Europäische Digitalisierer wollen das Urheberrecht zuerst anpacken
Die frischgebackene "High Level Expert Group" der EU zur Europäischen Digitalen Bibliothek hat sich erstmals in Brüssel getroffen.
Beim ersten Treffen der frischgebackenen "High Level Expert Group" der EU zur Europäischen Digitalen Bibliothek haben sich die zwanzig Experten als erstes auf die Einsetzung einer Arbeitsgruppe Urheberrecht geeinigt. "Ich finde es richtig, dass man nicht erst die vergleichsweise leichten Punkte angeht und dann am Ende vor dem großen Brocken steht", sagt Elisabeth Niggemann, Generaldirektorin der Deutschen Bibliothek, Vorsitzende der Conference of National European Libraries und eines der zwanzig Mitglieder der Expertengruppe in einem Interview mit heise online. Die Urheberrechtsfrage habe sich auch in der Umfrage zu Europas Digitaler Bibliothek als sehr kontroverses Thema erwiesen.
Ziel sei es jetzt, einen Vertrag zustande zu bringen, mit denen alle Parteien leben könnten, erklärte Niggemann. "Freie Werke sollten dabei frei bleiben", empfiehlt sie mit Blick auf Werke, für die der Urheberechtsschutz ausgelaufen ist. Bei urheberrechtspflichtigen Werken – "das sind angesichts der Explosion der Veröffentlichungszahlen im 20. Jahrhundert eben sehr viele" – müsse es jeweils faire Abreden geben, je nachdem, ob das Werk überhaupt noch zur Verfügung stehe, der Urheber selbst noch Interesse an der Verwertung habe oder womöglich gar nicht mehr auffindbar sei. "Bei aktuellen Veröffentlichungen diktiert natürlich der Markt den Preis", meinte Niggemann. Sie sei trotz der Interessensgegensätze einigermaßen zuversichtlich, dass man einen Vertrag hinbekomme. Der wiederum könne eine gewisse Ausstrahlungskraft auf nationale Urheberrechtsregelungen bekommen. Vorerst bedeute die Umsetzung von EU-Richtlinien eben gerade nicht, dass es ein einheitliches, harmonisiertes Regime gebe.
"Die leichteren Aufgaben für die Expertengruppe sind die Bestandsaufnahme der Digitalisierungsinitiativen in europäischen Bibliotheken, Archiven und Museen und wie sie technisch zusammengeschlossen werden können", betonte Niggemann. Eine Bündelung der bereits seit mehreren Jahren in den verschiedenen Ländern gestarteten Intitiaven hatte EU- Kommissarin Reding von der Generaldirektion Informationsgesellschaft als Hauptanliegen für die Arbeit der EU-Digitalisierungsinitiative ausgegeben. Ob es aber etwa Digitalisierungszentren in jedem Mitgliedsland geben wird, ist noch Gegenstand der Diskussion. Die reinen technischen Dienstleistungen sollten eher eingekauft werden, rät Niggemann. "Man braucht ständig neue Geräte für diese Arbeit, da empfiehlt es sich kaum, sich als öffentliche Einrichtung einen Riesengerätepark hinzustellen." Doch darüber wird die Arbeitsgruppe frühestens im Oktober weiter diskutieren. Mehrfach zusammentreten soll bis dahin die Urheberrechtsarbeitsgruppe.
Gerne betonen EU und Bibliotheksvertreter, dass die Initiative nicht allein eine Abwehrreaktion auf Google oder ähnliche Projekte sei. Allerdings habe es wohl schon das Gefühl gegeben, dass man als Europäische Kultureinrichtungen nicht ausreichend Präsenz zeige, kommentierte Niggemann. Mit der privaten Konkurrenz will man jetzt durchaus zusammenarbeiten. Für eine Bündelung wolle man neben Bibliotheken, Archiven, Messen, Verlagen und Rechteverwertern sehr wohl auch alternative Anbieter wie Google, Microsoft oder andere einbeziehen. Ein Google-Vertreter sitzt in der Expertengruppe mit am Tisch, "keineswegs als Buhmann", wie Niggemann betont. (Monika Ermert) / (jo)