Die neue Zeitmaschine
Körperliche Zeitreisen waren gestern. Heute bewegt der Gegenwartsflüchtige sich mit digitaler Hilfe.
- Peter Glaser
Körperliche Zeitreisen waren gestern. Heute bewegt der Gegenwartsflüchtige sich mit digitaler Hilfe.
Seit dem Beginn der Kulturgeschichte versuchen Menschen, durch die Zeit zu reisen, über Spannen hinweg, die weit über ein Lebensalter hinausreichen. Die alten Ägypter mumifizierten ihre Könige, um deren Körper durch die Jahrtausende zu transportieren und bauten Pyramiden für Reisen nach der Ewigkeit.
In unserer Zeit sieht man die Sache technischer. Science Fiction-Autoren haben Geräte erdacht, mit denen sich der Zeitstrom befahren lässt, von H. G. Wells viktorianischer Zeitmaschine bis hin zum De Lorean mit eingebautem Flux-Kompenator aus "Zurück in die Zukunft". Wie folgenreich vor allem Reisen in die Vergangenheit sein können, belegt die "Star Trek"-Episode "Ein Griff in die Geschichte", in der Bordarzt "Pille" McCoy in die Zeit des 2. Weltkriegs gerät und den Verlauf der Historie verändert – mit katastrophalen Folgen: die Nazis gewinnen den Krieg. Worauf Captain Kirk und Spock ebenfalls eine Zeitreise unternehmen müssen, um die Dinge wieder ins Lot zu bringen.
Die moderne Physik steht Zeitreisen aufgeschlossen gegenüber, die Hürden bei der Umsetzung sind allerdings enorm. Während einer Raumreise nahe Lichtgeschwindigkeit beginnt sich der Relativitätstheorie zufolge die Zeit zu dehnen. Dadurch würde ein Reisender langsamer altern und könnte bei seiner Rückkehr auf die Erde in einer beliebig fernen Zukunft eintreffen – bereits für die Beschleunigung und das spätere Abbremsen aber würde man fast ein Jahr brauchen. "Wir können hoffen, eines Tages eine Zeitmaschine zu bauen", so der Physiker Stephen Hawking. "Aber falls das stimmt, warum ist dann noch niemand aus der Zukunft zurückgekommen um uns zu sagen, wie es geht?"
In der klassischen Vorstellung einer Zeitreise bewegt sich ein Mensch durch die Zeit. Mit den Fortschritten der Computertechnik und der weltweiten Vernetzung entstehen gerade neue Möglichkeiten. Dabei muss niemand mehr die Unbequemlichkeit einer Fernreise auf sich nehmen – Vergangenheit und Zukunft kommen nun mit digitaler Hilfe zu uns. Für manche sind bereits die zahllosen alten Amateuraufnahmen aus dem Alltag vergangener Jahrzehnte, die sich auf Videoportalen wie YouTube sammeln, filmische Zeitmaschinen. Aber auch künstliche Onlinewelten und Videospiele werden zunehmend realistischer und nehmen immer mehr an historischen Fakten in ihr Spielgeschehen auf.
In einer "Timemap Berlin" lassen sich neuerdings historische Karten der Stadt aus dem 19. und 20. Jahrhundert mit aktuellen überblenden und vergleichen. MSN hat zur Schlacht um England im 2. Weltkrieg einen "Interactive Guide To The Battle Of Britain" verfügbar gemacht, in dem man sich über Schieberegler durch diverse Zeitverläufe bewegt. Und bei Google werden seit acht Jahren historische Aufnahmen aus verschiedenen Quellen zusammengetragen und in Google Earth integriert. Dort kann man sich nun gleichfalls per Schieberegler in die Vergangenheit bewegen, um zu sehen, wie es früher an einem Ort ausgesehen hat – seien es die schrumpfenden Eisflächen in der Antarktis oder die Bauarbeiten des Olympiastadions in Peking.
Aus immer mehr solcher Teile setzt sich die neuartige digitale Zeitmaschine zusammen. Nathan Myhrvold etwa, ehemals Entwicklungsleiter bei Microsoft, ist in seiner Freizeit Dinosaurierforscher. Seine Theorie, dass die gewaltigen Brontosaurier durch das Peitschenknallen ihrer langen Schwänze miteinander kommuniziert haben, ließ Myhrvold mit aufwendigen Computersimulationen überprüfen. Nun wissen wir also auch, wie es sich angehört hat, damals vor 150 Millionen Jahren. (bsc)