Technik knackt eisernen Vorhang
Der Siegeszug des Digitalen hat erstmals die Tür zu ungefilterten Nachrichten von Untergrundjournalisten aus Nordkorea geöffnet. Aber das Land versucht, sie wieder zuzudrücken - mit westlicher Sicherheitstechnik.
- Martin Kölling
KĂĽrzlich schrieb ich ĂĽber Nordkoreas noch recht ungelenke Internet-Offensive zur Verbreitung der offiziellen Propaganda. Doch auch in privater Hand nimmt die Nutzung moderner Digitaltechnik immer weiter zu.
Inzwischen erfahren wir durch wagemutige Untergrundjournalisten Details über den wahren Alltag der Nordkoreaner. Und die Realität will nicht so ganz zum medialen Bild des Landes im Westen passen, sagt ein Japaner, der von allen Ausländern die Seele der Nordkoreaner vielleicht am besten kennt. "Es gibt gewaltige Missverständnisse über das Leben in Nordkorea", hat Jiro Ishimura am Montag im Foreign Correspondents' Club of Japan (FCCJ) erzählt, "erstens, dass sich Nordkoreas Gesellschaft niemals geändert hat, zweitens, dass die Nordkoreaner einer kompletten Gehirnwäsche unterzogen und lebende Roboter sind". Nordkorea befinde sich stattdessen mittlerweile in einem rasanten Wandel.
Ishimura, der Gründer des Journalistennetzwerks Asia Press, schöpft seine Weisheit direkt an der Quelle. Er hat nicht nur drei Mal Nordkorea bereist und bei 70 Besuchen der Grenzregion auf der chinesischen Seite 700 Nordkoreaner interviewt. Unter großem Aufwand ist es ihm in den vergangenen Jahren sogar gelungen, ein kleines Netzwerk aus sechs nordkoreanischen Untergrundjournalisten aufzubauen, die nun regelmäßig Texte, Fotos und Filme per E-Mail oder auf SD-Karten aus dem Lande schmuggeln.
Im Oktober wurde der erste Sammelband von bisher nur auf Koreanisch und Japanisch verfügbaren Texten auf Englisch veröffentlicht: Rimjin-Gang. (Ein anderer, von Experten ebenfalls als verlässlich eingestufter Dienst ist Daily NK und der ist sogar auf Englisch.)
Die Aufnahmen sind beeindruckend. Die Videos zeigen nicht nur eine 23-jährige, bis auf die Knochen abgemagerte Frau, die mit ihrem Dreck verschmierten Gesicht wie ein Mädchen wirkt, und auf der Suche nach Essbaren vor Hunger apathisch über ein Feld stolpert. Sie zeigen auch quirlige Märkte, ein Kind, das versucht, einen Regenschirm zu klauen und eine Frau, die Polizisten beschimpft und handgreiflich bedrängt, weil sie zu hohe Bestechungsgelder für die Nutzung eines Polizeilasters als Mietbus verlangen. Gleichzeitig strömen auf dem Umweg über China plötzlich südkoreanische TV-Serienschnulzen ins Land.
Zwei Faktoren sind für Ishimura für die Risse im Propagandabollwerk verantwortlich. Erstens ist Mitte der 90er Jahre die Fähigkeit der Regierung zerbrochen, die Bevölkerung mit Lebensmitteln zu versorgen. Seither hat sich eine erstaunlich lebendige Marktwirtschaft entwickelt, die trotz Embargos für Geld alles beschafft, für das es Nachfrage gibt – Boliden aus Deutschland und Hightech aus Japan.
Zweitens hat die Digitaltechnik Breschen ins Bollwerk der Propaganda geschlagen. SD-Karten und USB-Sticks lassen sich schlicht einfacher verstecken als Video- und DV-Kassetten aus dem Analogzeitalter. Auch sind die Foto- und Videokameras kleiner – und vor allem heutzutage auch in Nordkorea legal zu kaufen, wie Ishimura sagt. Als er seinem ersten Reporter vor sechs Jahren eine digitale Videokamera beschaffte, war das noch ein Wagnis.
Und damit hört es nicht auf: Bereits einen Tag nach der Ausstrahlung südkoreanischer Sendungen über Satellit gibt es sie in China als DVD, noch einen Tag später beginnt dann schon ihre massenhafte Verbreitung in Nordkorea. Handynetze sind ein weiterer wichtiger Kommunikationsweg. In Nordkorea gibt es ein nordkoreanisches Netz, das allerdings nur im Inland funktioniert. Dennoch konnten Gewährsleute in der Nähe der chinesischen Grenze die Berichte von Reportern im Binnenland mit chinesischen Handys lange ohne große Probleme an Ishimuras Netzwerk durchgeben.
Doch das technische Wettrüsten zwischen Untergrundjournalisten und Staatssicherheit hat die Kommunikation zuletzt immer weiter erschwert. Nordkoreas Regierung lässt inzwischen 24 Stunden täglich eine immer größere Schar von Wagen mit Handyortungssystemen entlang der 1400 Kilometer langen Grenze zwischen China und Nordkorea ausschwärmen, um Telefonate nach China oder in andere Länder zu orten. Und die Ordnungshüter werden immer besser. Nach zehn Minuten Gespräch klopfen sie gerne schon mal an der Haustüre an, berichtet Ishimura. Die Funktechnik soll übrigens aus dem Westen stammen, so Ishimura, der einen deutschen Lieferanten vermutet. Inzwischen gehen die Journalisten dazu über, ihre Botschaften per Handymail über die Grenze zu schicken. "Wir befinden uns in einem digitalen Wettrüsten", sagt Ishimura. Nur mit solch drastischen Mitteln ließe sich die Tür wieder schließen. Doch er glaubt nicht, dass die Staatsmacht dafür die Kraft hat.
Und so wissen wir dank der jüngsten Berichte von Ishimuras Gewährsleuten nun, dass die Nordkoreaner inzwischen sehr gereizt sind. Die von allen erwartete Thronfolgerkür von Kim Jong-un, Junior des Führers Kim Jong-il, habe die Menschen enttäuscht, weil sie nicht mit Initiativen zur Verbesserung der siechen Wirtschaft gekoppelt gewesen sei. Wenn es wieder eine Hungersnot wie in den 90er Jahren gäbe, würden die Menschen ihr Vertrauen in die Regierung restlos verlieren, vielleicht sogar rebellieren, referiert Ishimura die Berichte. Es gibt Flyer gegen lokale Kader. Und in der Intelligenzija regt sich Kritik an der dynastischen Erbfolge.
Der Respekt schwindet, es tauchen sogar Spottlieder auf die Kim-Familie auf, berichtet Daily NK. In einer Schule sei ein Lied über drei Bären aufgetaucht, das es satirisch mit der Kim-Dynastie (Großväterchen Kim Il-sung, Väterchen Kim Jong-il und Sohnemann Kim Jong-un) aufnehme: "Drei Bären sind in einem Haus, stecken alles ein; Großvater-Bär, Papa-Bär und Baby-Bär. Großvater-Bär ist fett, Papa-Bär ist auch fett und Baby-Bär ist ein Idiot." (bsc)