Weltraum, Tiefsee oder Matterhorn?

Alle Jahre wieder: Der Castor rollt – und wir haben immer noch keinen Plan, wohin mit dem Atommüll.

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Von
  • Niels Boeing

Man kann von der jetzt beschlossenen Laufzeitverlängerung für die deutschen Kernkraftwerke halten, was man will. Fakt ist, dass das Atommüllproblem nicht kleiner wird. Im Gegenteil: Im Bundesamt für Strahlenschutz ist von zusätzlichen 4400 Tonnen hochradioaktiven Abfalls zu hören, die nach dem Beschluss bis Mitte dieses Jahrhunderts anfallen, plus 9000 Kubikmeter schwach- und mittelaktivem Abfall (diese BfS-Seite gibt noch Zahlen für 10, 20 oder 30 Jahre Laufzeitverlängerung an).

Wenn nun am kommenden Samstag der nächste Castor-Transport nach Gorleben rollt, wird vor allem wieder deutlich, dass die Bundesrepublik noch immer kein Endlager hat. Dass man den Atommüll aus Frankreich, wo er in der Wiederaufarbeitungsanlage La Hague "sortiert" wurde, zurücknehmen muss, wird wohl kaum jemand bestreiten.

Greenpeace hat auch durchaus Recht, wenn es fordert , dass die CASTORen erst einmal zu den Hauptverursachern, den sĂĽddeutschen AKWs, zurĂĽckgebracht werden sollten, weil 60 Prozent des La Hague-Abfalls von dort stammen. Da Gorleben bis auf weiteres kein Endlager wird, gibt es keinen Grund, den AtommĂĽll ausgerechnet im Wendland zu sammeln. Dennoch mĂĽssen wir natĂĽrlich eines Tages mal einen Plan fassen, um das Zeug ein fĂĽr alle mal aus der Welt zu schaffen.

Der MĂĽnchner Physiker Klaus Stierstadt geht in seinem gerade neu aufgelegten, lesenswerten Buch "AtommĂĽll - wohin damit?" die verschiedenen Optionen ganz unaufgeregt durch.

Eine Entsorgung in den Weltraum wäre – wenn man sicher sein könnte, dass die Raketen unfallfrei starten – angenehm. Nur leider unbezahlbar. Eine große Transportrakete mit zehn Tonnen Nutzlast könnte zum Beispiel zwölf Brennelemente à 840 Kilogramm fassen. Bei den derzeitigen Frachtpreisen wären das pro Brennelement 17 Millionen Euro. Ein Brennelement, das drei Jahre abbrennt, bringt dem Betreiber aber nur 3,6 Millionen Euro ein.

Wie wäre es mit einem globalen Endlager im Eis am Südpol? Aufgrund der Eisdrift ist davon auszugehen, dass die Behälter nach 100.000 Jahren wieder an den Küsten der Antarktis auftauchen und ins Meer stürzen, wo sie sich im Salzwasser auflösen. 100.000 Jahre klingt zwar viel, aber nach allgemeinem Dafürhalten sollte der heute hoch aktive Abfall für mindestens 300.000 Jahre von unserer Umwelt abgeschirmt bleiben.

Auch eine Entsorgung im heißen, flüssigen Erdmantel ist diskutiert worden. Er reicht an einigen Stellen maximal bis auf sieben Kilometer an die Oberfläche heran. Diese Distanz wäre zumindest von der Länge her mit der heutigen Bohrtechnik zu bewältigen. Angesichts der Temperaturen wäre aber wohl eine neue Technologie nötig, die das ganze vermutlich wieder absurd teuer macht.

Mit Hilfe der Transmutation könnte man die Atomkerne der Spaltprodukte, die im AKW entstehen, in stabile Kerne oder solche mit sehr kurzen Halbwertszeiten umwandeln. Dazu müsste man sie aber mit Neutronen in einem enormen Teilchenbeschleuniger beschießen. Transurane wie Plutonium ließen sich in einem Thorium-Reaktor umwandeln, der aber eine Leistung von acht Gigawatt voraussetzen würde. Zum Vergleich: der Europäische Druckwasserreaktor EPR mit einer Leistung von 1,6 Gigawatt kostet bereits rund fünf Milliarden Euro (was rund drei Millionen Euro pro Megawatt entspricht).

Für nicht unrealistisch hält Stierstadt den in den letzten Jahren aufgekommenen Vorschlag, den über 50 Jahre abgeklungenen und abgekühlten Atommüll in Tiefsee-Sedimenten einzulagern. Nicht nur stünden dort ausreichend große Flächen zur Verfügung, die weit genug entfernt von menschlichen Besiedelungen sind. "Die dort lagernden, mehrere hundert Meter dicken Tonsedimente haben so gut wie keinen Massenaustausch mit dem Meerwasser", schreibt er.

In kontinentalen Gesteinen kommen nur Salzlagerstätten, Granit- oder Tuff-Formationen in Frage, weil die sich im Laufe von Zehntausenden von Jahren kaum so verformen, dass die Behälter von Wasser zersetzt oder aufgerieben werden. Ein Beispiel ist das 400 Meter tiefe Granit-Endlager in Olkiluoto in Finnland, wo auch zwei Reaktoren stehen und ein dritter (ein EPR) im Bau ist. Es soll 2020 in Betrieb gehen. Für den deutschen Atommüll ist dort allerdings kein Platz mehr.

Vielleicht sollte die EU, und das ist jetzt nicht Stierstadts Idee, die Schweizer dafür bezahlen, ein zentrales europäisches Endlager in den Tiefen der Alpen zu errichten. Für die Schweiz könnte es nach der Söldnerei und dem Bankwesen das dritte große nationale Geschäftsfeld im Laufe ihrer Geschichte werden. Das Matterhorn zum Beispiel hätte den Vorteil, dass es so markant ist, dass man den Standort auch nach 100 Generationen nicht aus den Augen verlieren kann. Die Gesteinsdecke, zu der es gehört, besteht unter anderem aus Gneis, der ähnliche Eigenschaften wie Granit hat (aber ob Gneis geht, müssen Mineralogen beurteilen).

Politisch sollte das nicht unmöglich sein: Die Schweizer haben auch dem Riesenbauprojekt Gotthard-Tunnel in direkter Demokratie zugestimmt, wie hier vor zwei Wochen im Forum lobend hervorgehoben wurde. Die Deutschen hingegen werden sich wahrscheinlich noch in 50 Jahren nicht auf ein Endlager geeinigt haben.

Nachtrag 3.11.2010: EU-Energiekommissar Günther Oettinger hat just heute "die Einführung von Sicherheitsstandards für die Endlagerung" vorgeschlagen. Konkret will die EU eine Richtlinie erlassen, die alle Mitgliedstaaten verpflichtet, binnen vier Jahren ein nationales Programm für ein Endlager vorzuweisen – ein Standort muss noch nicht genannt werden. Die von IAEO entwickelten Sicherheitsstandards sollen rechtsverbindlich werden. Eine Deadline wird die EU aber nicht vorschreiben. (nbo)