Red Hat treibt mit neuen Partnern das Cloud-Geschäft an
Als Prediger in Sachen Virtualisierung und Cloud-Computing positioniert sich Linux-Spezialist Red Hat. Schützenhilfe leisten vier neue Partner in Europa, darunter der deutsche Systemhaus-Verbund Grouplink. Red Hat will auf diese Weise den Absatz seiner Virtualisierungslösungen und von Red Hat Enterprise Linux ankurbeln.
Der Markt fĂĽr Cloud-gestĂĽtzte IT-Services und entsprechende Beratungsleistungen in Deutschland entwickelt sich bestens. FĂĽr 2015 prognostizieren der Bitkom und die Experton Group ein Umsatzvolumen von mehr als 8 Milliarden Euro.
(Bild:Â Bitkom)
Open-Source-Software wie Linux erfreut sich im IT-Fachhandel nur begrenzter Beliebtheit. Kein Wunder, stehen die Programme doch meist kostenlos zur Verfügung. Geld lässt sich nur auf Umwegen verdienen, mit den erweiterten kostenpflichtigen Versionen von solchen Software-Paketen sowie vor allem mit Beratung und technischem Support. Dieses Modell macht Open-Source-Spezialist Red Hat nun seinen Partnern auch in den Bereichen Bereich Virtualisierung und Cloud-Computing schmackhaft.
Der Software-Hersteller hat in Europa vier neue "Premier-Partner" ernannt, die beide Themen unter die Leute, sprich Anwender, bringen sollen. Sie werden, ausgestattet mit dem Titel "Virtualization Specialist", potenziellen Nutzern "Red Hat Enterprise Virtualization" (RHEV) nahebringen. In Deutschland übernimmt das Grouplink, ein Zusammenschluss von 21 mittelständischen Systemhäusern mit Schwerpunkt auf IT und Telekommunikationstechnik. Zudem wurden Partner in Großbritannien (Kelway), Norwegen (Redpill Linpro) und Spanien (SCC) angeworben.
"Durch die Kombination der Angebote von Red Hat mit denen der Virtualization Specialists haben Unternehmen die Möglichkeit, ihre Hardware- und Betriebskosten deutlich zu reduzieren", verspricht Petra Heinrich, Vice President Partners & Alliances EMEA bei Red Hat. "Da Red Hat Enterprise Virtualization eine Schlüsseltechnologie für Red Hats Cloud-Strategie ist, erhalten Anwender, die mit diesen Partnern zusammenarbeiten, Zugriff auf das Know-how und die Technologien von Red Hat, um eine Cloud-Computing-Strategie zu erstellen und umzusetzen."
Ăśber die Virtualisierung in die Cloud
Der größte Teil des Cloud-Computing-Marktes in Deutschland entfällt 2010 auf das Bereitstellen von Anwendungen über die "Wolke" (SaaS). Ein Marktsegment, das auch Fachhändlern und Systemhäusern offen steht.
(Bild:Â Experton)
Konkret werden die Grouplink-Mitglieder eigene Services mit Red Hat Enterprise Virtualization (RHEV) kombinieren. Darauf aufbauend, wollen die Systemhäuser bei ihren Kunden Cloud-Computing-Lösungen implementieren – ebenfalls auf Basis von Red-Hat-Produkten. Ein kurzer Blick auf RHEV: Red Hat bietet zwei Versionen an, mit denen sich Server oder Desktop-Systeme virtualisieren lassen. Sie basieren auf der Open-Source-Technologie "Kernel-Based Virtual Machine" (KVM). Diese gilt in Fachkreisen als viel versprechende Virtualisierungstechnik und ernsthafter Konkurrent für etablierte Anbieter wie VMware, Citrix und Microsoft.
Zudem steht mit dem Red Hat Enterprise Virtualization Manager ein Tool zur Verfügung, mit dem sich Host- und Gast-Betriebssysteme sowie Virtual Machines (VM) verwalten lassen. Die aktuelle Version 2.2 von RHEV unterstützt Windows und Linux als Gastbetriebssysteme. Mit "Red Hat Enterprise Virtualization für Desktops" lassen sich außerdem auch virtualisierte Desktops erstellen. Sie lagern auf einem Server und sind über das Netzwerk von Thin-Clients oder abgespeckten PCs aus zugänglich. Der Vorteil von Desktop-Virtualisierung: Die IT-Abteilung kann für unterschiedliche Benutzergruppen maßgeschneiderte Arbeitsumgebungen erstellen. Diese lassen sich zentral managen, etwa was das Einspielen von Patches, neuen Software-Versionen und das Erstellen von Backups betrifft.
Subskription statt Lizenzen
Der frischgebackene Premier-Partner Grouplink schätzt an Red Hats Ansatz vor allem, dass nicht nach Lizenzen abgerechnet wird, wie etwa bei Microsoft, sondern auf Basis eines Subskriptionspreises. Pro Server-Prozessor kostet die Server-Version von RHEV bei Red Hat rund 600 Euro. Ein Starter-Kit für die Desktop-Variante für 25 virtualisierte Arbeitsplatzrechner ist für rund 4500 Dollar (3160 Euro) zu haben. "Der Vorteil, mit einem Subskriptions-basierten Modell statt mit Lizenzen zu arbeiten, ist enorm", sagt Dominik Dietrich, Key Account Manager bei Grouplink. "Red Hats Ansatz bedeutet, dass wir uns auf das Design der Infrastruktur eines Kunden konzentrieren können und nicht mit den Tücken der Lizenzierung beschäftigt sind." Und Dietrich ruft das Zeitalter der Open-Source-Virtualisierungslösungen aus: "Der Markt ist reif dafür."
Das Virtualisieren von Betriebssystemen, Anwendungen und ganzen IT-Infrastrukturen ist eine Schlüsseltechnik von Cloud-Computing. Doch ganz so einfach ist der Schritt hin zu Virtualisierung und damit zu Cloud-Angeboten für Systemhäuser und IT-Dienstleister offenkundig jedoch nicht. "Wir müssen den Vorsprung anderer Länder im Bereich Cloud-Computing aufholen", sagt René Obermann, Chef der Telekom und Vizepräsident des High-Tech-Verbandes Bitkom. Wichtig sei vor allem, dass mittelständische Softwarehäuser, IT-Dienstleister und Reseller den Schritt zu leistungsabhängigen Bezugsmodellen in der Cloud schaffen. Doch das ist für viele dieser Anbieter nicht ohne weiteres zu schaffen.
Etliche HĂĽrden zu ĂĽberwinden
Problempunkt Nummer eins: Der Umbau einer IT-Infrastruktur bei einem Anwender durch einen Partner in Richtung Virtualisierung und "Cloud" setzt bei diesem ein gehöriges Maß an technischer Expertise voraus. Dies gilt vor allem dann, wenn unternehmenskritische Anwendungen wie Datenbanken, CRM-Systeme oder Kommunikationsanwendungen (E-Mail, Messaging, Unified Communications) virtualisiert und in die "Wolke" verlagert werden sollen. Der Partner muss ein hohes Maß an Expertise erwerben und vorhalten, um Cloud-Konzepte zu entwickeln und beim Kunden umzusetzen. Erschwerend kommt hinzu, dass der Trend in Richtung "Hybrid Cloud" geht. Bei dieser Mischform betreiben Unternehmen eine private Cloud in Eigenregie und greifen gleichzeitig auf Public-Cloud-Angebote zu, wie sie Amazon, Microsoft (Azure) oder Google anbieten. Public Clouds können beispielsweise Speicher- und Server-Kapazitäten bereitstellen. Solche Hybrid-Clouds aufzusetzen, ist alles andere als trivial, selbst für erfahrene Systemhäuser.
Problem Nummer zwei: "Cloud-Computing" ist gerade für mittelständische Firmen ein Thema, dem sie mit einem gewissen Misstrauen begegnen. Sie fürchten, die Kontrolle über ihre IT und über unternehmenskritische Daten zu verlieren, wenn diese "in eine Cloud wandern". Das heißt jedoch nicht, dass Cloud-Konzepte für deutsche Unternehmen auf der Schwarzen Liste stehen: Laut der Beratungsfirma Experton Group haben sich bereits 33 Prozent von ihnen mit diesem Thema beschäftigt.
Problem Nummer drei: Es besteht immer noch massiver Aufklärungsbedarf, was die Abgrenzung von Cloud-Computing zu Managed Services und IT-Outsourcing betrifft – bei Anwendern, Anbietern und deren Partnern.
Problem Nummer vier: IT-Fachhändler und Systemhäuser, die ihren Kunden Cloud-Konzepte anbieten, treffen auf massive Konkurrenz. Soft- und Hardware-Anbieter wie Microsoft, Google, IBM, SAP, Oracle, HP oder Fujitsu setzen ebenso auf die Cloud wie große IT-Dienstleister vom Schlage einer T-Systems oder Computacenter. Kleinere Anbieter müssen somit darauf setzen, dass die gewachsenen Beziehungen zu einem Kunden diesen gegen die Verlockungen der "Großen" unempfindlicher machen.
Chance für Reseller und Systemhäuser
Red Hat will mithilfe von RHEV und Partnern wie Grouplink im Cloud-Geschäft punkten.
(Bild:Â Red Hat)
Bei allen Risiken bedeuten Cloud-Services für den IT-Fachhandel jedoch auch die Chance, erweiterte Services anzubieten und damit neue Geschäftsfelder zu erschließen. Eine Option besteht darin, dies über Beratungsleistungen und Hilfe bei der Implementierung von Virtualisierungs- und Cloud-Lösungen zu tun. Produkte wie Red Hat Enterprise Virtualization können dabei helfen, vorausgesetzt, der Partner kann seinem Kunden das notwendige Maß an technischer Expertise anbieten, eventuell in Zusammenarbeit mit mittelständischen Rechenzentrumsbetreibern wie beispielsweise Pironet NDH oder INS Systems.
Eine zweite Möglichkeit besteht darin, Cloud-Pakete von der Stange zu vermarkten. Microsoft beispielsweise betonte auf der Pressekonferenz anlässlich des Deutschland-Starts der Beta-Version von Office 365, dass die Cloud-Versionen von Office über Partner angeboten werden. Diese haben nach Angaben des Softwarehauses zudem die Option, zusätzlich Geld zu verdienen, indem sie ihren Kunden das Thema Cloud erläutern (Beratung), entsprechende Angebote zusammenstellen (Analyse der IT-Infrastruktur, Produktauswahl) und die IT des Anwenders an vorgefertigte Angebote wie Office 365 "anflanschen" (Implementierung). Gerade bei kleineren und mittelständischen Anwendern kommt eine weitere potenzielle Einnahmequelle für den IT-Fachhandel hinzu: die Option, die Cloud-Umgebung im Auftrag des Nutzers zu verwalten.
Fazit: Sicherlich werden Cloud-gestützte Services nicht ad hoc klassische Vertriebswege wie den Verkauf von Software-Paketen und -Lizenzen obsolet machen. Der IT-Fachhandel ist jedoch gut beraten, sich mit Themen wie Software as a Service oder Infrastructure as a Service auseinanderzusetzen, will er das Feld nicht den Großanbietern überlassen. Wichtig ist in jedem Fall, beizeiten entsprechendes Know-how aufzubauen. Open-Source-Lösungen, wie sie Red Hat anbietet, sind eine Option, um Anwendern den Weg in Richtung Cloud zu bahnen, auch wenn VMware, Citrix-Xen und Microsofts Hyper-V sowie die darauf aufsetzenden Cloud-Angebote durchaus Alternativen darstellen – auch in Bezug auf den Preis. (map)