möglichkeiten, zu reagieren, sagt Matt McAleer von der PPL. "Sie können technisch sicherstellen, dass nur britische Hörer Zugang zum Stream haben." Das Recht, das Programm innerhalb Großbritanniens auch per Internet zu verbreiten, ist von den normalen PPL-Lizenzen gedeckt, für die die Anbieter rund 9 Prozent ihres Umsatzes bezahlen. "Die Alternative ist es, bei uns wechselseitig vergebene Lizenzen zu erwerben, die über die IFPI angeboten werden", meinte McAlleer. Die IFPI bietet seit 2003 einen so genannten "One Stop Shop" für internationale Webcasting-Lizenzen.

Allerdings gelten für die verschiedenen EU-Länder sehr unterschiedliche Regeln. Teilweise werden die Abgaben entsprechend dem Umsatz berechnet, teilweise nach Nutzungsintensität bis hin zur Abrechnung je gehörtem Track. Daher müssen je nach System auch eigene Vereinbarungen getroffen werden, bestätigt McAleer, "One Stop Shop" hin oder her. Die dritte Möglichkeit für die Sender, selbst bei den jeweiligen Verwertungsgesellschaften vorstellig zu werden, scheint praktisch kaum machbar: Dieses Vorgehen bezeichneten Beobachter als "Herkulesaufgabe".

Genaue Aussagen zu den Mehrkosten kann weder die Verwertungsgesellschaft machen noch können die Radioleute sie abschätzen. "Allerdings ist es so, dass die Sender durch die Auslandshörer in der Regel kein Geld machen. Der Sender ist dadurch eben weiter verbreitet." Ob die Sender das Geld in die Hand nehmen, um nicht-englische Lizenzen zu kaufen und dann im Gegenzug zu versuchen, die Programme vermehrt auch jenseits der Insel zu vermarkten, könne man vorerst nicht sagen. Allerdings rechnet Brown nicht damit, dass in großem Maße Sender das Streaming komplett einstellen. "Zugangsbeschränkungen sollten durch Registrierung oder dergleichen zu organisieren sein, auch wenn kein System zu 100 Prozent sicher ist."

Betroffene Sender wie der Großanbieter Virgin haben kurz vor Auslaufen der Frist offenbar noch keine endgültige Entscheidung getroffen, wie sie reagieren. Ein reines Pay-per-Track-System könnte einen Sender wie Virgin rund 200.000 Dollar zusätzlich kosten, sagte James Gridland gegenüber Journalisten. Schon jetzt bezahle der Sender rund 3 Millionen Dollar Lizenzgebühren jährlich. Nick Piggot von G Cap Media plc, Inhaber der Sender Capital Radio und Classic FM, sagte gegenüber dem Branchendienst RAIN (Radio and Internet Newsletter), man erkenne die Begründung der Verwertungsgesellschaften an, sei aber enttäuscht und werde das eigene Programm ab dem 1. April nur noch englischen Nutzern zugänglich machen. Wenig Begeisterung findet das Aufrichten der virtuellen Wälle bei Nutzern, die unter anderem im Webforum der britisch-irischen Online-Radiosite Radiofeeds ihrem Ärger Luft machten. Sie fürchten auch, dass das Beispiel Schule macht und Verwertungsgesellschaften in anderen Ländern dem Beispiel folgen.

In Deutschland ist das Streamen derzeit noch in der Simulcast-Lizenz enthalten. Beschränkungen auf deutsche Nutzer gebe es nicht, sagt Hans-Herwig Geyer von der GEMA in München. Für reine Webradios will man aber in der kommenden Woche noch einmal ein neues Lizenzmodell vorstellen. Im Januar hatte man einen "One Stop Shop" für die digitale Verbreitung des Angebots von EMI verkündet. In dem Lizenzpaket sind allerdings nur 500.000 EMI-Songs vorhanden, so kann von einem "One Stop Shop" kaum die Rede sein. Eine andere Vorstellung von "Alles aus einer Hand" hat man denn auch bei der GVL, die für Internetradios seit langem eigene Lizenzen vergibt. Angesichts der vielen "One Stop Shops" (IFPI, GVL, GEMA) heißt es bei vielen privaten Radiosendern in Deutschland auf die Frage, wie die eigenen Streaming-Rechte gesichert werden: "Das wissen wir nicht, bitte rufen Sie unseren Anwalt an." (Monika Ermert) / (jk)