Maßgeschneiderte Halluzinationen

Vuzix hat ein Augmented-Reality-Display auf den Markt gebracht, das leichter, kompakter und billiger ist als bisherige Modelle. Unklar ist nur: Wofür braucht ein normaler Mensch eine erweiterte Realität?

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Von
  • Kristina Grifantini

Vuzix hat ein Augmented-Reality-Display auf den Markt gebracht, das leichter, kompakter und billiger ist als bisherige Modelle. Unklar ist nur: Wofür braucht ein normaler Mensch eine erweiterte Realität?

Ein winziger Drache erscheint auf dem schwarz-weißen Kartonstück und faucht mich an. Ein kleiner Erdball umkreist eine Coladose, Bälle fallen durch einen Schlitz im Tisch, und im eben noch leeren Sessel sitzt plötzlich ein lebensgroßer Mensch. Wenn ich es nicht besser wüsste, würde ich diese Erscheinungen für Halluzinationen halten.

Tatsächlich sind sie Effekte einer neuen Brille für Augmented Reality (AR) – genauer gesagt des Modells Wrap 920AR von Vuzix. Während die virtuelle Realität rein digitale Szenerien umfasst, ergänzt diese „erweiterte Realität“ den Blick auf eine echte Umgebung mit digitalen Informationen wie Bildern oder Text.

Die ersten Anwendungen von Augmented Reality haben bereits auf Smartphones Einzug gehalten, etwa in elektronischen Reiseführern. Dort werden aber nur Kamerabilder mit Zusatzinformationen – zum Beispiel über eine Kathedrale – überlagert. AR-Brillen, die einem das Gefühl geben, in eine neue Welt einzutauchen, waren bislang eher ein Spielzeug der Forschung und des Militärs. Das lag daran, dass die Geräte ziemlich klobig waren und anfangs mit einem Preis von Zehntausenden von Dollars nicht gerade erschwinglich.

Mit der Wrap 920AR soll sich das nun ändern: Sie ist schon für knapp 2000 Dollar zu haben – halb so viel, wie andere AR-Displays mit vergleichbarer Auflösung (jeweils 640x480 Pixel) kosten. Als erste Zielgruppe hofft Hersteller Vuzix auf Gamer, Animationsgrafiker, Architekten und Software-Entwickler. Vuzix liefert ihnen mit der Brille auch ein Programm, mit dem sie sich ihre eigenen AR-Umgebungen bauen können.

Wer die 920AR aufsetzt, sieht nicht auf die reale Welt, sondern in zwei flache Flüssigkristall-Displays. Die Außenansicht wird von zwei Kameras, die vorne auf den Gläsern sitzen, in die Brille übertragen (siehe Bild). Um räumliches Sehen zu ermöglichen, sind deren Bilder aus leicht unterschiedlichen Winkeln aufgenommen – nicht anders als bei 3D-Filmen, die in diesem Jahr so populär geworden sind.

Beschleunigungssensoren, Kreiselkompasse und Magnetometer – zum Erfassen des Erdmagnetfeldes – ermitteln die Richtung, in die der Betrachter gerade schaut. Über einen Kabelanschluss lässt sich die Brille zudem an ein iPhone anschließen. Das liefert nicht nur Strom, sondern ermöglicht auch, neue AR-Umgebungen einzuspielen und zu steuern. Die Brille ist zwar immer noch schwerer als eine gewöhnliche Sonnenbrille, aber weit entfernt vom Gewicht ihrer Vorgänger.

Die Vuzix-Software kann verschiedene vorgegebene Markierungspunkte – wie das schwarz-weiße Pappstück – erkennen und verfolgen. Passend zum markierten Objekt fügt sie dann virtuelle Objekte hinzu. Auch neue Objekte oder Farbpunkte – wie die Coladose – lassen sich zu Markern machen. Solange die nicht zu stark gekippt werden, funktioniert das Tracking gut. Sonst fängt ihre Darstellung aber auf dem Display an zu flackern. Indem die Software kontinuierlich die Kopfhaltung vermisst, kann sie die virtuellen Objekte an der richtigen Stelle in der Aufnahme der realen Welt platzieren.

„Es gibt zwar auch andere Hersteller von 3D-Brillendisplays, aber keiner ist so günstig wie Vuzix“, sagt Steve Feiner, Informatiker an der New Yorker Columbia University, anerkennend. Er forscht seit den neunziger Jahren an Augmented Reality. Weil Vuzix Kameras und Bewegungssensoren in die Brille einbaue, fielen die Geräte deutlich kleiner aus, so Feiner.

Aufgrund des Booms bei den Smartphones sei die AR-Entwicklung aber etwas ins Stocken geraten, sagt Blair MacIntyre, der am Georgia Institute of Technology an Computerspielen mit erweiterter Realität arbeitet. Dabei seien AR-Brillen in vielen Lebenslagen praktischer als Smartphones. „Überall, wo Werkzeuge im Spiel sind – in der Medizin, beim Militär oder bei Wartungsarbeiten –, sind am Kopf getragene Displays eigentlich unverzichtbar“, findet MacIntyre. Schließlich müssten die Leute bei ihrer Tätigkeit die Hände frei haben – was schwer ist, wenn man auf einem Touchscreen herumtippen muss.

MacIntyre hält AR-Brillen auch für überlegen, wennes nur darum geht, Informationen über die Umgebung zu anzuzeigen. Wenn man etwa mehr über Sehenswürdigkeiten in einer fremden Stadt wissen will, ist es bequemer, nicht zwischendurch auf ein Smartphone-Display schauen zu müssen.

Allerdings müssten die Geräte noch leichter werden und vor allem besser aussehen, bevor sie sich durchsetzten, betont MacIntyre. Vor allem aber bedürfe es sinnvoller Anwendungen: „Die Leute werden nicht mal 100 Dollar ausgeben, wenn sie damit nichts Richtiges anfangen können.“ Er glaubt, dass Spiele die fehlende „Killer Application“ sein könnten. Anwendungen für das Geschäftsleben oder für soziale Netzwerke könnten der Technologie ebenfalls den nötigen Schwung geben.

Das Vuzix-Modell hält MacIntyre für einen „Zwischenschritt“. Es werde sich sicher nicht millionenfach verkaufen. „Aber die Brille ist schon viel dichter an dem, was wir brauchen, als alle AR-Geräte zuvor“, sagt MacIntyre.

Die finale Lösung könnte sein, auch noch auf die Displays zu verzichten. Stattdessen könnten die virtuellen Objekte dann in speziellen durchsichtigen Gläsern eingeblendet werden. „Das ist eigentlich eine ganz alte Idee der AR-Forschung“, fügt Steve Feiner hinzu. Um dahin zu kommen, müsse allerdings noch das Tracking und das Überblenden der Objekte weiter verbessert werden. Ein weiteres Problem sei, dass neuartige optische Komponenten, wie sie für eine solche Brille nötig seien, nur schwer gegen helles Umgebungslicht ankämen.

Sollte diese Hürde genommen sein, könnten sogar Menschen Brillenträger werden, die gar keine Sehhilfe benötigen, glaubt MacIntyre. „Vor zehn Jahren hätte wohl kaum jemand erwartet, dass Menschen einmal mit einem großen, blinkenden Teil am Ohr herumlaufen“, sagt MacIntyre in Anspielung auf Bluetooth-Headsets. „Am Ende überwog der Nutzen aber Bedenken, dass die Geräte unästhetisch und unbequem sind.“ (nbo)